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24.06.2016 |  Gunnar Landsgesell

The Neon Demon

Junge Frau (Elle Fanning) wird in der Ego-Maschine der Model-Industrie aus dem Stand zum Superstar nach oben gespült. Nicht ohne den Missmut der Verliererinnen zu ernten. Dramaturgisch lau, aber visuell morbid-sinnlich inszeniert, ein Film voller zersplitterter Ideen, getaucht in eine dunkle Dreamyness. Regisseur Nicolas Winding Refn ("Drive") interessiert sich dabei weniger für das Model-Business als Psychogeografie einer Branche.

Es gibt Filme zur Modewelt wie Robert Altmans „Prêt-à-Porter“ (1994) oder „Der Teufel trägt Prada“ (2006), die sich als satirische Studien dieser Branche verstehen. „The Neon Demon“ zählt nicht dazu. Die Interessen des jahrelang als Regie-Wunderkind abgefeierten Dänen, Nicolas Winding Refn, liegen woanders: Refns ganze große Energie scheint in die Form zu fließen: in Atmosphären, Farben, Stimmungsbilder, in traum- und alptraumhafte Einschübe, die sich oftmals abgelöst vom eigentlichen Geschehen ausnehmen. So wie der Puma, der plötzlich im dunklen Motelzimmer von Jesse herumschleicht und keinen echten Sinn macht, es sei denn, man bemüht Allegorien auf die Ängste eines Menschen. Jesse (Elle Fanning) ist eine 16-jährige Frau, die in Los Angeles eben angekommen, aus dem Nichts zum Supermodel emporklettert. Sie erntet dafür von ihren Kolleginnen bzw. Konkurrentinnen freundliche Worte und böse Blicke gleichermaßen. Die Perfidien der Branche drücken sich aber weniger in geschliffener Rhetorik der Dialoge aus als in einer von Arroganz und Coolness geprägten Welt: distanziert blickende Partygesellschaften, durchdesignte Räumlichkeiten, glatte Spiegelflächen, schimmerndes Rot oder Blau getaucht, oder in steriles Weiß wie in jenem Studio, in dem ein Star-Fotograf auf Jesse wartet. Er verweist die gesamte Crew nach draußen, entkleidet die junge Frau und beginnt, ihren Körper mit Farbe zu vergolden. Es sind Momente wie diese, in denen „The Neon Demon“ zu seinen eigenen Wahrheiten findet. Eine männlich geprägte Ökonomie mit ihren Gesetzen, denen man sich fügt, will man mitspielen. Zugleich aber die prekäre, unheimliche Stimmung, sprichwörtlich allein gelassen mit diesem sexuell stimulierten Fotografen, die Elle Fanning (beim Dreh tatsächlich erst 16 Jahre alt) mit ihrer Präsenz auszudrücken weiß.

Dreamy and nightmarish


In einem Interview meinte Refn, dessen Vater als Cutter für den dänischen Landsmann Lars von Trier arbeitet, in jedem Mann stecke ein 16-jähriges Mädchen und mit diesem Film habe er es herausgelassen, um zu sehen, wie sich das anfühlt. Das legt den Schluss nahe, dass man auch diesen Film Refns mehr als post-dramatisches Kino betrachten muss, radikal subjektiv erzählt, ohne große Geschichte, mit Bedacht auf die Aura eines Akteurs und seines Umfelds. Die Figur der Jesse ist biographisch quasi leergeräumt, sie hat keine Eltern, keine Freunde, ist neu und völlig fremd in dieser Stadt, in Los Angeles, und damit ganz auf sich zurückgeworfen bzw. dem Kräftespiel rund um sie offen. Auch wenn Refn zurecht dafür kritisiert wird, dass sein jüngster Film einmal mehr dramaturgisch die Spannung nicht halten kann, so hat die erstaunliche visuelle Kraft von „The Neon Demon“ eine Faszination, die sich immer wieder aus einer psychisch angegriffenen Wahrnehmung zu speisen scheint. Ein Messer, das vertikal in Jesses Mund geführt wird, entpuppt sich als Alptraum, der sich in der Realität verlängert, als sie Schreie aus einem der benachbarten Motelzimmer vernimmt. Refn psychologisiert das Geschehen aber nicht und er spitzt es nicht zu, wie etwa der italienische Ästhet des Horrors, Dario Argento. Refn bleibt ein distanzierter Erzähler, der sich nicht bemüht, seine Fragmente, seine visuellen files, zusammenzufügen. Vielleicht ist er der Meinung, eine neuerliche Erzählung vom Aufstieg und Fall eines Models würde wenig Neues bieten, die Kritik an der Branche schlicht berechenbar und banal. „The Neon Demon“ funktioniert eher so wie ein Hybrid aus Glamourama und American Psycho von Bret Easton Ellis, allerdings ohne dessen Schärfen und präzisen sozialen Bestimmungen. Refn ist vielmehr an der Diffusion, der Desorientierung interessiert, an einer Dreamyness, die schnell kippen kann.

Shades of color, Elle Fanning

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