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01.07.2014 |  Markus Barnay

Der industriegeschichtliche Wanderführer „Orte – Fabriken – Geschichten“

Gerade noch hat Hanno Loewy, der Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, anlässlich der Zusammenstellung eines Buchpakets für die Vorarlberger Hotellerie geklagt, dass es für manche Bereiche der Vorarlberger Geschichte und Kulturlandschaft keine kompakte Übersichtsdarstellung gibt, da ist zumindest in einem Bereich eine Lücke geschlossen: Der vom Wirtschaftsarchiv Vorarlberg herausgegebene Führer zu 188 historischen Industriebauten in Vorarlberg ist nämlich nicht nur eine spannende Reise zu den Orten der Industrialisierung, sondern gibt zugleich einen präzisen Überblick über die Industriegeschichte des Landes.

Dezentralisierte Industrialisierung


Das heutige Vorarlberg, das damals noch Teil von Tirol war, gehörte schon im 19. Jahrhundert zu den höchstindustrialisierten Gebieten der österreichisch-ungarischen Monarchie. Doch anders als in Böhmen oder in der Obersteiermark sah und sieht man das der Region auf den ersten Blick nicht an. Die Fabriken konzentrierten sich nämlich nicht auf ein bestimmtes Gebiet, sondern entstanden weit verstreut in verschiedenen Gemeinden des Rheintals und des Walgaus. Ausschlaggebend dafür waren die Wasserressourcen (und hier vor allem das Wasserkraftpotential an den Ausgängen der Seitentäler), aber auch der verfügbare Grund und die Nutzungsrechte für Wasser und Wald. Eine der Folgen dieser Dezentralisierung – und der sozialen Begleitmaßnahmen der Fabrikanten, etwa in Form von Arbeiterwohnhäusern und Nutzgärten – war und ist die relative Schwäche der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, die hierzulande nie richtig Fuß fassen konnte und sich in den letzten Jahrzehnten auf dem Weg in die politische Bedeutungslosigkeit befindet.

Die andere Konsequenz freut die Industriearchäologen: Weil die Fabriken weit verstreut waren und sich in manchen Gemeinden nur ein oder zwei große Industriebetriebe befanden, kümmerten sich die lokalen Behörden viel intensiver um eine Nachnutzung als dies in industriellen Ballungsräumen der Fall war. Zwar ist die einst so dominierende Textilindustrie inzwischen bis auf wenige, in Nischen erfolgreiche Ausnahmen weitgehend von der Bildfläche verschwunden, aber die Gebäude sind zum Großteil erhalten geblieben – und das nur in wenigen Fällen in Form von leerstehenden Industrieruinen.

Kompakte Darstellung der Industriegeschichte


Anfang der 1990er-Jahre gab es erstmals einen kompakten Führer zu den stummen Zeugen der Industriekultur des 19. und 20. Jahrhunderts. Er hieß „Industriekultur am Bodensee“, wurde von verschiedenen historischen Vereinen gemeinsam herausgegeben und bot einen Überblick über die Industriebauten in der Bodenseeregion. Der Vorteil war der grenzüberschreitende Zugang (der z.B. auch berücksichtigte, dass die Schweiz früher und stärker industrialisiert war als Vorarlberg, das seine wirtschaftliche Entwicklung ja nicht zuletzt der Nähe zur Schweiz verdankte), der Nachteil die Beschränkung des Vorarlberger Teils auf rund 25 Seiten.

30 Jahre später liegt jetzt der neue, von der Historikerin Barbara Motter und der Kunsthistorikerin und Bautechnikerin Barbara Grabherr-Schneider verfasste, 336 Seiten dicke Führer zu den historischen Industriebauten vor, und er verdient gleich mehrfaches Lob: Erstens enthält er so ganz nebenbei eine kompakte Darstellung der Industriegeschichte Vorarlbergs, die es in dieser konzentrierten Form bisher nicht gab. Zweitens enthält er nicht nur aufschlussreiche Informationen über die industrielle Entwicklung der jeweiligen Gemeinden, sondern auch über die weitere Entwicklung bis in die Gegenwart (und mitunter sogar in die Zukunft, wenn aktuelle Pläne einer Nachnutzung oder Bebauung beschrieben werden). Und drittens enthält das Buch zahlreiche historische Fotos und aktuelle Abbildungen der verschiedenen Industriebauten (Fotograf Friedrich Böhringer dürfte allen bekannt sein, die schon einmal auf Wikimedia nach Fotos von Vorarlberger Sehenswürdigkeiten gesucht haben).

Legendäre Fabriken und dunkle Kapitel


Insgesamt enthält „Orte – Fabriken – Geschichten“ Porträts von 188 Industriebauten in 35 verschiedenen Gemeinden – und allein diese Zahl veranschaulicht schon die Bandbreite der Darstellung. Neben Fabriksbauten werden auch Arbeiterwohnhäuser, Fabrikantenvillen, Kraftwerks- und Heizwerksbauten beschrieben. Motter und Grabherr-Schneider lenken den Blick aber auch auf etliche Gebäude, die in der Industriearchäologie bisher kaum beachtet wurden – etwa die wichtigsten Stickereifabriken in Lustenau. Und auch legendäre Fabriken, die komplett verschwunden sind, leben in diesem Führer wieder auf – etwa die erste Fahrrad- und Automobilfabrik in Hörbranz, die Veloziped Fabrik.

Die Autorinnen erwähnen auch die dunklen Kapitel der heimischen Industriegeschichte – von der Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter in der Frühzeit der Industrialisierung über die Kinderarbeit bis zur Beschäftigung von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen in den teilweise zu Rüstungsbetrieben umgewandelten Fabriken während des Zweiten Weltkriegs. Umso mehr verwundert das Fehlen der wichtigsten Kraftwerke der Illwerke (Vermunt und Obervermunt) und der ÖBB (Klösterle), hatte deren Bau doch weitreichende Auswirkungen nicht nur auf die wirtschaftliche, sondern auch auf die gesellschaftliche und politische Entwicklung des Landes. Beim Bau der Silvretta-Staumauer wurden überdies zahlreiche Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene beschäftigt.

Doch das ist auch schon beinahe das einzige Manko des verdienstvollen Buches, das trotz dieser Lücke so umfangreich ist, dass es die Tragfähigkeit einer handelsüblichen Hosentasche deutlich überfordert. Man wird es also eher in den Rucksack oder in das Handschuhfach stecken müssen, wenn man sich auf die spannende Suche nach den steinernen Zeugen der Vorarlberger Industriegeschichte begibt.

 

Barbara Motter, Barbara Grabherr-Schneider,
Orte – Fabriken – Geschichten.
188 historische Industriebauten in Vorarlberg, Wirtschaftsarchiv Vorarlberg (Hg.),
 336 Seiten,
EUR 19,90, ISBN 978-3-7099-7097-3, Haymonverlag, Innsbruck

 

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