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24.04.2018 |  Markus Barnay

Geballte Ladung (Stadt-)Geschichte - Zum 800-Jahr-Jubiläum präsentierte die Stadt Feldkirch ein achtbändiges Geschichtswerk von zehn verschiedenen AutorInnen

Als die Stadt Feldkirch 1968 ihr 750-Jahr-Jubiläum feierte, begnügte man sich noch mit einem Ausstellungskatalog und einer Sonderausgabe der Zeitschrift Montfort, die aber auch schon satte 382 Seiten umfasste. 2018, zum 800er, gönnt man sich eine geballte Ladung (Stadt-)Geschichte: Neun Autoren und eine Autorin, acht Bände, insgesamt 844 Seiten – da muss man fast schon gratulieren, dass das Werk zur Präsentation am 8. März vollständig vorlag. Verantwortlich dafür war der als Koordinator fungierende Leiter der Stadtbibliothek, Hans Gruber, der leider im Impressum („Herausgeber: Amt der Stadt Feldkirch“) nicht erwähnt wird.

Man kann nur spekulieren, welche Überlegungen dafür ausschlaggebend waren, dass statt eines großen Geschichtswerks nun acht kleinere präsentiert wurden. Verfasst wurden sie durchwegs von Fachleuten, die für ihre Kompetenz im jeweiligen Gebiet bekannt sind – und das dürfte wohl auch der Grund für die Themenauswahl gewesen sein: Anja Rhomberg (Archäologie), Alois Niederstätter (Stadtgeschichte), Karlheinz Albrecht (Chronik), Christoph Volaucnik (Wirtschaft), Gerhard Wanner (Kulturgeschichte), Manfred Getzner (Musikgeschichte – siehe dazu den Artikel von Fritz Jurmann in dieser Ausgabe der „Kultur“-Zeitschrift), Albert Ruetz (Kunstgeschichte), Philipp Schöbi (Literaturgeschichte), Michael Fliri (Kirchengeschichte) und Alfons Dür (Gerichtsgeschichte) heißen die Autoren.

Wiederholungen und Widersprüche

Für diejenigen, die sich nur für bestimmte Aspekte der Feldkircher Geschichte interessieren, ist es ohne Zweifel von Vorteil, dass man die einzelnen Bände um wohlfeile EUR 14,- erwerben kann. Andererseits nahm man in Kauf, dass es etliche Verdoppelungen (in Text und Bild), Wiederholungen und auch den einen oder anderen Widerspruch gibt. Das mag bei Interpretationen und Einstufungen historischer Ereignisse ein Zeichen für pluralistische Zugänge und Sichtweisen sein, bei Datierungen wird es aber zum Problem: So ist es wohl nicht nur Ansichtssache, ob man die Urkunde, deren Original 1218 ausgestellt worden sein soll, als „Stadtgründungsakt“ (Gerhard Wanner) oder als „erste urkundliche Erwähnung“ (Karlheinz Albrecht) bezeichnet, während Alois Niederstätter auf die „überlieferungsgeschichtlich problematische Quelle“ hinweist. Widersprüche gibt es auch bei bestimmten Daten: Wurden die Feldkircher Juden nun 1443-1448 (Albrecht) eingesperrt und vertrieben oder erst 1449 (Wanner), als die „Verfolgungswelle ... auch Feldkirch“ erreichte?

Dass bei der Trennung in acht Einzelbände etliche Themen mehrfach auftauchen, liegt in der Natur der Sache: vor allem die beiden großen Themen der Feldkircher Geschichte, Humanismus und Bildungswesen, finden sich natürlich in der Stadt-, Kultur-, Kirchen-, Wirtschafts- und Literaturgeschichte gleichermaßen, wenn auch mit jeweils unterschiedlichen Gewichtungen. Interessant ist auch die Aufteilung der Beschreibung der Kirchen in ihre Baugeschichte (bei Fliri) und in die Geschichte der von ihnen beherbergten Kunstwerke (bei Ruetz). Apropos Kirchen: Da steht der ausführlichen und spannenden Erläuterung der – äußerst bedeutsamen - Rolle der Kirche für die Feldkircher Geschichte eine teilweise rudimentäre Beschreibung der einzelnen Kirchen gegenüber, die offenbar auch den Lektor ein wenig gelangweilt hat, übersah er doch einige gröbere Fehler (zum Beispiel den Satz „Die evangelische Gemeinde in Feldkirch entstand um 1860 Jahren“ - S. 64). Auch die Beschreibung des gegenwärtigen religiösen Lebens (S. 39) leidet nicht nur unter dem spürbaren Desinteresse des Autors, sondern auch unter dem mangelhaften Lektorat.

Licht- und Einblicke mit Überraschungen

Gestaltung (Martin Caldonazzi und Veronica Burtscher) und Struktur der Edition sind einheitlich, die Längen variieren von 72 bis 140 Seiten. Vieles konnte man schon in anderen Publikationen lesen, manches ist auch nicht ganz frisch (Alois Niederstätters „stadtgeschichtlicher Überblick“ beispielsweise ist die überarbeitete Fassung eines Beitrags zum Österreichischen Städteatlas aus dem Jahr 2000 – kein Wunder, dass er da etliche Themen behandelt, die auch in den anderen Bänden vorkommen, etwa die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt, die kirchlichen Einrichtungen oder das Schulwesen). Doch gibt es auch erfreuliche Licht- und teilweise überraschende Einblicke: Da wäre zum einen die umfangreiche Bebilderung mit vielen Fotos, die man in dieser Qualität noch selten, ja teilweise überhaupt noch nie gesehen hat. Und da wären auch Informationen, die man sich bisher allenfalls aus der spezialwissenschaftlichen Literatur besorgen konnte – von den neuesten Grabungsergebnissen zwischen Tostner Burg, Blasenberg und Uf der Studa über allerlei skurrile und unterhaltsame Daten aus der Geschichte der Stadt (1387: erste Verwendung von Brillen; 1460: erste Erwähnung eines Bordells; 1645: Festlegung der Gebühren fürs Rasieren und Aderlassen) bis zu den innerreligiösen Konflikten in der katholischen Kirche, die mitunter sogar Todesopfer forderten (etwa 1549, als drei Bürger und der Pfarrer an den Folgen eines Tumults starben, der wegen eines Schmähspruchs gegen den Pfarrer ausgebrochen war).

Enorme Präsenz der katholischen Kirche

Sowohl die Kirchengeschichte von Michael Fliri als auch die Gerichtsgeschichte von Alfons Dür gehören zu jenen Teilen der Publikation, die statt Déja-vu-Gefühlen den Eindruck auslösen, neue Informationen und vor allem Zusammenhänge zu erfahren.

Die enorme Präsenz der katholischen Kirche im Stadt- und Straßenbild von Feldkirch vor allem im 19. und 20. Jahrhundert wird dabei nicht nur durch die einschlägigen Einrichtungen (Generalvikariat, Stella Matutina, Lehrerseminar, Antoniushaus, Institut St. Josef, Kapuzinerkloster, dazu kamen die Kirchen, katholischen Vereine etc.) verdeutlicht, sondern durch die schiere Zahl der Geistlichen: Fliri zählt für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg fast 300 Weltgeistliche und Ordensangehörige auf, die damals in der 10.000-Einwohner-Stadt lebten. Zu den spannenden Teilen seiner Darstellung gehört jener über Reformation und Gegenreformation einschließlich der Beschreibung der damaligen Zustände in manchen katholischen Pfarren: „Statt Christenlehre abzuhalten besuchten im Dekanat Walgau (= der vorarlbergische Teil des Bistums Chur – Anm. M.B.) 40% der Geistlichkeit lieber regelmäßig das Wirtshaus, um sich dort bei Wein, Weib und Gesang zu amüsieren“, berichteten die bischöflichen Visitatoren im Oktober 1595 nach Chur. Schon 1573 hatte sich Erzherzog Ferdinand II. bei Kardinal Marcus Sitticus von Konstanz beschwert, dass in Bregenz „die unterthanen und Bürger nit haimblich sonder offenlich luterisch sein“ – ein Zustand, der von den Vorkämpfern der Gegenreformation in den folgenden Jahrhunderten mit allen Mitteln bekämpft wurde.

Alfons Dürs Gerichtsgeschichte schließlich eröffnet überhaupt ganz neue Perspektiven auf die Geschichte der Stadt. Gründlich und umfassend recherchiert, erläutert er die Rechtsgeschichte sowohl auf übergeordneter Ebene als auch in ihren konkreten Auswirkungen für die Bevölkerung der Stadt und des Landes. Es schadet auch nicht, wenn mal wieder jemand darauf hinweist, dass die „Alemannisierung“ des Landes ganz wesentlich mit dem alemannischen Recht zu tun hat, das vom mutmaßlichen Gründer der Stadt, dem Grafen von Tübingen alias Montfort, aus seiner süddeutschen Heimat importiert wurde – aber durchaus auch mit der Ansiedlung von Bürgern aus derselben Gegend, die den Grundstock der Feldkircher Stadtbürgerschaft bildeten (diese „Alemannisierung“ fand allerdings rund 1000 Jahre später statt als die vermeintliche und bis heute eher wider- als belegte Zuwanderung von „Alemannen“).

Grausame Urteile und Exekutionen ohne Verfahren

Zu den Themen, in denen sich Dür so gut auskennt wie kaum jemand anders, gehört die lokale NS-Justiz mit ihrer Abschaffung von Grund- und Menschenrechten und ihren grausamen Urteilen wie auch der Abschaffung von Gerichtsverfahren für bestimmte Personengruppen: Während ein Sondergericht beim Landgericht Feldkirch zwischen 1939 und 1945 elf Menschen – wegen teilweise banaler Vergehen wie der Entgegennahme von Wollsachen unter Vortäuschung einer „Sammlung von Wintersachen für die Front“ – zum Tode verurteilte, wurden Zwangsarbeiter und andere entrechtete Gruppen von der Staatspolizei ohne Verfahren exekutiert, wenn sie bestimmter Delikte (etwa einer sexuellen Beziehung mit einer „deutschen Frau“) beschuldigt wurden.

Dass hier nicht der Raum ist, um alle acht Bände einzeln zu würdigen – oder einer kritischen Betrachtung zu unterziehen – liegt auf der Hand. Deshalb sei abschließend nur noch ein Band erwähnt, der ebenfalls einige Erkenntnisse zusammenfasst, die bisher in keinem Überblick der Stadtgeschichte zu finden waren: Gerhard Wanners Kulturgeschichte widmet sich Themen wie dem Kulturkampf im 19. Jahrhundert, der Rolle der Frauen in der Kultur- und Stadtgeschichte, aber auch den Akteuren der frühen Geschichtsschreibung und der patriotisch geprägten Heimatforschung – alles Themen, die man sich bisher aus einzelnen Publikationen heraussuchen musste und die hier in einer Gesamtschau dargestellt werden.

Stadt Feldkirch (Hg.): Geschichte der Stadt Feldkirch. Bucher Verlag 2018. Schuber mit acht Bänden € 84,–, gesamt ca. 850 Seiten, ISBN 978-3-99018-453-0
Auch als Einzelbände erhältlich (je € 14,-)

Die Autoren:
Alois Niederstätter, Karlheinz Albrecht und Anja Rhomberg: Chronik
Christoph Volaucnik: Wirtschaftsgeschichte
Gerhard Wanner: Kulturgeschichte
Alfons Dür: Gerichtsgeschichte
Manfred Getzner: Musikgeschichte
Albert Ruetz: Kunstgeschichte
Michael Fliri: Kirchengeschichte
Philipp Schöbi: Literaturgeschichte

Buchpräsentation
Philipp Schöbi: Das literarische Feldkirch
8.6., 20.15 Uhr, Theater am Saumarkt Feldkirch

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