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05.09.2017 |  Ingrid Bertel

Hackl ins Kreuz - „Kaltviertel“ von Franz Kabelka

Landkrimis erfreuen sich anhaltender Beliebtheit, und so lässt Franz Kabelka seine Frieda Prohaska nach ihrem Ausflug ins indische Kerala wieder danach fragen, was die österreichische Provinz so tödlich macht.

Penzdorf im Waldviertel – das ist ein Ort, der nicht von ungefähr an Braunschlag erinnert oder auch an Dorf Ilm, wo vier Frauen regelmäßig ungewöhnliche Todesfälle aufklären. Auch Penzdorf hat einen geldgierigen Bürgermeister, einen windigen Oppositionspolitiker, eine vergiftete Atmosphäre, eine lastende Vergangenheit. Und für diese Vergangenheit gibt es einen emblematisch finstern Ort: die Gudenushöhle. Sie trägt den Namen eines niederösterreichischen Landadeligen und ehemaligen Bundesrats. Womit die politischen Koordinaten des Krimis skizziert wären.
Knochen und Werkzeug aus der Älteren Steinzeit wurden in der Gudenus-Höhle gefunden, auch die Ritzzeichnung eines Rentierkopfes auf einem Adlerknochen. Rentiere im Waldviertel? Ein paar Scherzbolde nennen es deshalb „Kaltviertel“. Und dafür gibt es mehr als klimatische Gründe.
Die Journalistin Frieda Prohaska ist nach gefährlichen Recherchen über Schwermetalle in Ayurveda-Produkten aus Indien zurückgekehrt. In ihrem Geburtsort Penzing will sie zu sich selbst finden, denn die Zukunft, die vor ihr liegt, ist ziemlich verworren. Wenn schon Waldviertel, dann könne sie doch gleich für eine Reportage über Windanlagen recherchieren, bietet ihr der Magazinchef an. Denn Penzing liegt gleichsam im Auge eines Hurricanes.

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind!

Weil durch die Wälder des Waldviertels beständig der böhmische Wind pfeift, sind Windanlagen rentabel. Ein heimischer Betreiber setzt sich mit seinem Cousin, dem Bürgermeister Ernst Kastner, ins Einvernehmen. Der hat allerdings in seinem früheren Freund, dem Unternehmer Gottfried Gerstl, einen erbitterten Gegner. Gerstl geht gar so weit, in Erwinland aus der ÖVP auszutreten und eine freiheitliche Initiative gegen Windanlagen zu starten. Traurig lächelt der Sozialdemokrat Walter Fuchs, Erbauer des ersten Windrads in Penzdorf: „… als Einzelner kannst‘ halt nur klein anfangen, nicht wahr – und musst auch klein aufhören.“
Wie wahr. Und wie unprätenziös gesagt. Fein klingen Erfahrung, Beobachtung und Nachdenklichkeit zusammen, und eine philosophische Haltung setzt Kabelka ungezwungen in den lokalen Kontext: „Das Schlechte rührt daher, sagt Sokrates, dass der Mensch sich über das Gute irrt.“

Brettl vorm Kopf

Nicht so brillant sind dagegen Kabelkas Dialoge. So lässt er etwa einen Bürgermeister, der vor Wut beinahe platzt, ins Handy schreien: „Der hat Blut geleckt. Außerdem kriegt der von außerhalb Ezzes, die Oberösterreicher liefern ihm die Munition frei Haus. Und jetzt hat sich auch noch die Wiener Ärztekammer besorgt wegen des Infraschalls geäußert …“ Dass einem Dorfbürgermeister in solcher Lage der schöne Genitiv „wegen des Infraschalls“ zu Gebote steht, rückt ihn uns LeserInnen nicht eben nahe. Und was sollen wir von einem Kind denken, das uns der Autor als vollkommen verstört darstellt – und dessen innerer Monolog sich im Augenblick größter Bedrohung doch abgeklärt und kühl-taxierend liest wie ein Oneliner aus dem Mund von Tom Cruise: „Mehrfach versuchte ich Augenkontakt mit ihm herzustellen, aber er wich mir beharrlich aus.“

Es wird reichlich gemordet im Gemeinderat von Penzdorf. Das hat allerdings wenig zu tun mit der Windanlage, um derentwillen sich die ehemaligen Freunde Gerstl, Kastner und Ramtesteiner derart fundamental zerkracht haben. Der Grund liegt viel weiter in der Vergangenheit, in der Gudenushöhle – und Frieda Prohaska wird eher unfreiwillig in diese Geschichte hineingezogen, wo sie doch nur dem Buben ihrer Freundin das Märchen von Hänsel und Gretel vorlesen wollte. Wer knuspert da am Häuschen? Der Wind, der Wind, das himmlische Kind!

 

 

Franz Kabelka, „Kaltviertel“, Hardcover, 260 Seiten, € 22,-, ISBN 978 3 99028 675 3, Bibliothek der Provinz 2017

 

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