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18.09.2018 |  Annette Raschner

Michael Vögels Debütroman „Quasi Jesus“ - Auf den Kopf gestellter Heimatroman

Michael Vögel dürfte vielen hierzulande (noch) kein Begriff sein. Nein, es handelt sich nicht um den bekannten Vorarlberger Kabarettisten und Dramatiker, der heißt mit Vornamen Stefan. Verwandt sind die beiden auch nicht miteinander. Ersterer hat jedenfalls vor einem Jahr ein Arbeitsstipendium des Landes für einen Auszug aus einem unveröffentlichten Prosatext erhalten. In Romanform ist dieser nun unter dem Titel „Quasi Jesus“ im Czernin Verlag erschienen. Über weite Strecken beeindruckt das knapp 340 Seiten umfassende Romandebüt des im Kleinwalsertal geborenen und in Hittisau lebenden Autors, aber es gibt auch Irritationen!

„Es grüßten bereits die Berge, die schneeweißen, aus einem satten Hellblau sich schneidenden Gipfel, die schroffen Zacken und Kanten, Zinnen und Türme, die jäh aus tiefen Gründen aufschießenden Hänge, über die sich schützend dunkle Nadelwälder geworfen hatten, die schaurig rauschten, wenn der Föhn durch sie pfiff.“ Ein ambitionierter erster Satz – repräsentativ für das, was darauf folgt!

Gott und die Welt

Ein aus der Landeshauptstadt kommender Schriftsteller namens Josef Quantenspringer (mit bürgerlichem Namen Josef Kantinger) bezieht das Zimmer eines Gasthofes in einem nahe gelegenen Dorf, um den seit längerem ins Stocken geratenen Schreibfluss wieder in Gang zu bringen. Einst war er mit dem Buch „Mein Krampf“ bekannt geworden; einem „Heimatroman, der von Bergeshöhen, Trachtenjankern und Heimattreue, aber auch vom Saufen, vom Ficken und von in Kokainräuschen vollgeschissenen Betten handelte“. In der Dorfidylle erhofft er sich die nötige Inspiration, um über „Gott und die Welt“ zu schreiben. „Denn es war nicht die Zeit zum Kotzen, das war von Anfang an keine Geschichte, in der einfach alles aus sich herausgekotzt werden konnte. Die Zeit, innezuhalten, war gekommen.“

Korrupte Umwidmungen

Die Einheimischen begegnen dem Fremden mit Ablehnung, schließlich hat dieser mit einem literarischen Skandal lokale Berühmtheit erlangt. Das Misstrauen verstärkt sich, als klar wird, dass Quantenspringer über die Geschehnisse im Ort schreiben möchte, und das in durchaus kritischer Manier. Denn der geplante Bau eines riesigen, von einem russischen Milliardär finanzierten Wellnesshotels im Hinteren Wildbachtal geht nicht ohne Komplikationen vonstatten. An sich wertloser Weidegrund muss in gewinnträchtigen Baugrund umgewidmet werden, dafür braucht es allerhand Überzeugungs-, sprich: Bestechungsarbeit, die in diesem Dorf stets im Namen des Heilands geleistet wird. Denn die meisten DorfbewohnerInnen haben mittlerweile zwei Götter, und die gilt es, miteinander in Einklang zu bringen: den Katholizismus und den Kapitalismus. 
Nur einer legt sich ordentlich quer: Der alte Krämer Elias, ein tief religiöser, fleißiger Bauer, dem jener Grund gehört, auf dem der „Kristalltempel“ gebaut werden soll. Elias ist der einzige, der beim bevorstehenden Passionsspiel, das alle fünf Jahre im Dorf aufgeführt wird, nicht mitmacht. Und er ist derjenige, der im Gasthof Hirschen, dem eigentlichen Hauptschauplatz des Romans, einen Eklat verursacht, als er in einer flammenden Predigt die Dorfbewohner und ihre Machenschaften anprangert, woraufhin er kurzerhand in die Nervenheilanstalt Maria Höhe verfrachtet wird. Die letzte Bastion gegen das Hotelprojekt scheint gefallen zu sein, doch dann macht die Natur jeglichen kapitalistischen Höhenflügen einen Strich durch die Rechnung. Es hört einfach nicht mehr auf zu schneien…

Dorfidylle entpuppt sich als Alptraum

Nach und nach entwickelt sich die Geschichte zum Krimi. Im völlig desaströsen Haus der Krämers findet Quantenspringer eine goldverzierte, mit zahllosen Notizen versehene Bibel. „Zittrige Zeichen, die sich zu unleserlichen Kommentaren verdichteten, wirr Ränder und Spalten füllten und sich in die schmalen Räume zwischen den Zeilen schoben (…) Kränkungen, Schmähungen, die ihm widerfahren waren, die Wickel mit den Nachbarn (…) der Krämer hatte in die Geschichte der Evangelien die des Dorfes eingefügt.“ Der Schriftsteller leckt Blut, zumal jene Textfassung, die der Lehrer Hannes Bundschuh für die diesjährigen Passionsspiele erarbeitet hat, auffallende Ähnlichkeiten mit den Ausführungen des Krämers aufweist. Und Quantenspringer fragt sich zusehends: „Welche Rolle nahm er denn selbst in diesem Schelmenstück ein?“

Die Rache der Natur

Viel Akribie hat Autor Michael Vögel für die Komposition dieser auf mehreren Ebenen spielenden, hoch komplexen Geschichte aufgewendet. Die Schilderung des Milieus ist glaubwürdig, jene der imposanten Landschaft sprachlich überzeugend, teilweise sogar bedrückend schön. Auch die Botschaft ist klar: Wo die Natur vergewaltigt und die Bedürfnisse so mancher Dorfbewohner übergangen und missachtet werden, wo alles der Gier und den korrupten Machenschaften Einzelner geopfert wird, bleibt nichts ohne Folgen. Die Rache, sie kommt in diesem Falle von der Natur selbst.

Ambivalenzen

Die Irritation beim Lesen ergibt sich aufgrund der nicht ganz klaren Erzählhaltung (Realsatire? Persiflage? Politkomödie? …), der holzschnittartig gezeichneten Figuren und so mancher sprachlicher Querschüsse, die die an sich große Ausdruckskraft des Autors mindern.
Wenn da von „aufmüpfigen Wassern“ und „nackerten Bündten“ die Rede ist oder der Autor Formulierungen wie die eines „in die Jahre gekommenen, jungen Mannes“ und eines „fuchsteufelswildgewordenen Wilden“ verwendet, erzeugt das eine eher unfreiwillige Komik. Einige schräge Bilder und so manch bedeutungsschwangerer Satz erzeugen den Eindruck, dass Michael Vögel mit seinem Bestreben, alles auf den Kopf zu stellen, teilweise eindeutig zu weit gegangen ist: „Graue Haare schrien vereinzelt, aber doch hartnäckig vom Kopf herab oder stachen aus den dunklen Bartstoppeln hervor wie abgestorbene Bäume aus einem Wald.“
Im Laufe der Lektüre wächst die Sehnsucht nach einem klaren Satz, der vor der fünften Zeile endet, und nach dem, was sich kurz und bündig so zusammenfassen lässt: Weniger ist manchmal auch mehr!

Michael Vögel, Quasi Jesus, Czernin Verlag, Wien 2018, 344 Seiten, ISBN: 978-3-7076-0643-0, € 25

 

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