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16.03.2017 |  Raffaela Rudigier

„Alles über Beziehungen“ - Der neue Roman von Doris Knecht

Dieser Romananfang gehört wohl zu den viel gerühmten „schönsten ersten Sätzen“: „Reiche, weiße Menschen haben auch Probleme.“ Schon mit dem ersten Satz ist in Doris Knechts neuem Roman „Alles über Beziehungen“ alles klar: Hier werden jetzt gleich First-world-Problems verhandelt. Aha. Das nimmt den Unken-Rufen doch von vorneherein ein bisschen den Wind aus den Segeln, von wegen Frau Knecht würde ja nur über Weiße-Mittelschichtler-Probleme schreiben. Denn ja, ganz genau so ist es in diesem Buch und zwar in vollem Bewusstsein und eben: Reiche, weiße Menschen haben auch Probleme. Die Probleme, die dann folgen, überraschen in ihrem vollen Umfang dann doch mehr als erwartet: hier geht es vor allem um Sex, insbesondere um pikante Seitensprünge und zwar in x-facher Ausführung. Aber der Reihe nach:

„Alles über Beziehungen“ handelt von einem Mann namens Viktor Kirchner und seinen zahlreichen sexuellen Verstrickungen. Viktor ist ein sehr unscheinbarer, früher oft übersehener Mann. Er hat fünf Kinder, zwei Exfrauen und lebt jetzt mit Magda und ihren drei gemeinsamen Töchtern zusammen. Er ist Intendant eines Theaterfestivals, hat berufsbedingt meist sehr wenig Zeit und noch dazu Bluthochdruck. Sein 50. Geburtstag steht vor der Tür und das bevorstehende Alter will so gar nicht zu dem dynamischen Hipster mit Glatze, Vollbart und stylischem Rennrad passen: „(...) denn Viktor war der Meinung, dass er, trotz Glatze, insgesamt wesentlich besser und jünger aussah als alle anderen Fünfzigjährigen, die er so kannte, und auch wesentlich fitter, er selbst hätte sich, erblickte er sich zum ersten Mal, so grob auf Anfang vierzig geschätzt. Erst am Abend zuvor hatte er das seinem Spiegelbild wieder erklärt, zweiundvierzig, höchstens dreiundvierzig, und hey, Augenringe hat doch jeder. Speziell in einer Position wie der seinen.“ Außerdem: „Auch so scheißhässlich das Wort, vierzig, das konnte man aussprechen, aber fünfzig: Es klang, als würde man auf eine riesige Nacktschnecke treten.“

Viktor Kirchner ist jedenfalls ein „Sexmensch“, er braucht Sex und zwar möglichst viel mit möglichst verschiedenen Frauen: Josi, Nora, Lisbeth, Livia oder Lydia, Helen, Camille, Anja und die Morscher – sie alle haben oder hatten ein Verhältnis mit Viktor. Dementsprechend viel wird in diesem Buch gefickt, gevögelt und geleckt. Kein Wunder, dass Doris Knecht noch vor dem Erscheinen ihres neuen Romans ihrer Mutter dessen Lektüre verboten hat, wie sie in einem Interview scherzte. Da braucht es – gerade als Frau – schon einiges an Chuzpe sich erotisch derart weit aus der schreibenden Komfort-Zone hinauszuwagen.

„Vorher“, „Dann“ und „Nachher“

 

Viktor Kirchner jedenfalls hält sich „auch im Rahmen seiner sexuellen Eskapaden für so unsichtbar und mit dem Hintergrund verschmolzen wie früher, als er noch jünger war. Er schien immer nur sichtbar für die Frau, in der er jeweils gerade steckte.“ Zu seiner eigenen Verteidigung hat der Protagonist sich sein sexuelles Verhalten als krankhaft diagnostizieren lassen: Hypersexualität lautet die Krankheit, wegen der er vorsorglicherweise auch in Therapie ist – damit er im Falle seines Auffliegens seinen guten Willen für sich verbuchen kann. Seine Lebensgefährtin Magda weiß natürlich nichts von Viktors Doppelleben. Und so beginnt ein Drahtseilakt, dessen Ende schon sehr absehbar und unvermeidlich ist. Das Buch ist daher auch in drei Abschnitte geteilt, sie heißen: „Vorher“, „Dann“ und „Nachher“.

Doris Knecht begibt sich abermals in die Gedankenwelt eines Mannes, dessen exzessive Sexsucht alles andere verdrängt. Der Protagonist Viktor ist auf jeden Fall glaubhaft, seine Ausschweifungen sind nicht zuletzt eine Kompensation einer früheren Unterbelichtetheit. Spannend ist die Erzählperspektive, aus welcher heraus die Autorin berichtet. Mehr als 120 Seiten lang, blickt man Viktor bei seinem Tun über die Schulter: wie er lebt, wie er seine Frauengeschichten ein- und ausfädelt, was für ein Typ er ist. Dann wechselt die Perspektive und einige der beteiligten Frauen werden zum Zentrum der Geschichte: seine unkomplizierte Sexfreundin Josi, die gefährliche Lisbeth, seine Exfrau und Magda kommen zu Wort und lassen die volle Tragweite der Geschehnisse erahnen.

Es menschelt


„Alles über Beziehungen“ könnte ein Entwicklungsroman sein, denn die handelnden Personen entwickeln und verändern sich durch die Geschehnisse. Manche aber eben mehr und manche weniger.

Zu Doris Knechts Stärke gehört das treffende und pointierte Beschreiben einer „Reichen-weiße-Leute“-Künstler-Schicht. „Leben as we live it“ wird da beschrieben: Magda denkt angesichts ihres etwas klein geratenen Pools über ihre „Minderbepooltheit“ nach. „Laufen und Tai Chi“ werden wieder gegen „Koks, Speed, Bier und Schnaps“ getauscht. Und es ist „Alles mellow. Alles easy.“

Humorvoll und eigenständig wie immer ist dabei Knechts Sprache. Besonders erheiternd und plastisch sind ihr Neologismen und witzigen Wortkombinationen: Mit den einsilbigen Kindern wird am Küchentisch „Kinderkonversationspingpong“ betrieben, Sex wird mit „RTL-Vorabend-Metaphern“ beschrieben (also: „wie Tanzen auf Wolken, Trampolinspringen in Zeitlupe“), Natalie macht verbissen „Kopf-Yoga“, um die Fassung nicht zu verlieren, Viktor bezeichnet seine Sexsucht als „Impulskontrollstörung“ und wäre beim Fahrradfahren von einer Frau beinahe „getürt“ geworden.

Obwohl es hier um oberflächliche „Luxuslappalien“ geht, wird die tiefe Dimension darunter sichtbar: es menschelt auch in der Welt der reichen weißen Leute genau gleich, wie überall anders. Das kleine sexuelle Stelldichein zwischen zwei Menschen zieht schlussendlich riesige Kreise, hat dramatische Auswirkungen und trifft nicht zuletzt die Unschuldigen. Wo Gefühle ins Spiel kommen, sind eben auch Schmerz und Trauer nicht weit. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Und so sind es neben ausuferndem Sex die großen Themen, um die es in diesem Roman geht: Sucht, Lügen, Erwartungen und Enttäuschungen, Familie, das Alter und natürlich die Liebe. Alles über Beziehungen eben.

 

Doris Knecht, Alles über Beziehungen, Hardcover, 288 Seiten, € 22,95,-, ISBN 978 3 8713 41687, Rowohlt Berlin 2017

 

Lesung mit Doris Knecht
Spielboden Dornbirn
Di, 28.3., 20 Uhr

 

 

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