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11.10.2018 |  Anita Grüneis

Amüsante Alltagsgeschichten

„Unvermeidbare Dinge“ nennt Christiani Wetter ihr erstes Buch, das am 15. Oktober im van Eck Verlag erscheint. Es sind kurze Geschichten, sie selbst spricht von „Skizzen“, die im Alltag passieren. Ob sie das Erzählte selbst erlebt oder sich ausgedacht hat – so genau ist das nicht zu erfahren, manchmal denkt man beim Lesen: das muss der Autorin passiert sein, so locker und humorvoll kann nur jemand auf etwas reflektieren, das er selbst erlebt hat.

Doch Christiani Wetter ist von Beruf Schauspielerin, sie ist gewohnt, mit fremden Texten umzugehen, sie sich anzueignen und auf neue Art wieder von sich zu geben. Außerdem schreibt sie schon lange technische Beiträge und Reden für Politikerinnen und Politiker. Das Geschichten-Schreiben hat einen anderen Ursprung. „Seit vielen Jahren laufe ich mit einem kleinen Skizzenbuch in meiner Tasche herum, in welchem ich Erlebnisse, Begegnungen und gehörte Geschichten niederschreibe. Viele alltägliche Dinge, die mir zu Ohren kamen oder welche ich selbst erlebt hatte, fand ich sehr zum Schmunzeln und zum Nachdenken. Irgendwann wollte ich aus diesen Skizzen kurze Geschichten machen. Bevor ich angefangen habe die Geschichten  auszuschreiben, habe ich einzelne davon in Poetry Slams oder auf Lesungen vorgetragen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, ob die Geschichten überhaupt Anklang finden. Da diese dann glücklicherweise sehr positiv von den Zuhörern aufgenommen wurden, machte ich immer weiter mit meiner Skizzensammlung und schrieb diese schlussendlich zu Kurzgeschichten aus. Schließlich hatte ich ein Sammelsurium an kleinen Schätzen zusammen.“

Die Jelinek alleine im Bus

Christiani Wetter beginnt ihr Buch mit einem Erlebnis in Wien. Oder einem Vielleicht-Erlebnis. In der Ich-Form beschreibt sie, wie sie sich in einen Randbezirk der Stadt verläuft, dort in einen Bus einsteigt, in dem eine einzige Frau sitzt. Bei genauerer Betrachtung bemerkt sie, dass diese Frau Elfriede Jelinek ist. Und schon entspinnt sich in ihrem Kopf ein lebhaftes Frage-Antwort-Spiel im Stil eines geistreichen Interviews. Viele Fragen aber stellt sie gar nicht, sie bleiben in einer Endlosschleife in ihrem Kopf hängen. Als sie dann von Frau Jelinek direkt angeschaut wird, spürt sie „eine Chemie zwischen uns und Schmetterlinge in meinem Bauch. Jetzt war die Zeit gekommen, jetzt konnte ich die erste Frage aus meiner Fragenkette stellen. Ich öffnete meinen Mund und holte tief Atem und sagte: ‚Der Bus fährt ziemlich langsam.’ Jelinek: ‚Ja.’
Schweigen. Ich wurde rot. Als der Bus hielt, stürzte ich 12 Stationen vor meiner Haltestelle hinaus. Auf dem Nachhauseweg überlegte ich, ob ich mich verlaufen sollte, um Elfriede Jelinek wieder zu begegnen.“

Schneewittchen und die Miete

Solche Situationen kennt jede/r Leser/in – die im Geiste geführten Konversationen mit verehrten Menschen. Manchmal ereignen sich die Dinge in den Erzählungen von Christiani Wetter absichtslos, planlos oder ganz anders als gewollt. Manchmal scheinen sie aber auch aus dem normalen beruflichen Alltagswahnsinn gegriffen zu sein, wie das Vorsprechen in einem Theater in Luxemburg für die Rolle von Schneewittchen, bei dem die junge Regisseurin mit einem „orangefarbenen Irokesenschnitt“ eine klare Vorstellung von ihrer Märchenfigur hat: „Schneewittchen ist für mich eine Feministin, die sich freiwillig für das promiskuitive Leben mit sieben Männern entscheidet, bevor sie ihren Weg zurück in die Monogamie findet.“ Der Schauspielerin ist das alles egal, sie will einfach nur den Job, „sonst schmeißt mich der Vermieter am Ende des Monats aus meiner Wohnung“.

Kafkas Schloss und die Blase

Es sind mehrere Erzählungen, die im Theaterbereich spielen, den die Autorin ja aus eigener Erfahrung bestens kennt. So erzählt sie in „Urinitäten“ von ihrem Auftritt in Kafkas „Schloss“, ein Stück, in dem Christiani Wetter tatsächlich vor fünf Jahren im Salzburger Landestheater mitwirkte. Und sie trug ein ganz ähnliches Kostüm, wie sie es nun in ihrer Erzählung beschreibt. „Ich trage einen rosaroten Ballettbody, der alle meine Fettpölsterchen am Bauch betont. Ich schaue an mir hinunter und denke, dass mir die Kostümbildnerin optisch zu viel zugetraut hat: Ich sehe aus wie ein kleines, pummeliges Schwein.“ So schlimm ist es denn auch wieder nicht, da übertreibt die Autorin, aber sie weiß um die Macht der imaginären Bilder beim Lesen.

Die große Entschuldigung

Das Stück dauert drei Stunden, die Schauspielerin vergaß, vor ihrem ersten Auftritt aufs Klo zu gehen, nun drückt sie die Blase. Bei einer Mini-Pause von einer Minute und fünfzig Sekunden rast sie auf die Toilette in der Hinterbühne ... „keine Zeit, den rosafarbenen Ballettbody auszuziehen, ich schiebe den Stoff zwischen meinen Beinen zur Seite, setze mich hin, lasse los. Erleichterung macht sich breit! (...) Plötzlich höre ich aus dem Lautsprecher eine aufgeregte Stimme: ‚Frieda, bitte auf die Bühne, Frieda bitte. Wo ist die Darstellerin der Frieda? Ihr Einsatz!’“ Und so kommt, was kommen muss. Der Rest des Urins landet im Synthetikstoff des rosafarbenen Ballettbodys. Dumm nur, dass sie kurz darauf eine intime Liebesszene spielen muss. „Ich nehme Anlauf und hüpfe auf Leos Hals. Er trägt mich auf den Schultern, meine Beine umschließen seinen Nacken. Leo sieht mich etwas irritiert an. Meine Augen sagen wieder: ‚Entschuldigung.’“

Kanada und die Pathologin

Christiani Wetter erzählt gradlinig und mit viel Humor. So beschreibt sie in „Oh wie schön ist Kanada“ die Reise mit einem Freund durch Kanada. Auch dieses Land kennt die Künstlerin aus eigener Erfahrung. Nach der Matura in Feldkirch und vielen Liebesromanen von Ellen McCoy, will sie in Kanada studieren und sich auf einer Reise von Ost nach West die beste Universität aussuchen. Begleitet wird sie – nun wieder literarisch – von einem Freund namens Moritz. Unterwegs reden die beiden über mögliche Berufsfelder. „Moritz sagte plötzlich, dass er sich für Ozeanografie interessiere, weil er ein Leben wie Sylvia Earle führen wollte. Ich merkte, dass wir ja noch mehr gemeinsam hatten, als ich angenommen hatte. Er fragte mich, womit ich denn mein ganzes Leben verbringen möchte, und ich sagte, ‚mit dir’ und noch bevor ich erröten konnte, sagte ich: ‚Pathologie interessiert mich sehr.’“ 
Der/die Leser/in überlegt schon, ob denn der arme Moritz so unlebendig ist, da schiebt die Autorin den Satz nach, dass sie eigentlich gar nicht so genau wisse, was eine Pathologin tut, aber dass es mir eher darum ginge, nicht unnötig viel Zeit mit lebenden Menschen verbringen zu müssen.“ Wie es in diesem Buch aber scheint, verbringt die Autorin sehr viel Zeit mit lebenden Menschen, schaut ihnen genau ins Herz und auf den Mund und berichtet über sie, dass sie geradewegs aus dem Buch heraus zu spazieren scheinen. Eine amüsante Lektüre, und ein grandios verwirrender Schlusspunkt. Immer schreibt Christiani Wetter als weibliches „Ich“, in der letzten Geschichte „Als ich im Abteil 324b eine Erdbeere küsste“ erzählt sie plötzlich aus männlicher Sicht. Das irritiert total. Bewusst? Zuzutrauen wäre es ihr.

Christiani Wetter, Unvermeidbare Dinge, van Eck Verlag, Triesen 2018, 150 Seiten, ISBN 9783905881608, € 23,80 

Buchpräsentation: Christiani Wetter und Andy Konrad lesen, musikalische Untermalung: Marie Ruback und Pirmin Schädler
30.10., 20.09 Uhr im TAK Foyer, Schaan

Die Liechtensteiner Schauspielerin Christiani Wetter legt mit „Unvermeidbare Dinge“ ihr literarisches Debüt vor

Die Liechtensteiner Schauspielerin Christiani Wetter legt mit „Unvermeidbare Dinge“ ihr literarisches Debüt vor

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