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12.11.2017 |  Markus Barnay

„Landeskunde“ einmal anders - Vorarlberg von 1 bis 101 statt von A bis Z: „Vorarlberg kompakt“ von Alois Niederstätter

Eigentlich schrillen ja bei gelernten VN-LeserInnen die Alarmglocken, wenn sie in der „Bestsellerliste“ der russverlagseigenen Buchhandlung im Messepark ein Buch auf Platz 1 entdecken, das gerade erst auf den Markt kam: Hat der Geschäftsführer zu viele Exemplare geordert und fürchtet, dass er sie nicht los wird? Steckt gar der eigene Verlag dahinter und will das eigene Buch pushen? Gibt es einen Deal mit dem Herausgeber des Buches? Der Gedanke, dass das Buch tatsächlich so oft gekauft wird, mag sich jedenfalls nur zögernd einstellen – schließlich war das Buch zu diesem Zeitpunkt (22. September) noch gar nicht öffentlich präsentiert worden. Nach einer ersten Lektüre des Buches steht aber eines fest: „Vorarlberg kompakt. 101 Fragen – 101 Antworten“ hat sich durchaus viele LeserInnen verdient!

Mehr oder weniger originelle Fragen

Es ist jedenfalls eine interessante Idee, eine Art Landeskunde einmal in Form eines Lexikons zu präsentieren, das sich zudem nicht an simplen Buchstaben, sondern an – mehr oder weniger originellen – Fragen entlang hantelt: „Sind die Vorarlberger ‚Alemannen’?“ wird da beispielsweise gefragt, oder „War Vorarlberg immer schon ein ‚Ländle’?“. Neben Themen, die schon vielfach abgehandelt wurden, tauchen auch solche auf, die aktuell und brisant sind, etwa „Welche Folgen hat das Schrumpfen der Freiräume?“. Die Antworten sind – wie der Titel des Buches verspricht – kompakt, bisweilen auch unterhaltsam, vor allem aber sachlich fundiert. Einzige Ausnahme: Der Verfassungsjurist Peter Bußjäger kann es wieder einmal nicht lassen, seine Nebentätigkeit als Direktor des Föderalismusinstituts in Form einer ideologisch geprägten Polemik in einen sachlichen Text einfließen zu lassen: „Ist Vorarlberg ein selbständiger Staat?“ lautet die Frage, die er – verfassungsrechtlich korrekt – mit einem freudigen „Ja!“ beantwortet, was ja auch der Landesverfassung entspricht (Artikel 1, Abs. 2: „Als selbständiger Staat übt Vorarlberg alle Hoheitsrechte aus, die nicht ausdrücklich dem Bund übertragen sind oder übertragen werden.“). Sein Schlusssatz: „Sowohl der Bund als auch die Europäische Union versuchen immer wieder, den Gestaltungsspielraum der Länder zu beschneiden.“ Ja, so stellen sich der kleine Maxl und der große Jurist den Föderalismus vor: Die armen Länder darben! Der böse Bund und die noch bösere Europäische Union wollen sie einschränken! Wahrscheinlich müssen die Steuerzahler deshalb einen teuren Landtag finanzieren, der bei jeder zweiten Sitzung über Themen diskutiert, für die er gar nicht zuständig ist.

Märchen, Mythen und Legenden – pointiert entlarvt

Im übrigen gibt „Vorarlberg kompakt“ aber einen aktuellen Überblick über historische und andere Fragen, die BewohnerInnen und BesucherInnen des Landes gleichermaßen interessieren dürften. Neben dem Direktor des Landesarchivs, Alois Niederstätter, der als Herausgeber rund zwei Drittel aller Beiträge verfasste, kommen auch Fachleute für Spezialfragen zu Wort. So darf der Historiker Mathias Moosbrugger die Mär von der einstigen „Wälderrepublik“ pointiert als Mythos entlarven, und Meinrad Pichler die leicht polemische Frage „War Vorarlberg ein unschuldiges Opfer des Nationalsozialismus?“ mit einem Nein beantworten, das allerdings etwas differenzierter ausfällt: „Die NS-Herrschaft in Vorarlberg war Teil des nationalsozialistischen Systems. Nicht mehr und nicht weniger.“ Neben den Standard-Themen einer Vorarlberg-Geschichte des 19. (Bayerische Herrschaft, 1848, Auswanderung nach Amerika, „Kasiner“, Franz Michael Felder) und 20. Jahrhunderts (Anschlussbestrebungen an die Schweiz, Lawinenkatastrophe 1954, Twistverbot, Schiffstaufe Fußach, „Flint“, Baukultur) werden etliche Themen angeschnitten, die nicht dem Allgemeinwissen einer Bevölkerungsmehrheit entsprechen dürften: „Seit wann dürfen Vorarlbergerinnen studieren?“ fragt beispielsweise Meinrad Pichler (Antwort: Ab 1917 durften Mädchen – als „Hospitantinnen“ – an der Realschule Dornbirn maturieren), und Alois Niederstätter verblüfft sicher etliche Leser mit der Frage: „Warum gehörte Vorarlberg jahrhundertelang zu ‚Oberösterreich’?“ (Antwort: Weil Tirol, die vorarlbergischen Herrschaften und die Besitzungen der Habsburger in Schwaben, der Schweiz und im Elsaß bis 1805 als „oberösterreichische Länder“ bezeichnet wurden – im Gegensatz zu Nieder- und Innerösterreich).

Land der „Häuslebauer“ – oder nur der Zersiedelung?

Verblüffend sind aber auch andere Fakten, die in „Vorarlberg kompakt“ zur Sprache kommen: So weist Alois Niederstätter darauf hin, dass der Mythos von den Vorarlbergern als geborene „Häuslebauer“ tatsächlich nur ein Mythos ist – jedenfalls im Vergleich zu anderen Bundesländern: Vorarlberg liegt mit 69 Prozent Einfamilienhäusern deutlich unter dem österreichweiten Durchschnitt von 73 Prozent – und weit hinter dem Burgenland (88 Prozent aller Häuser mit nur einer Wohnung), Niederösterreich (82 Prozent) sowie Steiermark und Kärnten (77 und 72 Prozent). Da drängt sich der Verdacht auf, dass die Ausbreitung der Einfamilienhäuser (und die damit verbundene Zersiedelung – der im Buch ein eigener Beitrag gewidmet ist) womöglich etwas mit der Zuwanderung aus anderen Bundesländern zu tun hat und gar kein so urwüchsiges „Vorarlberger“ Phänomen ist wie heute jene Politiker behaupten, die „Hände weg vom Eigentum!“ schreien, wenn jemand es wagt, eine gerechtere Grundstückbesteuerung oder gar eine Erbschaftssteuer zu fordern.

„Vorarlberg kompakt. 101 Fragen – 101 Antworten“ erweist sich jedenfalls als spannendes Nachschlagwerk, das leichter zu lesen ist als die meisten Geschichtsbücher – und erst recht als jene „Landeskunden“, die ja wohl zu Recht schon seit einigen Jahrzehnten ausgestorben sind. Und die eine oder andere Frage könnte auch die „Millionenshow“ bereichern – zum Beispiel: „Seit wann gibt es in Vorarlberg ‚Türken’?“ (Antwort in jeder Buchhandlung).

Alois Niederstätter (Hg.): Vorarlberg kompakt. 101 Fragen - 101 Antworten. Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 2017. 288 S., €29,90, ISBN 978-3-7030-0954-9

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