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21.03.2018 |  Ingrid Bertel

Der Papst der Ungläubigen - Bernd Schuchter widmet sich in „Herr Maschine“ dem Arzt und Philosophen Julien Offray de la Mettrie

In seinem Essay „Herr Maschine“ widmet sich Bernd Schuchter einem Vergessenen aus dem Zeitalter der Aufklärung: dem Arzt und Philosophen Julien Offray de la Mettrie, den seine Zeitgenossen einen Maschinen-Mann nannten.

Diderot, Voltaire, Rousseau, d’Alembert: Sie sind die Heroen der Aufklärung. Sie unternehmen ein Riesenwerk, als sie mit der Enzyklopädie das gesamte Wissen der Zeit allgemein zugänglich machen, getragen von der Überzeugung, dass die Menschen nach Bildung streben und dass der Gebildete das Handeln der Politiker, der Wissenschaftler, der Unternehmer richtig beurteilen kann. Ihr Versprechen, dass Bildung eine humane Gesellschaft ermöglicht, leuchtet noch in unsere Gegenwart. Aber ist es am Ende illusorisch? Das betonte nämlich La Mettrie. Egal wie viel Bildung, die Mehrheit der Menschen sei eben nicht begabt für umfassendere Einsichten.

Er war brillant wie Diderot, provokant wie Voltaire, revolutionär wie Rousseau, aber seine Haltung wurde von den Aufklärern abgelehnt – und heute würden wir vermutlich auch nicht anders reagieren. Dass es hoffnungslos depperte Menschen gibt? Das wollen wir nicht denken. Verfemt und verhöhnt starb La Mettrie am provinziellen Hof des Preußenkönigs Friedrich II. einen absurden Tod. Er hatte sich an einer Pastete überfressen.

Juliens Fiebertraum

Bernd Schuchter widmet Julien Offray de La Mettrie einen Essay, dessen Herzschlag ein Fiebertraum des Helden ist. Wir befinden uns in einem Café, und da es um 1744 nicht viele davon gab, könnte es das Café Procope sein, ein Treffpunkt der Philosophen. La Mettrie ist allerdings mit einem Flirt beschäftigt. Am Nebentisch tuschelt ein Paar, das offensichtlich weiß: Hier flirtet ein verheirateter Mann. Das nervt den, und als auch noch sein Flirt den Raum verlässt, lachen ihn die beiden höhnisch aus. In seiner Wut wünscht sich der Träumer den blassen jungen Mann am Nebentisch tot. Doch dann, immer noch im Traum, beschleicht ihn ein schlimmer Verdacht: „Was, wenn nicht er, La Mettrie dem Toten dabei zusähe, wie er unter Lebenden umhergehe, sondern umgekehrt? Die langsame Erkenntnis, dann die Empörung. Nein!, ich lebe, das Herz schlägt bis zum Hals, wenn das kein Beweis ist…“

Der Traum beschert La Mettrie die Überzeugung, dass der Mensch nur über seinen Körper zu verstehen sei. Das ist berufsbedingt verständlich – La Mettrie ist Arzt.

Der antiautoritäre Arzt

Er hat in Paris studiert, anschließend in Leiden bei Hermann Boerhaave. Er übersetzt dessen Schriften in der dezidierten Absicht, das veraltete System der Pariser Fakultät zu kritisieren. Naturgemäß handelt er sich damit Ärger ein, vor allem weil er einer Koryphäe namens Astruc am Zeug flickt. Es geht um die Frage nach dem Ursprung der Syphilis – und für La Mettrie ist sie weder Afrikanern noch Asiaten anzulasten und schon gar nicht eine Strafe Gottes, sondern schlicht die Folge einer innereuropäischen Fehlentwicklung.

1739 wütet in der Bretagne eine Choleraepidemie, die 30.000 Menschen das Leben kostet. La Mettrie arbeitet im Krankenhaus seiner Heimatstadt Saint-Malo und erlebt die etablierte Medizin als nutzlos. Das sagt er laut und deutlich, und die berühmten Kollegen an der Fakultät nehmen den Fehdehandschuh auf.

Der Satiriker

Im gleichen Jahr heiratet er, zieht nach Paris und wird bekannt. Seine Medizin-Satiren haben Erfolg. Sie liegen ja auch im Trend: Über die Inkompetenz der Ärzte und ihren Standesdünkel spotten auch Molière und selbst die königliche Schwägerin Liselotte von der Pfalz. Sie beschreibt, wie der Urenkel Ludwigs XIV. dank der Beherztheit seiner Gouvernante überlebt, die das Baby den königlichen Ärzten entzog. Die, so die Prinzessin, hätten davor seine Eltern und seinen Bruder getötet. „Ich kann nicht gedenken, wie sich die Doktoren nicht selber corrigiert haben … wie sie das Herz gehabt haben, dies arme Kind ebenso umzubringen…“ Die permanenten Aderlässe, die die Ärzte den an Scharlach erkrankten Eltern und ihrem Erstgeborenen zumuteten, ist für Lieselotte von der Pfalz tödlich gewesen. Aber seltsam: La Mettrie wird 1751, schwer erkrankt, genau auf diesen – auch für ihn tödlichen – Aderlässen bestehen. War er am Ende trotz seiner Satiren ein schlechter Mediziner?

Ein schlechter Networker war er in jedem Fall. Im Überschwang seiner Pariser Erfolge, legt er sich mit den Intellektuellen an, nennt zum Beispiel Voltaire „selbstverliebt“ – und der verzeiht ihm das nie und intrigiert bis zu La Mettries frühem Tod gegen ihn.

Der Atheist

In seinem Hauptwerk, „L’Homme Machine“ stellt er die Frage, was die menschliche Seele sei, hält anmaßend fest: „Die Ärzte allein sind es, die ein Recht haben, hier zu sprechen.“ Den Menschen vergleicht er mit einem Uhrwerk, von Rädern angetrieben.

Die Maschinenmetapher ist den Zeitgenossen nicht fremd. Sie sind fasziniert von Schachautomaten, von mechanischem Spielzeug wie der künstlichen Ente Vaucansons. Aber Automaten sind Gadgets, man kann darüber staunen. Eine Philosophie des Atheismus und Materialismus dagegen – da hört sich der Spaß auf. La Mettries Schriften werden verbrannt. 1746 flüchtet er nach Leiden. Diderot weint ihm keine Träne nach. „Einen in seinen Sitten und Anschauungen so verdorbenen Menschen schließe ich aus der Schar der Philosophen aus“, lautet sein hartes Urteil.

Dabei wird gerade Diderot den Atheismus La Mettries weiterdenken, und wird ihn, wie La Mettrie, als Fiebertraum präsentieren. In seinem Buch „D’Alemberts Traum“ geht es um die Frage, ob eine Gesellschaft auch ohne Christentum moralisch sein könne – was Diderot positiv beantwortet. Zynischer bleibt Voltaire, der schreibt: „Wenn es keinen Gott gäbe, müsste man ihn erfinden“ – und zwar um den Pöbel unter Kontrolle zu halten. Ganz ehrlich und redlich beschäftigt sich mit dem Atheismus der Baron d’Holbach, in dessen Salon sich die Aufklärer treffen. „Das entschleierte Christentum“ ist das wohl kompromissloseste Werk gegen Religionen jeder Art. Gedruckt wurde es 1761. War La Mettrie also einfach zu früh? Oder hat er unterschätzt, wie überlebenswichtig in Zeiten der Zensur die Verbindungen eines Intellektuellen zu Gleichgesinnten waren?

Der alte Fritz

Einen Unterstützer fand La Mettrie in Friedrich II. Der Preußenkönig bot ihm Asyl, an seinem Hof versammelte er die umstrittensten Freigeister. Die lieferten einander Eifersüchteleien, zumal Voltaire und La Mettrie – bis zum überraschenden „Pasteten-Tod“ des Manschinen-Manns.

Bernd Schuchter strebt einen neuen Blick auf La Mettrie an – aber warum nennt er ihn dann herablassend stets den „kleinen Malouin“? Er strebt ein Panorama der geistigen Welt um 1740 an, aber es ist ihm nicht gegeben, dieses Panorama so stupend zu zeichnen, wie es etwa Philipp Blom in „Böse Philosophen“ so wunderbar gelungen ist. Das liegt zum einen am fehlenden Lektorat, zum andern an der Struktur des Essays. Zwar widmet sich Schuchter dem Verlagswesen, der Zensur, den Salondebatten und vielen anderen Aspekten, aber bei ihm stoßen die Themen hart aneinander, verbinden sich nicht zu einer Argumentationskette. Mühsam lesen sich die ungelenken Wiederholungen, und das ist schade, denn der „Herr Maschine“ wäre durchaus jener Wiederentdeckung wert, die ihm Bernd Schuchter aus überzeugenden Gründen wünscht.

 

Bernd Schuchter, Herr Maschine oder vom wunderlichen Leben und Sterben des Julien Offray de la Mettrie, Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, Verlag Braumüller, ISBN 978-3-99200-201-6, 176 Seiten

 

 

 

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