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12.07.2016 |  Annette Raschner

Ein Dasein im Windschatten - „Herr Faustini bleibt zu Hause“ heißt der vierte Roman der Faustini-Reihe von Wolfgang Hermann

„Herr Faustini saß in seinem Ohrensessel, der Kater schnurrte auf seinem Schoß.“ Seit zehn Jahren begleitet der Vorarlberger Schriftsteller Wolfgang Hermann seinen ebenso verschrobenen wie herzerwärmend naiven Helden Herrn Faustuni, der Don Quijote ähnlich den Alltäglichkeiten des Lebens mit heiligem Ernst begegnet. „Herr Faustini bleibt zu Hause“ heißt sein vierter Roman der Faustini-Reihe. Er ist im LangenMüller Verlag erschienen.

Hedonismus oder Bescheidenheit?

Ist es die pralle Fülle oder die Bedürfnislosigkeit, die der Mensch für seine innere Ausgeglichenheit benötigt? Herr Faustini, der mit seinem Kater in einem kleinen Haus in Hörbranz lebt, setzt eher auf Letzteres, aber so ganz ist er sich seiner Sache nie sicher. Schließlich hat er schon in „Herr Faustini verreist“ (2006) beim Besuch seiner Schwester im Tessin ein herrlich übermütiges, erotisches Abenteuer mit der Malerin Luna erlebt. Und auch diesmal ist es wieder eine Frau - Faustinis ehemalige Klassenkollegin Uschi, die den überzeugten Single mit Back- und Dekorationskunst (selbst gehäkelten Spitzenuntersätzen!) umzustimmen versucht. Jedoch - bis auf einmal - erfolglos.

Die hohe Kunst des Müßiggangs


Und was geschieht ansonsten noch? Die Waschmaschine gibt ihren Geist auf, ein Caffè macchiato verleiht Herrn Faustini Flügel, und er nimmt kurzerhand einen Job als Nachtwächter bei der Dornbirner Frühjahrsmesse an. Doch die meiste Zeit übt er sich wie stets in der hohen Kunst des Müßiggangs, schweift vorzugsweise ziellos umher, streichelt seinen Kater, beobachtet seine Mitmenschen und wundert sich über den Aktionismus der ihn umgebenden „Fit- und Wellnessgesellschaft“.

Unperfekt in Perfektion


Was ist der Reiz dieser leisen, unscheinbaren Faustini-Bücher, in denen so gut wie nichts passiert? Woher rührt das Vergnügen an einem Protagonisten, der so gar nichts Aufregendes an sich hat? Der Pensionist Faustini ist weder heldenhaft noch charismatisch, weder mutig noch tatkräftig. Ganz im Gegenteil! Er ist ängstlich, unentschlossen, farblos und unsicher, unperfekt in Perfektion! Noch schlimmer als wir alle! Und das berührt UND amüsiert!

Heiliger Ernst


Das Amüsement beim Lesen folgt auf die Ernsthaftigkeit, mit der Herr Faustini den zahlreichen Unzumutbarkeiten, die das Leben täglich bereit hält, begegnet; der Werbeflut, den nervenaufreibenden Anrufen der Dame von der Abonnementabteilung der Vorarlberger Regionalzeitung, den platten Annäherungsversuchen von Uschi. Denn einer wie Faustini jammert nicht und schimpft nicht, er spricht seiner maroden Waschmaschine zu und bedankt sich bei den ächzenden Wänden, dem knarrenden Boden und der kränkelnden Zimmerdecke für die gute Zusammenarbeit.

Das Glück der kleinen Momente


Mit stilistischer Eleganz und feiner Ironie erzählt Wolfgang Hermann vom Glück im Kleinen, das dem widerfährt, der diesem die nötige Achtsamkeit entgegenbringt. Der Sog ähnelt einer sanften Brise, die am Beginn noch etwas rauer bläst, weil Winter ist. Herr Faustini erträgt mitder ihm eigenen Duldsamkeit den Lärm der Knallkörper zum Jahreswechsel, um im neuen Jahr neue Hoffnung zu schöpfen.
„Er wusste nicht, wie es die Murmeltiere den ganzen Winter in ihrer Höhle aushielten, er hatte es redlich versucht und verstanden, dass er für diesmal genug Winterschlaf gehabt hatte.“

Wolfgang Hermann, „Herr Faustini bleibt zu Hause“, 144 Seiten, € 15,-, ISBN 978-3-7844-3402-5, LangenMüller Verlag 2016

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