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20.07.2016 |  Anita Grüneis

Drei Geschichten, drei Zeitachsen - Wahrheit, Fiktion und Wunsch - Neuerscheinung: Liechtenstein – Roman einer Nation. von Armin Öhri

Der Titel klingt großspurig: Roman einer Nation. Es war schon kühn, als Stefan Sprenger in seinem Bühnenstück „Rubel, Riet & Rock'n'Roll“ 25 Jahre in einem Werk zusammenfasste. Noch kühner ist es allerdings, das ganze 20. Jahrhundert eines Landes in einem einzigen Buch beschreiben zu wollen. Dazu noch aus der Sicht eines Liechtensteiners.

Sicher, Liechtenstein ist klein. Aber so klein nun auch wieder nicht, dass in einem Jahrhundert nicht viel passieren kann. Armin Öhri, der Spezialist für historische Kriminalromane hat es gewagt, die Geschichte eines Mannes zu beschreiben, der im letzten Jahrhundert lebte und 2015 starb. Angeblich! Denn die Figur ist fiktiv - behauptet der Autor. Er nennt ihn Wilhelm Anton Risch – kurz: WAR – und schiebt ihm die ganze Zeitgeschichte in die Biografieschuhe. WAR erlebt als Kind die Rheinüberschwemmung in Ruggell und Schaan, als Jugendlicher engagiert er sich bei der Nazi-Bewegung, darf sogar nach Berlin zum Führer, taucht dann in Deutschland unter, findet sich wieder bei der Wlassow-Armee und kommt mit dieser zurück nach Liechtenstein.

Von Moskau in den Pazifik

Doch damit nicht genug. Er lebt mit seiner russischen Frau in Moskau, reist von dort nach Sibirien, heuert auf einem Schiff an, das Schiff geht unter und WAR findet sich auf der Pazifik-Insel Nauru wieder. Dort macht der bauernschlaue und wortgewandte Liechtensteiner sein Geld, kehrt dann über Australien nach München zurück, bleibt dort einige Jahre, bevor er nach Liechtenstein heimkehrt, um dort sein Treuhand-Imperium „Zyklon International“ aufzubauen.

Drei Zeitachsen


Das wäre an sich schon eine spannende Kriminalgeschichte. Doch dieses Leben genügt Armin Öhri nicht. Er flicht zwei weitere Handlungsstränge und damit zwei Zeitachsen mit ein. Die eine bezieht sich darauf, dass er in der Jetzt-Zeit den Auftrag erhält, ein Buch über Wilhelm Anton Risch zu schreiben. Öhri beschreibt die Schwierigkeiten seiner Recherche, und dabei gleichzeitig das heutige Leben in Liechtenstein. Die dritte Zeitachse betrifft den Autor selbst und seine (wahre) Krankengeschichte. Armin Öhri wurde im Jahr 1993 nach einer Hirnblutung ins Kinderspital St. Gallen gebracht.

Der Komische aus Ruggell


Er belegt das reale Geschehen mit den ärztlichen Diagnosen und schildert das spätere alltägliche Leben mit seinen Einschränkungen. Dabei schafft er ganz nebenbei wiederum eine dichte Darstellung von Land und Leuten in Liechtenstein am Ende des 20. Jahrhunderts. So beschreibt er, wie ihn Mitschüler und Leute im Dorf ausgrenzen, weil der Lehrersbub „ein Komischer“ ist. Schonungslos baut er zudem die Rückfälle seiner Erkrankung und die Behandlungen in das Buch ein.

Alles nicht wahr?


„Der vorliegende Roman ist (k)eine erdachte Geschichte“, schreibt Armin Öhri in seinem Nachwort. Und weiter: „Mein Protagonist Wilhelm Anton Risch, dessen Leben für einen Parforceritt durch die neuere Geschichte des Fürstentums herhalten musste, steht paradigmatisch für das Leben und den Werdegang des ,typischen' Liechtensteiner Treuhänders. Jede Ähnlichkeit mit toten Personen ist beabsichtigt und nicht zufällig. Sollten sich lebende Personen in der Figur oder in ihren Handlungen wiedererkennen, so ist dies nicht intendiert, sondern zu 100 Prozent unvermeidlich.“

Alles ist passiert


Öhri baut in seinen Roman die Drehaufnahmen zum Film „Kinder der Berge“ ein, sowie die darauf folgenden Produktionen einzelner Horror-Filme in den 60er- und 70er-Jahren, die nachweisbar mit Liechtensteiner Beteiligung zustande kamen. Auch die gesamte Frauenbewegung finden sich im Buch wieder. Die Gründung des TAK und des ersten Liechtensteiner Kabaretts Kaktus sind ein weiteres Thema. Über diese Zeit führt der Autor ein (reales? fiktives?) Interview mit Josef Biedermann, einem der Gründungsmitglieder des Kabaretts Kaktus und späteren Rektor des Liechtensteiner Gymnasiums.

Das große Rätselraten


Durch diese Vermischung von fiktiven und realen Personen wird nach dem Erscheinen des Buches am 6. Juli in Liechtenstein das große Rätselraten beginnen: Wer ist wer? Wer ist Hanno Risch, der Sohn des Patrons, und wer Andrea, seine Tochter, die in die Psychiatrie nach Pfäfers gebracht wurde?

Read it again


Eventuellen Anfeindungen hat Armin Öhri vorgebeugt. Nachdem er mit seiner Erzählung „Die Entführung“ (eine reale Geschichte aus den 30er-Jahren) in Liechtenstein einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hatte, bleibt sein dramatischer Showdown am Ende des neuen Buches „Liechtenstein – Roman einer Nation“ im Ungewissen. Hat es sich wirklich so zugetragen? Gab es 2015 wirklich eine Abrechnung mit dem Schulfreund Peter Wohlwend? Oder sind alles nur psychotrope Effekte des Autors? Der Leser tappt im Dunkeln, ihm hilft nur eins: Noch einmal lesen, und vielleicht können die offenen Fragen dann Fall für Fall gelöst werden. Aber nur vielleicht.

 

 

Zum Autor Armin Öhri
Armin Öhri, geboren 1978, aufgewachsen in Ruggell, lebt in Grabs SG. Oehri publizierte einen zeitgeschichtlichen Roman, drei historische Kriminalromane, je einen Kurzroman und einen historischen Roman als E-Books sowie zwei Erzählungen. Er erhielt den »European Union Prize for Literature«, seine Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Zudem ist Öhri Gründer des Liechtensteinischen Literatursalons und Präsident des Liechtensteinischen Autorenverbands »IG Wort«.

Bücher
Liechtenstein. Roman einer Nation; Professor Harpers Expedition. Historischer Roman (E-Book only); Die letzte Reise der Hindenburg. Kurzroman (E-Book only); Die Dame im Schatten. Julius Bentheims dritter Fall. Historischer Kriminalroman; Der Bund der Okkultisten. Julius Bentheims zweiter Fall. Historischer Kriminalroman; Die dunkle Muse. Julius Bentheims erster Fall. Historischer Kriminalroman; Sinfonie des Todes. Historischer Kriminalroman; Die Entführung. Erzählung; Das Nachtvolk. Erzählung

Armin Öhri, Liechtenstein – Roman einer Nation. Zeitgeschichtlicher Kriminalroman, Hardcover mit Schutzumschlag, 504 Seiten, ISBN 978-3-8392-1978-2, ersch. im Juli 2016 im Gmeiner Verlag

 

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