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22.07.2013 |  Silvia Thurner

Interpretation als emanzipierter Prozess und in Worte gefasste Musik – „Musik und Poesie“ ermöglichte interessante Vergleiche

Das zweite Streichquartett von André Tchaikowsky sowie das berühmte Streichquartett von Witold Lutoslawski wurden im Rahmen von „Musik und Poesie“ bei den Bregenzer Festspielen präsentiert. Das ergab eine höchst anregende Gegenüberstellung zweier Werke aus den 1960er und 1970er Jahren. Das Streichquartett von Lutoslawski hat Maßstäbe gesetzt. Tchaikowskys Komposition ist zwar in einem weniger innovativen Stil konzipiert, es konnte aber neben dem allseits bekannten Meisterwerk bestehen. Das polnische „Meccorre Streichquartett“ mit Michael Bryla, Karol Marianowski, Wojciech Koprowski und Magdalena Makowska spielte die österreichische Erstaufführung aussagekräftig. Dazu las Robert Schneider aus seinen Romanen „Die Offenbarung“ und weckte Erinnerungen an seinen Welterfolg „Schlafes Bruder“.

Robert Schneider wählte für seine Lesung Passagen aus, in denen er Musik in Worte gefasst hatte und evozierte auf diese Weise wohl bei vielen Zuhörenden Musik im Kopf. Während die tatsächlich erklingenden Streichquartette mit neuen musikalischen Gedanken und Spieltechniken aufwarteten, beschrieb der Autor und ausgebildete Komponist eine der Tradition verbundene Musik im barocken Stil. So stellte sich ein eigentümlicher Kontrapunkt zwischen der Tradition und der Moderne sowie der Musik und Sprache ein. Besonders in jener Passage aus „Schlafes Bruder“, in der von Elias Alders Orgelimprovisation erzählt wurde, rief Robert Schneider auch Erinnerungen wach an die leidenschaftlichen Diskussionen, die der Bestseller im Jahr 1992 auslöste sowie an Autorenlesungen und Gespräche. Darüber hinaus machte der Schriftsteller in einem Gedicht Mut, auch querzudenken und der einleitende Text beinhaltete zeitkritische Anspielungen auf die Technik, die viel zu oft unsere Gefühle gefangen nimmt.

Tchaikowsky hatte etwas zu sagen


Im Zentrum des Interesses stand an diesem Abend das zweite Streichquartett (1971-72) von André Tchaikowsky, das vom „Meccorre Streichquartett“ sehr konzentriert und feinsinnig dargeboten wurde. Am Beginn reagierten die Quartettmusiker jeweils auf gegenseitige Impulse, dann breitete das Violoncello mit großem Ambitus eine Kantilene aus. Die anderen Stimmen nahmen Motive aus dieser melodischen Linie auf und entwickelten sie weiter, so dass eine fortlaufende Kette von Ereigniseinheiten mit einzelnen Dialogmustern entstand. Gut nachvollziehbar wurden die musikalischen Felder verwoben und zur Passacaglia geführt, die Tchaikowsky als Zentrum des Werkes bezeichnete. Hier zogen Verdichtungen über einem immer wiederkehrenden und variierten Grundthema des Violoncellos sowie abrupte Gedankensprünge die Aufmerksamkeit auf sich. Die Stimmen drifteten auseinander, beruhigten sich, entfernten sich voneinander, besannen sich auf vorangegangene musikalische Gedanken und entwickelten daraus wieder Neues. Stringent und in sich schlüssig spielte Tchaikowsky mit bekannten und umgestalteten Motivkernen. Vielerlei Spieltechniken und mikrotonale Färbungen verliehen dem Werk eine zusätzliche Note.

Dem Vergleich standgehalten


Der Vergleich mit Witold Lutoslawskis Streichquartett (1964) war spannend, denn diese Komposition ist ein Schlüsselwerk der Kompositionsgeschichte. Es ist begrenzt aleatorisch konzipiert und stellte enorme Ansprüche an die Streichquartettmusiker. Die Musiker des "Meccorre Streichquartett" spielten und agierten sehr konzentriert aufeinander, so dass die driftenden und frei zu gestaltenden Passagen mitreißende Aufspreizungen und Verschiebungen ergaben, die reizvoll mitzuverfolgen waren.

Ein Ersatz


Auch die zweite Konzertlesung überzeugte durch das hohe Niveau der Darbietungen und die kluge Programmierung. So waren die ersten beiden „Musik und Poesie“ Abende eine kleine ‚Entschädigung’ für die fast vollständig eliminierten Konzerte, die zu besseren finanziellen (Festspiel)Zeiten im Rahmen der „Kunst aus der Zeit“ angeboten wurden.

Das "Meccorre Streichquartett" erhielt viel Zustimmung für die Werkdeutungen der Streichquartette von André Tchaikowsky und Witold Lutoslawski. (Foto: Bregenzer Festspiele)

Das "Meccorre Streichquartett" erhielt viel Zustimmung für die Werkdeutungen der Streichquartette von André Tchaikowsky und Witold Lutoslawski. (Foto: Bregenzer Festspiele)

Robert Schneider las Passagen aus "Schlafes Bruder" und "Die Offenbarung" im Sinne einer erdachten, fiktiven Musik. (Foto: Bregenzer Festspiele)

Robert Schneider las Passagen aus "Schlafes Bruder" und "Die Offenbarung" im Sinne einer erdachten, fiktiven Musik. (Foto: Bregenzer Festspiele)

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  • Das "Meccorre Streichquartett" erhielt viel Zustimmung für die Werkdeutungen der Streichquartette von André Tchaikowsky und Witold Lutoslawski. (Foto: Bregenzer Festspiele) Das "Meccorre Streichquartett" erhielt viel Zustimmung für die Werkdeutungen der Streichquartette von André Tchaikowsky und Witold Lutoslawski. (Foto: Bregenzer Festspiele)
  • Robert Schneider las Passagen aus "Schlafes Bruder" und "Die Offenbarung" im Sinne einer erdachten, fiktiven Musik. (Foto: Bregenzer Festspiele) Robert Schneider las Passagen aus "Schlafes Bruder" und "Die Offenbarung" im Sinne einer erdachten, fiktiven Musik. (Foto: Bregenzer Festspiele)