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31.07.2017 |  Markus Barnay

Wirtschaftswunder dank US-Hilfe - Publikation zum 70-Jahr-Jubiläum des Marshallplans

Wie kommt es, dass ein Land wie Vorarlberg, in dem Jahrzehnte zuvor noch viele Menschen zur temporären Auswanderung gezwungen waren, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, in dem in den 1930er Jahren viele Menschen hungerten und in dem Arbeitslose aus anderen Teilen Österreichs des Landes verwiesen wurden, ein Land, in dem am Ende des Zweiten Weltkriegs viele Firmen vor dem Ruin standen, weil sie keine Rüstungsgüter mehr produzieren durften, wie kommt es, dass ein Land, das nach 1945 allem Anschein nach wirtschaftlich bei Null anfangen musste, so schnell wieder über eine funktionierende Wirtschaft verfügte und zu einem der wohlhabendsten Länder der Welt wurde?

1945: Enormer Startvorteil für Vorarlbergs Wirtschaft

Die traditionelle Antwort auf diese Fragen handelt von Fleiß und Sparsamkeit der Bewohner, vom Unternehmergeist der Firmengründer und –chefs, vom gloriosen „Wiederaufbau“ nach dem Krieg eben. Die etwas seriösere, wissenschaftliche Antwort verweist auf die guten Startbedingungen der Vorarlberger Wirtschaft nach 1945: wenig Zerstörungen durch Kriegshandlungen, enorme Infrastruktur-Leistungen durch das Deutsche Reich in Form von Kraftwerks- und Straßenbauten, bei denen tausende Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter billige Knochenarbeit leisteten, rasche Entnazifizierungen und Reinwaschungen der Fabrikanten, die den Nazis sieben Jahre zuvor zur Macht verholfen hatten, und schließlich der Vorteil der Grenznähe zur Schweiz, die in Gestalt der „Wirtschaftsstelle Vorarlberg-Schweiz“ ab 1946 der Vorarlberger Wirtschaft einen enormen Startvorteil gegenüber anderen Bundesländern verschaffte.

14 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau

Eher selten ist im Zusammenhang mit dem „Wiederaufbau“ Österreichs von den ungeheuren Summen die Rede, die von den USA zwischen 1948 und 1952 im Rahmen des sogenannten „Marshallplans“ nach Europa und insbesondere auch nach Österreich gepumpt wurden – insgesamt 14 Milliarden Dollar, davon über 1 Milliarde allein für Österreich, wurden im Rahmen des Europäischen Wiederaufbauprogrammes (ERP) in Europa investiert.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet in einer Zeit, in der ein amerikanischer Präsident sein Land abschotten will und Bündnisse wie NATO und EU nur noch danach beurteilt, ob sie den USA nützen, ein Buch erscheint, das an die Wurzeln dieser Bündnisse erinnert – und die liegen nicht zuletzt in den Aktivitäten der USA, deren Grundstein im Juni 1947 gelegt wurde: Damals hielt der amerikanische Secretary of State George C. Marshall vor Studierenden der Universität Harvard eine Rede, die das Wiederaufbauprogramm für die im Zweiten Weltkrieg zerstörten europäischen Länder skizzierte – und die dem Programm die Bezeichnung „Marshallplan“ eintrugen.

Marshallplan als Grundlage für den heutigen Wohlstand

70 Jahre nach der Rede Marshalls erinnert jetzt ein umfassendes, reich bebildertes Buch an die Geschichte des Marshallplans, der bis heute fortwirkt: 1962 wurde mit Geldern, die durch die ERP-Hilfe erwirtschaftet wurden, ein Fonds begründet, der bis heute Kredite im Wert von über 200 Milliarden ATS (rund € 15 Mrd.) an österreichische Unternehmen vergeben hat – und weiterhin in Höhe von rund € 500 Mio. pro Jahr vergibt. Geschrieben wurde das Buch vom gebürtigen Bregenzerwälder Günter Bischof, Professor für Geschichte und Direktor des Austrian Marshall Plan Center for European Studies an der Universität von New Orleans, die Fotos beschafft und beschrieben hat Koautor Hans Petschar. Die Bedeutung des Marshallplans skizzieren die beiden kurz und bündig: „In Europa schuf der Marshallplan die Voraussetzungen für die wirtschaftliche Zusammenarbeit und die politische Einigung, in Österreich bildete er die Grundlage für den Sozialstaat und den Wohlstand, den wir heute genießen.”

Günter Bischof schildert in seiner Darstellung aber nicht nur die große Bedeutung der ERP-Kredite für die wirtschaftliche Entwicklung Österreichs, sondern auch die Konflikte, die immer wieder entstanden, wenn die Vertreter der US-Regierung die Zahlungen mit konkreten Bedingungen verknüpften, die ihren Vorstellungen einer effizienten Verwaltung entsprachen – und manche Beobachtungen aus den 1950er Jahren kommen einem gelernten Österreicher auch fast 70 Jahre später noch recht vertraut vor: „1951 schickte das Department of State den bekannten Politikwissenschaftler Hans Morgenthau von der Universität Chicago nach Wien. Er sollte sich ein Bild vom Zustand der österreichischen politischen Szene machen. Der ursprünglich aus Deutschland emigrierte Morgenthau bemängelte das „quasi-feudale Verhalten“ der Parteien und ihrer Führer. Der Würgegriff, mit dem sie das politische Leben in Österreich umklammerten, und ihre Reformverweigerung sei eine stehende Einladung für Korruption auf der Regierungsebene und führe zu ‘Apathie und Zynismus’ in der Bevölkerung.”

„Reformresistente“ große Koalition – schon in den 1950er Jahren

Zum ernsthaften Konflikt und der Drohung mit einem Zahlungsstopp kam es Anfang der 1950er Jahre aber auch, als verstaatlichte Banken, die von der ÖVP kontrolliert wurden, ERP-Gelder missbräuchlich für Devisenspekulationen verwendeten. Als die österreichische Regierung eine Untersuchung der Affäre immer wieder verschleppte, drohten die Amerikaner mit einer Kürzung der ERP-Hilfe. Schließlich gab die Regierung Raab nach und zahlte über eine Million Dollar zurück – ohne ein formelles Schuldbekenntnis: „Die österreichische politische Kultur, festgefahren im fortwährenden Geschacher in der ,großen Koalition’ und im Klientelismus, schien völlig reformresistent.

Vorarlberger Firmen profitierten

Von den Geldern der amerikanischen Steuerzahler profitierten auch zahlreiche Vorarlberger Firmen: Praktisch sämtliche Textilunternehmen, die Papierfabrik Rondo-Ganahl, die Baufirma Hilti, der Maschinenbauer Schelling und vor allem zahlreiche Tourismusbetriebe erhielten günstige ERP-Kredite. Allein in der Region Arlberg mit Lech/Zürs und St. Anton wurden rund 60 % der Lift- und Seilbahnanlagen mit ERP-Krediten finanziert, insgesamt flossen ohnehin über 60 % der ERP-Mittel für den Tourismus in die westlichen Bundesländer Salzburg, Tirol und Vorarlberg. Das „Wirtschaftswunder“ war also auch in Vorarlberg das Ergebnis gezielter Maßnahmen, die nicht zuletzt dazu dienten, die Idee der sozialen Marktwirtschaft gegenüber den Vorstellungen einer kommunistischen Planwirtschaft durchzusetzen.

 

 

Günter Bischof/Hans Petschar, Der Marshallplan. Die Rettung Europas und der Wiederaufbau Österreichs. 336 Seiten, ca. 350 Abbildungen, € 49,90, ISBN 978-3-7106-0166-8, Verlag Brandstätter Wien 2017

 

 

 

 

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