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18.12.2017 |  Markus Barnay

Die Fabrik und das Dorf - Barbara Motters „ Die Ära Rudolf Kastner”, ein Beitrag zur Industriegeschichte Vorarlbergs

„Nach der Schließung der Fabrik 1967 herrschte Trauer im Dorf“, schreibt die Historikerin Barbara Motter in ihrer kleinen, aber feinen Geschichte der Textilfabrik Kastner in Thüringen, die vom Verein Villa Falkenhorst vor kurzem präsentiert wurde. Die Fabrik war 130 Jahre lang – seit der Gründung durch den Schotten John Douglass 1837 – eine Institution gewesen, die das Dorfleben in vielfacher Hinsicht geprägt hatte. Und nach der Familie Douglass, deren letzter in Thüringen ansässiger Vertreter 1904 wieder zurück auf die Insel gezogen war, war es die Familie Kastner, die mit dem Betrieb der Fabrik, aber auch mit ihren gesellschaftlichen und sozialen Aktivitäten dem Dorf den Stempel aufdrückte.

Kaufmannssohn mit textiler Neigung

Rudolf Kastner stammte aus einer Wiener Kaufmannsfamilie, deren Oberhaupt – Carl Kastner – 1873 mit einem Arbeitskollegen eine Firma gegründet hatte, die es bis heute gibt: Kastner & Öhler. Während die älteren Brüder von Rudolf in die väterliche Firma eintraten, besuchte der Jüngste die Textilschule im schwäbischen Reutlingen, ehe er 1909 – nach seiner Hochzeit mit der Enkelin eines böhmischen Textilfabrikanten, Stefanie Münzberg – die Fabrik in Thüringen und das ehemalige Wohnhaus der Familie Douglass, die Villa Falkenhorst, kaufte. Der Zeitpunkt war nicht gerade ideal: Fünf Jahre später begann der Erste Weltkrieg, Rudolf selbst musste 1916 einrücken und die Textilproduktion musste mangels Rohstoffen auf die Produktion von Papiergarnen umgestellt werden. Und doch liefen die Kastnerschen Geschäfte gut: Noch während des Ersten Weltkriegs kaufte er die Weberei Lerchenau in Lauterach, später kamen weitere Fabriken in Dornbirn, Schlins, Tirol und Ungarn dazu.

Obwohl Rudolf Kastner mit seiner Familie schon 1918 nach Innsbruck übersiedelte – wohl wegen der besseren Bildungsmöglichkeiten für die Kinder – und von dort aus nach Thüringen pendelte, blieb die Familie Kastner im Dorf präsent: die Kinder verbrachten sämtliche Ferien in der Villa Falkenhorst, und die älteste Tochter Gladys zog schließlich auch mit ihrem Ehemann Josef Dittrich wieder zurück in den Walgau. Dittrich wurde zum Geschäftsführer, doch Rudolf Kastner blieb die graue Eminenz, der letztlich sogar das Ende der Firma mitverschulden sollte, weil er nicht loslassen konnte (von seinem schweren Schlaganfall 1963 bis zu seinem Tod 1966 war die Firma weitgehend handlungsunfähig).

Prekäre Wohn- und Lebensverhältnisse – der Arbeiter

Barbara Motter beschreibt in ihrer – reich bebilderten und mit zahlreichen Zeitzeugen-Zitaten aufgewerteten – Firmengeschichte aber nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung und die privaten Lebensverhältnisse der Fabrikantenfamilie, sondern auch die prekären Wohn- und Lebensverhältnisse der Arbeiterinnen und Arbeiter der Kastnerschen Fabrik, die nicht zuletzt zur Gründung der sozialdemokratischen Partei führten. Andererseits wurde Rudolf Kastner als bekennender Dollfuß-Anhänger auch Ziel von Angriffen der Nationalsozialisten – und musste, von den Nazi-Gesetzen als „Halbjude“ eingestuft, sogar seine Firma vorübergehend einem Verwandten übertragen.

Schließlich schildert Barbara Motter aber auch die Erinnerungsarbeit, die Jahre nach der Schließung der Fabrik begann und zu der das vorliegende Buch einen wichtigen Beitrag leistet. Das Fabriksgebäude selbst wurde ja im Verlauf eines Dorfentwicklungsprozesses zur Wohnanlage umgebaut, und die Villa Falkenhorst konnte – nach dem Tod der Kastner-Tochter Gladys Dittrich 1995 – von der Gemeinde erworben und seither kulturell genutzt werden. Die Villa Falkenhorst und der nach ihr benannte Verein sind zugleich Garanten dafür, dass die Geschichte der Textilfabrik und ihre weitreichenden Auswirkungen auf die Entwicklung des Dorfes nicht vergessen werden.

 

Barbara Motter, Die Ära Rudolf Kastner. Thüringen und die Fabrik 1909 bis 1967, Herausgegeben vom Verein Villa Falkenhorst. Lorenzi Verlag Bludenz 2017, 72 Seiten, ISBN 978-3-9504113-3-1, € 14,-

Die begleitende Ausstellung ist in der Villa Falkenhorst bis 7. Jänner 2018, jeweils am Sonntag von 15 bis 17 Uhr und bei Veranstaltungen sowie nach Vereinbarung geöffnet.

Rudolf Kastner mit einem Geschäftspartner auf dem Fabrikshof in Thüringen, um 1919 © Familie Dittrich

Rudolf Kastner mit einem Geschäftspartner auf dem Fabrikshof in Thüringen, um 1919 © Familie Dittrich

Rudolf Kastner lernte erst in Vorarlberg Autofahren und übernahm den Pontiac von Heinrich Wintsch, dem Vorbesitzer der Fabrik. Bis 1928 war er der einzige Fahrzeugbesitzer in Thüringen. In späteren Jahren fuhr ihn Tochter Gladys zu Terminen oder in Wien der Chauffeur Herr Fuchhuber, der hier mit dem Ehepaar Kastner zu sehen ist, um 1950 © Familie Dittrich

Rudolf Kastner lernte erst in Vorarlberg Autofahren und übernahm den Pontiac von Heinrich Wintsch, dem Vorbesitzer der Fabrik. Bis 1928 war er der einzige Fahrzeugbesitzer in Thüringen. In späteren Jahren fuhr ihn Tochter Gladys zu Terminen oder in Wien der Chauffeur Herr Fuchhuber, der hier mit dem Ehepaar Kastner zu sehen ist, um 1950 © Familie Dittrich

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  • Rudolf Kastner mit einem Geschäftspartner auf dem Fabrikshof in Thüringen, um 1919 © Familie Dittrich Rudolf Kastner mit einem Geschäftspartner auf dem Fabrikshof in Thüringen, um 1919 © Familie Dittrich
  • Rudolf Kastner lernte erst in Vorarlberg Autofahren und übernahm den Pontiac von Heinrich Wintsch, dem Vorbesitzer der Fabrik. Bis 1928 war er der einzige Fahrzeugbesitzer in Thüringen. In späteren Jahren fuhr ihn Tochter Gladys zu Terminen oder in Wien der Chauffeur Herr Fuchhuber, der hier mit dem Ehepaar Kastner zu sehen ist, um 1950 © Familie Dittrich Rudolf Kastner lernte erst in Vorarlberg Autofahren und übernahm den Pontiac von Heinrich Wintsch, dem Vorbesitzer der Fabrik. Bis 1928 war er der einzige Fahrzeugbesitzer in Thüringen. In späteren Jahren fuhr ihn Tochter Gladys zu Terminen oder in Wien der Chauffeur Herr Fuchhuber, der hier mit dem Ehepaar Kastner zu sehen ist, um 1950 © Familie Dittrich