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20.04.2018 |  Gunnar Landsgesell

Lady Bird

Aus dem Leben einer unangepassten Jugendlichen, die sich im verschlafenen Sacramento als "Lady Bird" einen Namen macht. In den USA ein überraschender Erfolg, entfaltet sich das Regie-Debüt von US-Independent-Star Greta Gerwig zum nuancierten, mit feinsinnigem Witz aufgeladenen Coming-of-Age-Dramolette.

Und dann der unvermeidliche Satz der Mutter: Alles was wir machen, machen wir für dich. Christine, die so angesprochene Tochter, die auf der katholischen Schule nicht ihr Bedürfnis nach Freiheit befriedigt sieht; die sich vom Vater lieber einen Block von der Schule mit dem Auto absetzen lässt, so dass niemand ihre familiäre Armut erkennt; diese Christine, die sich irgendwie anders fühlt als die anderen Mädchen, hat mit solchen Maßregelungen wie der der Mutter eigentlich nichts mehr zu schaffen. Sie nennt sich schon länger Lady Bird und versucht, ihre skeptische Umwelt davon zu überzeugen, dass ihre launig ausgedachte Persona die eigentliche Christina ist. Auch wenn „Lady Bird“, das Regie-Debüt der schon seit Jahren als US-Independent-Star gehandelten Greta Gerwig, durchaus die Probleme einer Pubertierenden bearbeitet, wie wir sie aus Coming-of-Age-Dramen kennen, bereitet „Lady Bird“ das pubertäre Terrain auf bemerkenswerte Weise neu auf. Hier paaren sich mühelos sarkastischer Humor mit mädchenhafter Unsicherheit, werden Autoritäten verschreckt und zugleich Verletzlichkeiten zutage gefördert, die die oftmals schematisch entworfenen Krisen Jugendlicher in ähnlich gelagerten Dramen  hinter sich lassen. Gerwig, die in jahrelanger Arbeit das autobiographisch angehauchte Drehbuch entwickelt hat, erweist sich als gewitzte, sensible Erzählerin, die die besonderen Momente aus dem Alltag  der kalifornischen Metropole Sacramento herauszukitzeln vermag. Wenn Christines erster Freund, nunmehr zu Gast im abgewohnten Haus ihrer Eltern, sagt, er hätte ihren Satz „Ich wohne auf der anderen Seite der Gleise“ früher metaphorisch verstanden, dann gelingt es Gerwig in solchen Momenten, mit großem Gespür für Komik von der fundamentalen Verstimmtheit „abgehängter“ gesellschaftlicher Milieus zu erzählen. Mit der irischen Schauspielerin Saoirse Ronan findet Gerwig zudem eine freigeistige Kollaborateurin für eine wendige Titelfigur.

Die Wendigkeit bzw. Träumerei vom sozialen Ausbruch in glamourösere, begehrte Gefilde macht Gerwig dabei neben dem Elternhaus gerade im trickreichen Mikrokosmos des Schulbetriebs produktiv. Sie lässt ihre Heldin einer attraktiven Schulkollegin bis in deren privaten Swimming Pool und auf einen Parkplatz folgen, auf dem eine Clique selbstbewusster "rich kids" regelmäßig nach der Schule abhängt. Der Parkplatz, den sie den Riten geheimer Codes folgend "The Deuce" nennen,  bringt auch neue männliche Bekanntschaft. Dass die Problematiken im Leben von Lady Bird dabei nicht enden, sondern nur anders ausfallen, ist der Weg, den man mit Gerwigs Figur gerne mitzugehen bereit ist. Ein Weg, der vom eigenen Selbst wegführt, um am Ende vielleicht genau dort wieder hinzuführen, dann aber unter anderen Vorzeichen. 

Besten Freundinnen, geeint in ihrem Außenseitertum.

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Erster Freund, nicht ohne Tücken. Gerwig tariert ihr Coming-of-Age-Drama zwischen kecker Träumerei und betontem Realismus.

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Mutter-Tochter-Beziehung mit viel Wiedererkennungswert.

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  • Besten Freundinnen, geeint in ihrem Außenseitertum. Besten Freundinnen, geeint in ihrem Außenseitertum.
  • Erster Freund, nicht ohne Tücken. Gerwig tariert ihr Coming-of-Age-Drama zwischen kecker Träumerei und betontem Realismus. Erster Freund, nicht ohne Tücken. Gerwig tariert ihr Coming-of-Age-Drama zwischen kecker Träumerei und betontem Realismus.
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