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04.10.2018 |  Kurt Bracharz

Comicland Österreich – wo liegt es?

Die Zeitschrift „Literatur und Kritik“ erscheint im Otto Müller Verlag, Salzburg, und wird von Karl-Markus Gauss und Arno Kleibel herausgegeben. Die Nummer 525 hat ihren Schwerpunkt in einem Dossier: „Comicland Österreich“, herausgegeben von Martin Reiterer, der auch alle Beiträge zum Dossier außer den abgedruckten Comics verfasst hat.

Der Titel „Comicland Österreich“ scheint unangebracht. Unter einem Comicland versteht man doch eher ein Land, in dem es eine lebhafte Szene von Zeichnerinnen und Zeichnern, Comicverlage, Messen, Zeitschriften und eine Tradition populärer Publikationen gibt, also etwa Frankreich mit den Bandes dessinées, Italien mit den Fumetti oder auch Deutschland: Rolf Kaukas „Fix und Foxi“ waren zwar grob gezeichnet und viel einfacher gestrickt als etwa die deutsche Fassung der „Micky Maus“, und Rudi Wäschers „Sigurd“ war ausgesprochen einfältig, aber beide Hefte waren sehr verbreitet, und auch heute gibt es etwas, was in Österreich fehlt, nämlich tatsächlich populäre Comics, die flächendeckend an Zeitungskiosken und in Bahnhofsbuchhandlungen verkauft werden. Das liegt wohl auch am Anspruch der Produzenten: Wenn man die Beispiele in „Comicland Österreich“ durchblättert, hat man den Eindruck, das alles wolle Kunst sein, zumindest ein bisschen. 
Die Comics sind ja schon lange nicht mehr komisch. Auf die frühesten Exemplare und heutigen Klassiker traf die Bezeichnung zu, auch wenn manche so grotesk waren, dass das Seltsame das Komische überdeckte, und manche so genial gezeichnet, dass man jedenfalls heute eher diesen grafischen Aspekt an ihnen wahrnimmt als ihren zumeist harmlosen Humor. Was es damals gar nicht gab, waren hingestrichelte oder aquarellierte Impressionen ohne Pointe, die hauptsächlich durch Atmosphäre wirken sollen. Nichts gegen solche Arbeiten – aber weltweit populäre Stars des Genres wurden nicht zufällig die mit klaren Linien gezeichnete verrückte Katze, der spinatabhängige Seemann oder das Ehepaar Bumstead, bekannter als Blondie und Dagwood. 
In meiner Jugend druckten österreichische Tageszeitungen Comicstrips ab, amerikanische und britische, aus heutiger Sicht vermutlich aus Reeducationsgründen. Ich erinnere mich an Romeo Brown, Rip Korby und möglicherweise Beetle Bailey im sozialistischen „Express“, und mir scheint, auch der „Kurier“ hatte damals täglich eine halbe Seite solcher 4-Bilder-Streifen. In der Samstagausgabe einer anderen Zeitung wurde ganzseitig „Prinz Eisenherz“ abgedruckt, und in einem Monatsmagazin, an dessen Namen ich mich nicht erinnere, gab es einen lustigen kurzen österreichischen Strip, auf den ich nie mehr einen Hinweis gefunden habe. Heute werden in den „Vorarlberger Nachrichten“ „Garfield“ und in der „Neuen Vorarlberger Tageszeitung“ „Hägar“ abgedruckt, und ich glaube, auch sonst gibt es nirgendwo in Österreich österreichische Strips in der Tagespresse. 
In dem österreichischen Medium, das eine Comicfigur wirklich hätte populär machen können, ist meines Wissens nie ein Comic erschienen. Ich meine die „Kronen Zeitung“. Ich habe Hans Dichand in den 1990er-Jahren einen eigenen „Krone“-Comic mit Bezug zu aktuellen Ereignissen vorgeschlagen, und er zeigte sich nicht abgeneigt (und dachte wie ich an einen Nachfolger des „Seicherl“), aber ich fragte dann unbedarfterweise ausgerechnet Ronald Putzker, ob er zeichnen würde, und er reagierte allergisch auf das Wort „Krone“, worauf ich das Projekt nicht weiter verfolgte.
Martin Reiterer schreibt im einleitenden Essay, er wolle die sechs Zeichnerinnen und sieben Zeichner des Dossiers einmal zusammenbringen, weil sie „innerhalb des Kulturbetriebs oftmals getrennt voneinander wahrgenommen werden, weil die einen (fast) ausschließlich der Comicszene, die anderen (fast) ausschließlich der Literaturszene zugerechnet werden“. Mit diesen „anderen“ sind wohl Nicolas Mahler und Brigitta Falkner gemeint, die beide in deutschen Verlagen veröffentlichen, Mahler bei Suhrkamp, Falkner zuletzt bei Matthes & Seitz Berlin. Bei Mahler verstehe ich eigentlich nicht, warum er erst in Frankreich bekannt werden musste, bis er auch in Österreich wahrgenommen wurde, es lässt den Schluss zu, dass hierzulande immer noch vorwiegend Ignoranten an den Schalthebeln des Kulturbetriebs sitzen. Bei der von mir sehr geschätzten Brigitta Falkner würde ich meinen, dass „Strategien der Wirtsfindung 1“ eigentlich keine Graphic Novel ist, auch wenn viele Bilder darin an Charles Burns erinnern.
Von den anderen im Dossier vorgestellten Zeichnerinnen und Zeichnern kannte ich nur Ulli Lust. Das ist nur deshalb erwähnenswert, weil ich mein Leben lang Comics gelesen (und manche auch gesammelt) habe und weil ich immer noch regelmäßig Comics kaufe: in Lindau in der Bahnhofsbuchhandlung, wo es jede Menge Marvel, DC etc., aber auch Buttgereits „Captain Berlin“ und drei deutschsprachige Comics-Zeitschriften gibt, und in Zürich bei „Analph“, wo eigentlich alles auftaucht, japanische, französische, italienische, deutsche und US-Comics, aber auch dort findet man aus Österreich nur Mahler und Lust.
Umso bemerkenswerter, dass Reiterer neben all den Comicsmachern aus Wien, Linz und Graz auch einen Vorarlberger kennt: Christof Abbrederis ist seinem scharfen Auge nicht entgangen. Er wird allerdings nur im Text erwähnt, in die Biografien hat er es nicht geschafft. 
Zuletzt ein Mahler-Zitat zur Eigenart der Comics: „Was mir bei den Adaptionen aufgefallen ist: Wenn der Text zu gut ist, ist das schlecht fürs Comic. Weil der Text was auslöst, wozu man kein Bild mehr braucht. Ein Dialog, der zu brillant ist, der kann im Comic ein Problem sein. Dann nimmt man lieber einen schlechteren. Und Literaturkritiker sagen dann: Naja, wenn das in einem Roman stehen würde ... Aber der Roman hat nur das Wort.“

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