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06.04.2018 |  Gunnar Landsgesell

Zwei Herren im Anzug

Eine Familienchronik über drei Generationen von der Kriegsgeneration bis zum deutschen Wirtschaftswunder von und mit Sepp Bierbichler. Ein faszinierendes, eigenbrötlerisches, mäanderndes Werk, mal surreal, mal volksnahe verfasst, das wie ein Solitär im aktuellen Kinobetrieb wirkt.

Kaum ist die Theres (Martina Gedeck) unter der Erde, finden sich Ehemann Pankraz (Sepp Bierbichler) und Sohn Semi (Bierbichlers Sohn Simon Donatz) in der dusteren, menschenleeren Wirtschaft in einem Gespräch, wie es das seit Jahrzehnten, ja wohl noch nie zwischen beiden gegeben hat. Es ist, als wollten sie einmal tief ausatmen, und dabei drückt es ihnen die ganzen angestauten Gefühle, den Wahnwitz der Nachkriegszeit aus dem Bauch. Was die beiden Herren, Pankraz, ein Zweiter-Weltkriegs-Veteran und bigotter Katholik (Zitat Theres); Semi, ein Sohn genau dieser Generation, aufbegehrend bis zum Liebäugeln mit dem Kommunismus, zwischen einigen Bieren, aufbrausender Wut, die gleich wieder in stillen Seufzern in sich zusammenfällt, besprechen, das ergibt einen ziemlich langen Film, der einen wie schon lange keine deutsche Produktion mehr zu interessieren und irgendwie zu faszinieren vermag. Sepp Bierbichler, der volkstümliche Intellektuelle unter den bayrischen Schauspielern, hat dabei seinen eigenen Roman „Mittelreich“ mit sich selbst in der Hauptrolle verfilmt und deutsche Zeitgeschichte entlang dreier Generationen einer Bauern- und Bürgermeisterfamilie zwischen Stoizismus und Wut in Bilder gemeißelt. Irgendwo zwischen Gerhard Polt und dessen beharrender, hölzerner und deshalb genialer Komik und der epischer Breite eines Edgar Reiz („Heimat“), mit einem Schuss von allem Möglichen. Wenn die alte Marie während der Übertragung der Papstaudienz im Petersdom, für die sich alle vor dem Fernseher versammeln, verstirbt und mit heiligem Ernst in den wolkigen Himmel auffährt, dann ist es sicherlich nicht falsch, sich an Pasolinis „Teorema“ und die Haushälterin erinnert zu fühlen. Bei Bierbichler ist es eine Heiligsprechung in einer wenig heiligen Gesellschaft.

 Schweres Erbe

„Zwei Herren im Anzug“ ist kein Film, der sich als Heimatfilm, historische Chronik oder Satire einordnen lässt. Da steckt der Schalk von Herbert Achternbusch drin, ein Freund Bierbichlers, ebenso wie eine grundsolide politische Betrachtung einer Gesellschaft, die dem verblichenen Nationalsozialismus noch länger nachtrauerte, wenn sie ihn sich nicht gar zurückwünschte. Das entschiedene Schwarzweiß der Bilder von Kameramann Tom Fährmann verleiht dem Film nicht nur eine gewisse Künstlichkeit, die durch die theatrale Inszenierung Bierbichlers mit seinen rezitierten Dialogen verstärkt wird; sie wird immer wieder auch durch Farbfilmeinsatz aufgebrochen, sobald wir die Nachkriegsperspektiven verlassen. Eigentlich gefällt „Zwei Herren im Anzug“ gerade durch sein Potpourri an ästhetischen Stilen, so unentschieden, wie man sich selbst auch dieser Geschichte annähern muss. Ein erdig bayrisches Stück, auch im Theater bereits erprobt, das mit der sprichwörtlichen deutschen Gründlichkeit den eigenen Verfall vom stolzen Herrenbauern zu einem an der Wirtschaftswunder-Generation scheiternden Mann skizziert, der – seiner Frau und seinem Sohn entfremdet – sein Erbe der Kirche überschreiben möchte. Darin liegt freilich die Krux des alten Pankraz, der seinen Kopf nicht freikriegt von den alten Werten. Regisseur Bierbichler wirft dabei viel in dieses Spiel, das zwischen durchaus bekannten Slogans (im Krieg rufen die Kriegsbegeisterten Jungen: "Jeder Schuss ein Russ’, jeder Stoß ein Franzos’") und recht erratischen Szenen (wenn der See, an dem die Wirtschaft liegt, Pankraz zu beobachten scheint oder gar zu verschlingen versucht) dahinmäandert. Bierbichler wirkt dabei wiedereinmal sehr physisch, eine mächtige, schwerfällige Figur, die dennoch wendig zu provozieren weiß, und dabei wie Bierbichlers Film selbst wirkt. Das liegt aber weniger an einigen provokant gesetzten Szenen – etwa wenn Pankraz’ Sohn Semi die sterbende, zum Skelett abgemagerte Mutter in einer ödipalen Anwandlung besteigt, um aus der Welt wieder in sie hineinzukriechen; oder wenn der Internatszögling Semi den Priester, der an den Ringen im Turnsaal hängt, sexuell stimulieren muss – sondern daran, dass Bierbichler ein störrischer, eigenbrötlerischer Erzähler und vielleicht auch Charakter ist. Bei allen Vorbehalten, die man auch künstlerisch diesem Projekt gegenüber haben kann, es ist ein Solitär im Kinobetrieb, der das Interesse weckt statt stillt.

Brachial, physisch und dann wieder brüchig bis zur Selbstaufgabe: Sepp Bierbichler in einer Rolle, die er sich selbst auf den Leib geschrieben hat.

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