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13.03.2017 |  Ingrid Bertel

Oh wie schön ist’s im Gebirg! - Der Bildband „Rund um den Hochtannberg“ erinnert an eine Gebirgswelt ohne Tourismus

Wie sahen die Dörfer Warth, Hochkrumbach und Schröcken aus, bevor Hotels und Lifte, Straßen und Parkplätze das Landschaftsbild bestimmten? Der Historiker Christof Thöny hat rund 70 Fotos aus der Mitte des 20. Jahrhunderts ausgegraben. Ihr Urheber ist der Dornbirner Textilarbeiter Franz Beer. Er sollte im Auftrag der „Naturschau“ bäuerliches Leben dokumentieren. Christof Thöny veröffentlicht diese erstmals - in einem Band mit informativem Begleittext.

Dolomiten. Selbst Soldat, sollte er den Krieg ablichten. Wie er das machte – als „inszenierte Wirklichkeit“ – das war hundert Jahre später, 2015, Thema einer Ausstellung im Stadtmuseum Dornbirn. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte Beer zurück in die Textilfirma F.M. Hämmerle, wo er als Werksfotograf arbeitete. Seine Bilder aus dem Krieg aber wurden immer wieder ausgestellt, und allmählich veränderte sich der Blick auf diese gestellten Szenen, wurde immer stärker einer Haltung angepasst, die auf neuerlichen Krieg drängte.

„Helden der Arbeit“


Eine ideologische Färbung hatte auch der wichtigste Auftrag, den Beer je erhielt. Erteilt hat ihn 1940 Siegfried Fussenegger, der Gründer und spätere Leiter der Naturschau. Ihm ging es um eine möglichst umfangreiche Dokumentation der Vorarlberger Landschaften und des bäuerlichen Lebens. Die rund 70 Bilder, die Christof Thöny aus dieser Sammlung ausgewählt hat, wurden am Hochtannberg aufgenommen.

Franz Beer hatte offensichtlich eine besondere Liebe zu dieser Gegend. Seine Bilder zeigen die vom Tourismus nahezu unberührten Dörfer, wunderbare anonyme Architektur in allen liebevoll betrachteten Details. Da ist etwa das Geburtshaus des „Lawinen Franz Josef“, die eng zusammengebaute Parzelle Unterboden zu Füßen der Künzelspitze oder die anmutige Jakobuskirche von Hochkrumbach. Die auf 1600 Metern Höhe gelegene Gemeinde war um 1940 so ziemlich verlassen. Jahrhundertelang hatte Hochkrumbach als ärmstes Dorf des Landes gegolten. Heute ist es Ausgangspunkt für das Skigebiet Warth-Schröcken.

Beer hat aber vor allem im Sommer fotografiert, während der Heuarbeiten. Auf seinen Bildern gibt es Heinzen und Pferde, Kühe mit Hörnern, Ziegen, Schafe und Heutücher – diese wunderbaren Tücher, in denen die Sonne, die menschliche Arbeit, Blütenstaub und die Freude am Zusammensein als Duft und Farbe bewahrt sind. Ein Bild zeigt den Fotografen selbst, auf steiler Wiese posierend. Ja, inszeniert sind auch diese Bilder, sofern Menschen in ihnen auftauchen. Das sind die Familien Drexel oder Rietzler, und sie werden als Helden der Arbeit in Szene gesetzt. Ihre schmalen, durchtrainierten Körper rühren einen dennoch an. Wie viel noble Zurückhaltung, wie viel zarte Zuwendung liegt in diesen Menschenbildern. Herausgeber Christof Thöny schließt – trotz des verdächtigen Entstehungszeitraums zwischen 1940 und 1943 eine persönliche Nähe Beers zum Nationalsozialismus aus. Beer hatte seine Unternehmungen als Fotograf 1943 eingestellt, als sein Auftraggeber, Siegfried Fussenegger, von Gauleiter Hofer als Direktor der Naturschau fristlos entlassen worden war.

So bleiben die Bilder Beers ein Zeitdokument, das zu Fragen anregt, zum Erkunden der Gegend, zur Auseinandersetzung mit den Veränderungen einer Kulturlandschaft.

 

Christof Thöny (Hg.), Rund um den Hochtannberg. Fotografien von Franz Beer. Bildband mit historischen Fotografien von Franz Beer sowie Texten von Christof Thöny, € 19, ISBN 978-3-9504113-0-0, Lorenzi Verlag 2016

Rosamunde Muxel

Rosamunde Muxel

Bauernhaus in Schröcken, im Hintergrund die Künzelspitze

Bauernhaus in Schröcken, im Hintergrund die Künzelspitze

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  • Rosamunde Muxel Rosamunde Muxel
  • Bauernhaus in Schröcken, im Hintergrund die Künzelspitze Bauernhaus in Schröcken, im Hintergrund die Künzelspitze