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12.09.2017 |  Karin Jenny

Die Kraft demokratischer Momente - Das Buchprojekt „Demokratische Momente“ von Roman Banzer, Hansjörg Quaderer und Roy Sommer

„Demokratische Momente“ ist ein Buchprojekt, das erzählte Erinnerungen in den Fokus rückt. Zur Identifikation einer Gesellschaft gehört das Erzählen von Wirklichkeiten, die weder in den Medien noch in Statistiken zum Ausdruck kommen. Erzählungen enthalten subjektive Hoffnungen, Gefühle, Familiengeschichten und ganz persönliche Erfahrungen.

20 Interviews widmen sich zwei einschneidenden Ereignissen „demokratischer Momente“ in Liechtenstein, nämlich dem Erleben der Demonstration zum Frauenstimmrecht 1971 und der Kundgebung zur EWR-Abstimmung 1992. Aufgeschrieben und transkribiert wurden diese Erzählungen von Roman Banzer und Hansjörg Quaderer. Deren Vorgehensweise reflektiert den narratologischen Ansatz des Projekts, einer Methode, die Roy Sommer wissenschaftlich begleitete.

Diese aufgezeichneten Gespräche sowohl zum Frauenstimmrecht als auch zur EWR-Abstimmung sind unterlegt mit Fotos, Dokumenten, Zeitungsausschnitten und Kommentaren aus Archiven und Privatbeständen. Schnell werden im Vergleich zum eigenen Erinnern die Diskrepanzen klar. Der narrative Ansatz solcher Interviews beinhaltet, dass die Interviewten eingeladen sind, ihre Geschichte zu einer bestimmten Lebenserfahrung „fertig“ zu erzählen. Das heißt wiederum, dass die Geschichten „demokratischer Momente“ zum Teil bis ins Detail gehen, scheinbar Nebenschauplätze öffnen, gleichzeitig aber gerade dadurch das Hauptereignis bzw. dessen Deutung plausibel machen.

Bei beiden Ereignissen ging es um Machtproben. Einmal um jene zwischen Frauen und Männern und einmal um eine Machtprobe zwischen Volk und Fürst. Hatte die Demonstration für das Frauenstimmrecht 1972 noch etwas Anarchisches, Wütendes an sich war die Kundgebung 1992 eher ein Solidaritätsakt mit den Volksvertretern. Beide Ereignisse aber prägten sich tief in die Seelen der Menschen ein. Beides blieb nicht ohne Folgen. Und es waren wahrhaft demokratische Momente der LiechtensteinerInnen.

Was bewirkt das Erinnern?

Das Erinnern solch einschneidender Ereignisse bewirkt erst einmal, dass sich eine Gesellschaft die Deutungshoheit über ihre Geschichte zurückholt. Begleitende Dokumente und Zeitungsausschnitte belegen die Kluft zwischen dem eigenen Erinnern und der damaligen „Hofberichterstattung“. JournalistInnen betreiben nicht selten Geschichtsklitterung, um „unangenehme Folgen“ zu vermeiden oder warum auch immer. Das zweite wichtige Element dieser Erzählungen ist, dass die Erinnerungen ungeschminkt kommuniziert und bewertet werden. Sie reichen hinein in die Familienstrukturen, leuchten Angsträume aus und tragen nicht unerheblich zur Identitätsfindung einer Gesellschaft bei.

Ein weiterer Wesenszug mündlichen Erzählens ist, dass die Interviewten am Ende des Gesprächs quasi Bilanz ziehen. Daher kommt es, dass viele Gespräche unweigerlich zu einem Ereignis führen, das man nun wirklich nicht als „demokratischen Moment“ bezeichnen kann, die Verfassungsabstimmung 2003, die durch Fürst Hans Adam II herbeigezwungen wurde und letztlich eine Abstimmung darüber war, ob er nach Wien zieht oder in Liechtenstein bleibt.

Zitate aus dem Buch

Schon einzelne Zitate zeigen das Dilemma der DemokratInnen, deren Weltbild sich grundsätzlich von „Wohlstandsoptimierern“ unterscheide.

„... Bevor es zur Abstimmung gekommen ist, hat der Fürst gesagt, dass er nicht zustimmen würde, wenn das Referendum angenommen werde. Da ist die Verfassungswirklichkeit wieder hundertprozentig klar geworden. Der Fürst hat das letzte Wort ...“

„... Es gibt diese zwei Obrigkeiten, Gott und den Fürst, die man nicht hinterfragt, das ist einfach so, man stellt keine dummen Fragen ...“

Roy Sommer ordnet die Erzählungen in einem eigenen Beitrag ein.

Zitat: „Auch in den 20 Wirklichkeitserzählungen, die dieser Band versammelt, stehen jene impliziten und verschwiegenen Erzählungen im Vordergrund, die [...] zu Kulturen gehören wie die offiziellen Staatserzählungen. Dabei handelt es sich nicht etwa um Geheimes oder Geheimnisvolles, sondern um Grundsätzliches wie Demokratie und Frauenwahlrecht ...“

Fazit

Die Transkribierung der Texte durch die Autoren Hansjörg Quaderer und Roman Banzer ist richtig gut gelungen, man stolpert nicht ständig über Redundanzen, wie es bei gesprochenen Texten gern der Fall ist. Sie vernachlässigen keine Details und spiegeln die Gesprächsatmosphäre so gut, dass man zuweilen das Gefühl hat, dabei zu sein.

Mit diesem Buchprojekt haben die beiden Initiatoren der liechtensteinischen Gesellschaft und tolles Geschenk gemacht. Erinnern wir uns. Auch wenn es schmerzt.

„Demokratische Momente“ ist ein Buch, das man vor allem jungen Menschen in Liechtenstein in die Hand drücken sollte. Es erzählt auch deren Geschichte. Noch erzählen die Menschen mehr darüber, wie arm sie noch vor 50 Jahren waren, das mag ihre Verherrlichung des Wohlstands erklären – aber dass es anderes gibt, was Lebensqualität ist, davon erzählen diese 20 Frauen und Männer. Es ist ein spannendes, mitreißendes, teilweise schmerzhaftes Buch; es ist aber auch ein Buch, das daran erinnert, wie stark Menschen sein können und dass sie auch etwas verändern können, wenn sie sich selbstbewusst ihrer eigenen Geschichte erinnern.

 

 

Das Forschungs- und Buchprojekt heißt LIECHTENSTEIN ERZÄHLEN.
«Demokratische Momente» ist Band 1 der  auf verschiedenste Schwerpunkte fokussierenden Buchreihe, siehe www.erzählen.li


 

 

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