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03.05.2017 |  Tamara Ofner

Auf der Flucht - Karim El-Gawhary in Hard im Dialog mit der Vorarlberger Bevölkerung über einzelne Schicksale und harte Fakten zum Thema Flucht

Wir wissen, dass weltweit 65 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Die Krisenherde und deren Ursachen sind uns in Europa zum größten Teil zwar bekannt, zumindest sind alle Informationen dazu frei zugänglich, jedoch sind diese Ursachen und Krisen nicht im Alltagsbewußtsein gegenwärtig. Den MitarbeiterInnen des Integrationsausschusses Hard war es ein Anliegen, aktuelle Hintergründe und die Lebenssituationen in den Flüchtlingsländern im Nahen Osten und Afrika einem breiten Publikum näherzubringen. Unter der Moderation von Mag. Manfred Welte, Kommunikationsleiter des vorarlberg museum, trat am 25.4. im Spannrahmen Hard der ORF-Nahostexperte und Korrespondent Karim El-Gawhary in einen umfassenden und lebhaften Dialog mit dem Saal füllenden Publikum.

3 Fragen

Anhand von 3 Fragen, die Karim El-Gawhary aufwirft, kristallisieren sich 3 emotionale Zugänge zur Flüchtlingssituation heraus.

Diese 3 Fragen lauten:

  1. Was würden Sie mitnehmen?
  2. Wen würden Sie zurücklassen, bzw. bewusst dem sicheren Tod überlassen?
  3. Was würden Sie tun, hätten Sie die Flucht nach Europa geschafft?

Ich werde die Geschichten, die Karim El-Gawhary über die Menschen zu diesen Fragen erzählt hat, hier nicht wiedergeben. Lediglich, dass der 13-jährige Ibrahim in Europa gerne in die Schule gegangen wäre, soll hier erwähnt sein, wäre seine Mutter neben ihm auf dem Boot nicht von der Küstenwache erschossen worden. Ich wiederhole diese Geschichten jetzt deshalb nicht, weil niemand anders so anschaulich und tiefgreifend über die Verletzlichkeit, den Mut, die Angst und Verzweiflung dieser Menschen erzählen kann, wie Karim El-Gawhary und möchte auf die Literaturhinweise am Ende dieses Berichtes verweisen. Karim El-Gawhary ist jemand, der nicht wegschaut, wenn es um das Leid schlechthin geht. Er schaut genau hin und erzählt genau. Er bekommt Zugang zu den Menschen, weil er sich persönlich für sie interessiert. Karim El-Gawhary betont an diesem Abend mehrmals, dass er als erfahrener Journalist, der seinen Beruf seit mehr als 20 Jahren ausübt – und grundsätzlich liebt - in diesen letzten Jahren der Flüchtlingskatastrophen jedoch immer wieder an die Grenzen seines menschlichen Fassungsvermögens gelangt ist.

Fakten

Karim El-Gawhary hat das Herz am rechten Fleck, keine Frage. Karim El-Gawhary ist jedoch zweifellos und trotzdem auch jemand, der einen ausgezeichneten Intellekt hat, sorgsam recherchiert und knallhart analysiert. Die Frage kann nicht sein, sagt Karim El-Gawhary - ob Europa Flüchtlinge aufnimmt, sondern wie die Flüchtlingsaufnahme in Zukunft koordiniert und am Schicksal der Menschen orientiert organisiert werden kann. Denn die Flüchtlinge werden weiterhin kommen, prognostiziert er. Die Zahl und die Art der Krisenherde im Nahen Osten und Afrika, die Schärfe von Armut, unmenschlicher Gewalt und Terror, vor denen diese Millionen von Menschen fliehen, lassen sämtliche Ängste vergessen. Die Risiken und Tödlichkeit einer Flucht – ob mit oder ohne Mittelmeerüberquerung - sind auf alle Fälle das wesentlich kleinere Übel als die Hungerkrisen, Kriegs- und Terrorakte in der Heimat.
"Das ist etwas, das in Europa erst verstanden werden muss", sagt Karim El-Gawhary.

Karim El-Gawhary gibt ein paar Kennzahlen bekannt, die überwiegenden Flüchtlingsziele liegen demnach laut UNHCR nicht in Europa, sondern direkt in den umgrenzenden Krisengebieten der Flüchtenden:

39 % der Flüchtlinge befinden sich in der Arabischen Welt
29 % der Flüchtlinge befinden sich in Afrika
6 % flüchten nach Europa

Was sind Kriegsfolgen?

Wenn wir über Kriegsfolgen sprechen, dann denken wir an Tote, Verletzte und zerstörte Gebäude. "Wesentlich folgenreicher ist jedoch die Zerstörung der ,Köpfe'", sagt Karim El-Gawhary. "Das, was sich in den Köpfen all der Generationen von Kriegskindern abspielt, die niemals eine Schule besucht haben." Es sind zwei Millionen Kinder, die wegen Kriegshandlungen nicht in die Schule gehen. Zwei Schulen pro Tag werden in den stattfindenden Kriegen zerstört und 24 Schulen werden für militärische Zwecke missbraucht. Alle diese Kinder, alle diese Kriegsgenerationen sind eine tickende Zeitbombe, denn sie sind manipulierbar für jede Art von Zweck, wenn sie nicht die Chance erhalten, in einem offenen und freien Land sich selbst und ihr positives Potential zu entfalten.

Veränderungen

"Es wird globale Veränderungen geben, es muss sie geben", prognostiziert und hofft Karim El-Gawhary. Der Druck, dem Millionen Menschen aus Afrika und den Arabischen Ländern ausgesetzt sind, wird nicht ohne diese Veränderungen zu bewältigen sein. Und er führt 5 Ebenen an, auf denen sich diese Veränderung abspielen muss und soll.

  1. Auf einer persönlichen Ebene: Jeder einzelne in Europa wird sich damit auseinandersetzen müssen, wie die Integration der bereits anwesenden und noch nachkommenden Flüchtlinge gelingen kann. Eine rasche Rückkehr ist angesichts der Ursachen und Auswirkungen der zu Grunde liegenden Krisen ebenso illusorisch, wie die Hoffnung, dass die Krisen und Ursachen möglichst rasch geklärt und bereinigt sind und die Flüchtlinge sicher in ihre Heimat zurückkehren können.
  2. Auf einer politischen Ebene: Wie wird Flüchtlingspolitik in Zukunft europaweit und an den Menschen orientiert koordiniert und organisiert?
  3. Ungleichheiten ausgleichen: Die arabischen und afrikanischen Länder, die Flüchtlinge aufnehmen und versorgen, versorgen mit wesentlich weniger Mitteln wesentlich mehr Flüchtlinge. Ein politisches Ja zu einer aufnehmenden und versorgenden Grundeinstellung verhindert auch eine weitere Polarisierung und Spaltung – auch in Europa.
  4. Politische Interventionen zur Lösung und Beilegung der Konflikte in den Ursprungsländern. Das ist, wie Karim El-Gawhary nüchtern feststellt, wohl eine der kompliziertesten und schwierigsten Aufgaben und Herausfoderungen.
  5. Die grundsätzlichen Ursachen von Armut bekämpfen. Die jahrhundertelange globale Ungleichheit zwischen extremem Reichtum und extremer Armut muss ausgeglichen werden. Es darf kein Gewinn mehr durch Waffenhandel mit Regimen aus Ländern zu erwarten sein, die auf die eigene Bevölkerung schießen oder Terrorismus finanzieren.

Die Welt hat sich verändert, schließt Karim El-Gawhary den Vortrag und die Diskussion ab, es gibt keine Patentrezepte zur Lösung der Probleme, die daraus entstanden sind. Schlussendlich steht jeder Einzelne vor der Herausforderung, um mit diesen Veränderungen zu leben und umzugehen.

Epilog: Zeitzeugenberichte

Liest man die Bücher von Karim El-Gawhary, merkt man rasch, dass es sich um wertvolle Augenzeugenberichte dieser historischen Veränderungen handelt. In den Jahren 1993 bis 2008 witzelt Karim El-Gawhary durchaus noch über die eine oder andere Besonderheit seiner Landsleute am Nil in den tagebuchähnlichen Aufzeichnungen „Alltag auf Arabisch“. Von heute aus betrachtet, zeigt die Entwicklung schon damals die Ursachen für die gescheiterte Arabische Revolution. Können wir aus der Geschichte lernen? Auch aus dieser jüngsten Zeitgeschichte?

 

Bücher von Karim El-Gawhary:

Alltag auf Arabisch. Nahaufnahmen von Kairo bis Bagdad. Kremayr & Scheriau Verlag, Wien, 2008.

Tagebuch der Arabischen Revolution. Kremayr & Scheriau Verlag, Wien, 2011.

Auf der Flucht. Reportagen von beiden Seiten des Mittelmeers. Karim El-Gawhary und Mathilde Schwabeneder. Kremayr & Scheriau Verlag, Wien, 2015.

Informationen zur Flüchtlingshilfe in Vorarlberg erhalten Sie unter anderem auf der Homepage des Büros für Zukunftsfragen: 

https://issuu.com/burofurzukunftsfragen

 

 

 

Karim El-Gawhary und Manfred Welte im Gespräch mit dem Publikum

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Integrationsarbeit in Hard. Von links nach rechts: Vizebürgermeisterin Eva Mair, Bürgermeister Harald Köhlmeier Karim El-Gawhary und Integrationsbeauftragte Leila Götze.

Integrationsarbeit in Hard. Von links nach rechts: Vizebürgermeisterin Eva Mair, Bürgermeister Harald Köhlmeier Karim El-Gawhary und Integrationsbeauftragte Leila Götze.

Gastfreundschaft Interkulturell

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3 Bücher und 20 Jahre Zeitzeugenberichte von Karim El-Gawhary

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Ein Bild sagt oft mehr als tausend Worte: Die Zeichnung eines Flüchtlingskindes.

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