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12.06.2018 |  Annette Raschner

„… ein Monument des stillen und starren Widerstands gegen die Emsigkeit unserer Welt“ - Interview mit Christina Walker und Textauszug aus "Auto"

Die in Bregenz geborene und in Augsburg lebende Christina Walker wurde im April mit dem Literaturpreis des Landes Vorarlberg ausgezeichnet. Die Germanistin, Theater- und Medienwissenschaftlerin ist seit 2005 als selbstständige Autorin und Texterin tätig. Im folgenden Interview geht es um den Helden ihres Romanprojekts.

Annette Raschner: Sie zählen zu den literarischen Wiederholungstäterinnen. Als Sie vor elf Jahren zum ersten Mal das Vorarlberger Literaturstipendium, wie der Literaturpreis damals noch hieß, erhalten haben, standen Sie noch am Beginn Ihres literarischen Schreibens. Wie wichtig war jetzt die neuerliche Bestätigung für Sie?
Christina Walker: Immens wichtig, denn bisher hätte ich mich wohl nicht als Schriftstellerin bezeichnet. Vielleicht als Hin-und-Wieder-Autorin, als Textarbeiterin. Ich verdiene damit Geld, sogenannte Gebrauchstexte zu schreiben. Da blieb zwischen den Aufträgen oft wenig Zeit für anderes. In den letzten Jahren sind zwar etliche Kurzgeschichten und Erzählungen entstanden, die auch teils veröffentlicht wurden, aber eben nichts mit größerem Umfang. Das soll sich jetzt ändern. Dafür war der Preis einerseits die qualitative Bestätigung, mit dem Text, einem Roman, auf dem richtigen Weg zu sein, andererseits gewährt er in den nächsten Monaten die kleine finanzielle Freiheit, auch mal Aufträge abzulehnen.

Am Ende ergibt sich ein dichtes, griffiges Bild

Raschner: „Auto“ ist nicht Ihr erstes Romanprojekt. Eines haben Sie in der Vergangenheit begonnen und wieder ad acta gelegt. Was haben Sie daraus gelernt. Was werden Sie diesmal anders machen, damit es klappt?
Walker: Das Ausprobieren gehört zum Schreiben wie zu jedem anderen Metier, nicht nur den künstlerischen. Beim ersten Roman ist die Geschichte nach zu vielen und zu langen Unterbrechungen während des Schreibens irgendwann abgerückt von mir. Ich habe sie dann in der Übungsschublade gelassen … man kann Geschichten nicht erzwingen, aber aus jedem einzelnen Versuch, fertig geworden oder nicht, viel mitnehmen. Bei „Auto“ ist die Struktur von vornherein eine andere. Einerseits formal eine sehr strenge, die mit abgezirkelten Kapiteln und gezielten Wiederholungen arbeitet; auf der anderen Seite ist der Text inhaltlich offen. Er baut sich wie ein Mosaik aus vielen Einzelteilen zusammen: aus Beobachtungen des Protagonisten, der vorwiegend in seinem Auto sitzt, aus privaten und beruflichen Erinnerungen, aus Dialogen mit den Menschen, die vorbeikommen oder die er in dem winzigen Radius trifft, in dem er sich bewegt. Eine solche Struktur erlaubt es, den Text zwischendurch mal liegenzulassen. Es gibt keine zwingende Chronologie oder Kausalität der Teile. Und doch ergibt sich am Ende, wie ich denke, ein dichtes, griffiges Bild.

„Das Auto, Sinnbild der Mobilität und Moderne“

Raschner: Bei „Auto“ handelt es sich um ein literarisches Kammerspiel. Der Protagonist ist ein arbeitsloser Mann, der einst als Vertreter in der Buchbranche die meiste Zeit im Auto verbracht hat. Jetzt möchte er den Stillstand einüben, verlässt Frau und Kind und zieht in sein Auto. Was hat Sie zu diesem Plot inspiriert?
Walker: Das Auto, in das er zieht, fährt nicht mehr, sollte ich dazu vielleicht ergänzen. Der Mann sitzt also in einem Paradoxon: das Auto, Sinnbild der Mobilität und der Moderne, das nur noch stillsteht. So ein Wagen stand über viele Monate im Hof unseres Mietshauses. Ich habe ihn beobachtet, wie er zum Monument wurde, ein Monument des stillen und starren Widerstands gegen die Emsigkeit unserer Welt, gegen die Effizienz, den Erfolg und die Flexibilität, gegen die Geschwindigkeit und das ständige Unterwegssein. Irgendwann habe ich dann einen Helden (eigentlich ist er ja ein klassischer Antiheld) in diesen Wagen gesetzt, um dem Monument eine Stimme zu geben. 

Die Sinne schärfen

Raschner: Sie haben Ihr Manuskript mit einem Zitat des deutschen Philosophen Ernst Bloch versehen: „Etwas ist nicht geheuer, damit fängt es an.“ Ihrer Hauptfigur ist nicht nur ihre Arbeitswelt nicht mehr ganz geheuer. Sie haben es gerade schon gesagt: Auch die Werte, die mit diesem Beruf, mit diesem schnellen Leben verbunden waren, sind abhanden gekommen. Müssen wir alle, die wir Kinder des Turbokapitalismus sind, die Stille, den Stillstand, die Ruhe wieder lernen?
Walker: Das muss jeder für sich entscheiden, ob er oder sie das möchte und braucht. Ich fürchte jedoch, wir können gar nicht mehr richtig stillhalten. Wir haben es gründlich verlernt, unsere Ruhe zu verteidigen oder mal nur mit uns selbst zu sein. Das hieße nämlich auch: ohne unsere Prothesen, die uns mit der Welt verbinden und sie uns als Erfahrung gleichzeitig vom Hals halten, dem Handy, dem Internet, dem Fernsehen, ja, auch dem Auto. Heute fällst du ja schon durch sämtliche Kommunikationsraster, wenn du nicht bei WhatsApp bist.
Raschner: Was bedeutet es, eine Geschichte aus dem Stillstand heraus zu schreiben? Mit welchen Herausforderungen haben Sie zu kämpfen?
Walker: Herausforderung würde ich es gar nicht nennen. Ich fühle mich beim Erzählen im Gegenteil äußerst wohl in diesem beschränkten äußeren Setting, das sich kaum aus dem Hof, wo das Auto steht, wagt. Das schärft die Sinne für Details, für das Hinsehen, für das Zuhören, meins und das des Protagonisten, dessen Gedankengänge den Hof aber natürlich dauernd verlassen. Außerdem entwickelt sich der Hof durch seinen ungewöhnlichen Bewohner zu einer Art Kommunikationsknotenpunkt. Die meisten Nachbarn scheinen sich an dem „Autocamper“ vor der Haustür nicht zu stören. Noch nicht.

Das letzte große Abenteuer

Raschner: Die Jury hat unter anderem die feinen Mittel gelobt, mit denen Sie die Grenzsituation ausloten, in der sich Ihr Held befindet. Das berührt, ist aber auf der anderen Seite auch sehr witzig. Dem Humor haben Sie viel Platz eingeräumt.
Walker: Das freut mich sehr, dass Leser den Text als humorvoll empfinden! Ich denke, der leise Witz kommt hier auch von der Reibung: Diese Konstellation, der Mann, der vieles infrage stellt, was unsere Gesellschaft als Errungenschaften verkauft, ist in seiner Absurdität zwangsläufig komisch und lächerlich. Er ist ein Clown – betrachtet aus der Perspektive seiner ehemaligen Kollegen und vieler anderer. Aber er wird feststellen, dass es noch mehr Menschen gibt, die mit dem System, wie es ist, nicht zurechtkommen. 
Raschner: Rund ein Viertel des Romans ist fertig. Wie genau wissen Sie zum jetzigen Zeitpunkt, wohin Sie die Geschichte führen wird?
Walker: Ja, es gibt es eine Vorstellung davon, wie die Geschichte endet. Aber sie darf auch andere Wege nehmen. Das ist ja das Faszinierende, wenn Geschichten entstehen: Manchmal verlassen sie das Raster, das du für sie vorgesehen hast, entwickeln eine Art Eigendynamik. Und dann denke ich mir: Lass es zu. Wer hat nochmal gesagt, Geschichten zu erzählen sei das letzte große Abenteuer?

 

Christina Walker: AUTO  (Auszug aus Kapitel 3 © cw 2018)


Im Herbst stand er im Stau vor Stuttgart und stieg aus. Er ging zu Fuß zwei Stunden zum Bahnhof. Der Disponent vom Verlag schickte ihm am nächsten Tag eine böse SMS, weil er das Auto abholen musste. Er musste zu Fuß hinlaufen.
Bentheimer sagte: Das könnt´ ich mir im Leben nicht vorstellen. Ohne Auto. Aber in Niedersachsen gibt es nichts, nicht einmal Stau, außer in Hannover. Wenn ich da an NRW denke! Kein Wunder, wenn einer da Vögel kriegt.
Die Verlagsleitung sagte: Wie stellen Sie sich das bloß vor?
Er stellte sich vor, wie er mit dem Zug an einem riesigen, mit Wasser gefüllten Teich vorbeifuhr. In seiner Mitte schwamm ein Baumstamm, darauf standen zwei Reiher auf der Lauer.
Susanne sagte: Das finde ich mutig.
Er schaute in den Himmel und sagte laut: Da schwimmt der Fisch im Wasser.

Der Wagen von Frau Lichte steht neben seinem. Ihr Mercedes ist blau wie das Meer, das irgendwo in Italien mit dem Horizont verwachsen ist. Die Hauswand dahinter ist dreckig beige wie Sand. Wenn er verkehrt durch den Operngucker schaut, wird das Blau tief und weit, das Meer steht Kopf vor dem Strand, und rechts geht durch Frau Lichte ein Sprung.
Das ist unanständig, alte Frauen mit dem Fernglas auszuspionieren, sagt sie.
Verzeihen Sie, sagt er, ich war gerade am Meer.
Frau Lichte legt eine runzlige Hand auf die blaue Kühlerhaube und sagt: Ist das nicht eine Freude, diese Farbe? Wir schauen auch gerne drauf. Mein Mann besonders.
Sie neigt sich in sein geöffnetes Autofenster und sagt leise: Ich kann ihn ja nicht mehr allein hinauslassen. Er würde sich sofort verlaufen und nicht mehr heimfinden. Sogar aus dem Fenster ist er schon mal geklettert, übers Gerüst, als die Maler die Fassade neu machten.
Sportlich, sagt er.
Dementia, sagt Frau Lichte und tippt an die lila Blume auf ihrem Sonntagshut. Haben Sie sich gut eingelebt bei uns?
Freilich, sagt er, nach einem halben Jahr …
Und machen Sie auch noch Urlaub?, fragt Frau Lichte. Fahren Sie der Familie hinterher? I wo! Lassen Sie das lieber, hier ist es so schön. Und so ruhig, wenn alle weg sind. Da können Sie ungestört an Ihrem Wagen herumbasteln.
Sie zeigt über ihre Schulter: Unserer wird gar nicht mehr gefahren. Mein Mann darf nicht mehr, wenn er´s überhaupt noch könnte, und ich kann nicht, habe es nie gelernt. Mein Sohn fährt mich jede Woche zum Frisör. Und jetzt geh ich in die Kirche. So weit komm ich gerade noch. Ja, das reicht doch. 

Jedes Jahr in die Lüneburger Heide, das reicht, sagte der Großvater einmal.
Capri, Sorrent, Venedig!, sagte die Großmutter darauf. Ich bin allergisch auf Schafwolle.
Einmal fuhr er mit Susanne und Matti an die Nordsee. Sie kauften sich gestrickte Wollpullover und ließen sich eine Woche lang die Nasen freipusten. Man konnte sich an den Wind und die Gischt lehnen. Gewichtskraft, Waschkraft und Überzeugungskraft, fand er. Susanne war es zu kalt.

Zwei Jugendliche mit dunklen Kapuzenpullis kommen in den Hof. Sie schauen abwechselnd auf ihre Handys und lassen den Blick über die Garagen wandern. Der Größere wischt das Display seines Telefons am Ärmel blank und schaut wieder drauf.
Sie sehen ihn nicht im Auto sitzen und zucken zusammen, als er aussteigt.
Guten Morgen, sagt er. Habt ihr den Wetterbericht auf eurem Handy?
Die Jugendlichen starren ihn an.
Mein Sohn ist verreist, sagt er, und das Autoradio hat keinen Strom.
Die Jugendlichen starren ihn an.
Das ist so eine blöde Angewohnheit von mir, das mit dem Wetter, sagt er. Man weiß doch gern, was auf einen zukommt, ob man nun unterwegs ist oder nicht.
Der Schmächtigere schaut hinauf ins Himmelsviereck über dem Hof: Schön, sagt er.
Der Größere sagt: Man, das ist doch pervers, eine Scheiße, so werden wir das Ei nie ausbrüten.
Der Schmächtigere sagt: Ich hab dir gesagt, der Hof ist eine Niete. Du musst neu laden. Drück auf Neustart. Mach schon!
Die beiden schauen auf ihre Displays, Schulter an Schulter verlassen sie den Hof.
Er schaut hinauf ins Himmelsviereck über dem Hof und sieht, dass das Licht gut ist. 

Er mag das weiße Frühlingslicht. An einem weißen Frühlingstag hat er Susanne zum ersten Mal geküsst.
Sie kam in den Verlag, weil sie ihm ein frisches Aussehen geben sollte. Und als sie mit der Verlagsleitung hereinkam, erhellte sie die grau-orange Kantine so, dass er die Augen schließen musste.
Einen neuen Identitätsanstrich, sagte Bentheimer leise ins Dunkle hinein, was das wieder kostet! Die sollten lieber mal das Programm überdenken. Wir verkaufen ja schließlich keine Logos, sondern Bücher. Was sag ich, Ladenhüter verkaufen wir. Aber sogar das schaff ich. Meine Strategien sind gut, was sag ich, sie sind perfekt. Ich weiß gar nicht, was diese Fortbildung jetzt soll, die ganze Woche absitzen, das ist nicht meins. Aber die Schnitzel hier – wow.
Er öffnete seine Augen und verfolgte wieder die schmale Frau, die den ganzen Raum erhellte. Er stand auf, stellte sich zu ihr an die Essensausgabe und sagte leise: Nehmen Sie kein Schnitzel.
Sie sagte: Das hatte ich nicht vor, trotzdem danke für die Warnung.
Er aß die ganze Woche in der Kantine, nur kein Schnitzel. Er wartete die ganze trübe Woche auf das Strahlen, das sie mitbrachte, aber er sah sie erst am Freitag wieder.
Sie stand im weißen Frühlingslicht vor dem Eingang, die Hände als Sonnensegel über den Augen und betrachtete den Schriftzug über der Tür, den sie mit auffrischen sollte.
Er sagte: Wie geht es Ihnen?
Sie sagte: Ich sollte später wiederkommen. Bei diesem Licht kann ich weder denken noch sehen.
Später saßen sie im schüchternen Schatten einer noch fast nackten Kastanie. Sie zählten die ersten Mücken, die flogen. Sie zogen die Krägen ihrer Mäntel höher, als sich die Sonne senkte. Er nahm ihre Hände in seine und hauchte sie warm. Sie nahm ihm die Hände weg und lachte. Da küsste er sie schief auf den offenen Mund.
Entschuldigung, sagte er, bei diesem Licht kann ich weder denken noch sehen. 

Er glaubt an die Unendlichkeit, an den Wetterbericht und an die Liebe auf den ersten Blick. Tägliche Äpfel hat er gerade keine mehr, an die er glauben könnte, und Verkehrsfunk und Stillstand schließen sich gegenseitig aus, hat er beschlossen. Er entscheidet sich vorerst für den Stillstand, weil dieser sich auch für ihn entschieden hat. Er überlegt kurz, ob Susanne sich für ihn entschieden hat, weil er sich für sie entschieden hat.
Bentheimer sagte einmal: Mit Pragmatismus kommst du weiter, aber nicht am weitesten.
Er schlug Bentheimer vor, ein Buch zu schreiben für angehende Manager, eines ohne jedes „aber“.
Bentheimer sagte: Aber geht das?
Aber sicher, sagte er, und das hier ist das Thema für deinen nächsten Vertreterworkshop: Die Leute kommen lassen.

Christina Walker: „Man kann Geschichten nicht erzwingen, aber aus jedem einzelnen Versuch, fertig geworden oder nicht, viel mitnehmen“ (c) Petra Rainer

Christina Walker: „Man kann Geschichten nicht erzwingen, aber aus jedem einzelnen Versuch, fertig geworden oder nicht, viel mitnehmen“ (c) Petra Rainer

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