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20.03.2017 |  Ingrid Bertel

„Man sieht Sie aber immer spazieren!“ - Robert Walsers Erzählung „Der Spaziergang“ sowie weitere Prosastücke liegen nun in einer wunderbar genau edierten kritischen Ausgabe vor

Robert Walser starb am 25. Dezember 1956 auf einem seiner ausgedehnten Spaziergänge in Herisau bei St. Gallen. Das letzte Bild zeigt ihn im Schnee liegend, der weite Schalkragen seines Pelzmantels lässt den korrekten Dreiteiler, den er stets trug, erahnen, die elegant geknotete Krawatte. Ein paar Meter entfernt sieht man den Hut im unberührten Schneefeld. Robert Walser liegt auf dem Rücken, die Augen weit geöffnet zum Himmel. Es ist ein Bild von so ultimativer Einsamkeit, dass man es schwerlich vergessen kann, und es verlässt einen auch nicht bei der Lektüre all der heiteren „Spaziergänge“, mit denen er uns LeserInnen beschenkt.

Robert Walser ist ein Autor, dem Literaturkenner stets die höchste Achtung entgegenbrachten. Gelesen wurde er aber von wenigen. Damit sich daran etwas ändert, geben Barbara von Reibnitz und Wolfram Groddeck seit 2008 Band für Band eine kritische Ausgabe heraus, die von den Verlagen Stroemfeld und Schwabe gemeinsam getragen wird. Soeben erschienen ist Band I8. Er enthält etwa die Erzählung „Der Spaziergang“, Walsers zu Lebzeiten erfolgreichstes Buch.

Die Verbindung mit der lebendigen Welt


„Spazieren … muss ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrecht zu halten, ohne deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben und nicht das leiseste Gedicht in Vers oder Prosa mehr hervorbringen könnte“, heißt es darin. So anmutig und leicht sich „Der Spaziergang“ liest, er ist doch gleichzeitig Walsers Poetologie, formuliert in schlackenloser Klarheit. „…im Grunde eine allerliebste Vorlesung über das Wesen des Dichters“, nannte Hans Müller 1917, kurz nach seinem Erscheinen den „Spaziergang“. Walser „verrichtet an sich seelische Sezierarbeit“, so ein unbekannter Rezensent im Berner Tagblatt. Doch nicht alle LeserInnen erkannten die literarische Schärfe hinter der sich heiter gebenden Promenade, nannten sie wechselweise „tändelnde, liebliche“, „kapriziöse gestrichelte“ oder „impressionistische Plauderei“, verglichen den Autor mit Peter Altenberg und freuten sich an den „tollen Einfällen“.
Und es ist wahr: Auf dem sich so harmlos gebenden Spaziergang häufen sich bedrohliche Begegnungen. Der Riese Tomzack ist nur die auffälligste darunter. Als nämlich der Spaziergänger endlich bei Frau Aebi eintrifft, die ihn zum Mittagessen eingeladen hat, wird er auf die absurdeste Weise genötigt: „Ich darf unmöglich zugeben, dass Sie schon aufhören wollen, abzuschneiden und einzustecken, und nimmermehr glaube ich, dass Sie wirklich satt sind. Sie sagen ganz bestimmt nicht die Wahrheit, wenn Sie sagen, dass Sie bereits am Ersticken seien. Ich bin verpflichtet zu glauben, dass das nur Höflichkeiten sind.“

Die existenzielle Angst, die den so Traktierten überfällt, ist in einen erschütternd transparenten Mantel der Komik gehüllt. Freundlich, ja unterwürfig, jedenfalls stets bereit, dem Gegenüber weit mehr Ehre anzutun, als ihm gebührt, ist dieser Spaziergänger. In seiner Bescheidenheit aber spiegelt sich die ganze Monstrosität der kleinbürgerlichen Welt, durch die er so allein spaziert. Jedes Gespräch ist bestimmt von einem herrischen Gestus, der Hierarchie will und Verletzungen zufügt. Dann weht durch Walsers ungemein wohlerzogene Sprache der kurze Atem der Anarchie, die Wut des Gedemütigten, die doch endlich zu einer Explosion führen müsste. Wie viel Hochmut lässt sich der Spaziergänger noch bieten? Aber die Explosion bleibt aus. Der Spaziergänger, den sein Weg auch zum Präsidenten der Steuerkommission führt, muss für dieses Mal nicht zahlen, sondern „nur“ eine mündliche Besprechung über sich ergehen lassen.

Die dumme Belehrung


Da ergreift er denn auch selbst das Wort: „Ein Sperling hat mehr Aussichten, wohlhabend zu werden als gegenwärtiger Berichterstatter und Steuerzahler. Ich habe Bücher geschrieben, die dem Publikum leider nicht gefallen, und die Folgen davon sind herzbeklemmend. (…) Wohl gibt es gütige Gönner und freundliche Gönnerinnen, die mich von Zeit zu Zeit in der edelsten Art unterstützen; aber eine Gabe ist kein Einkommen, und eine Unterstützung ist kein Vermögen.“
In den 37 Jahren, die Walser blieben, hat sich an diesem bitteren Befund nichts geändert.

Die kritische Ausgabe der Werke Robert Walsers erscheint im Verlag Stroemfeld. Für den Frühling ist der Band „Drucke in der Neuen Rundschau“ avisiert.

 

 

Robert Walser, Band I8, Prosastücke. Kleine Prosa. Der Spaziergang, 351 Seiten € 78, ISBN 978-3-7965-3457-7, Stroemfeld Verlag, 2016

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