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15.06.2018 |  Gunnar Landsgesell

Hereditary - Das Vermächtnis

Nach dem Tod der Großmutter, die vielleicht nicht so harmlos war, wie sie wirkte, zerfällt eine Familie auf beängstigende Weise. Dass es zunehmend übersinnlich wird, tut der Spannung keinen Abbruch, steigert die Intensität aber auch nicht. Hochgelobter Horrorfilm mit Toni Collette und Gabriel Byrne, der bei Robert Redfords Sundance Film Festival Premiere hatte.

Als zu Beginn von „Hereditary“ die Kamera in die präzise nachgebauten Räume eines Puppenhauses gleitet, finden sich dort zwei Menschen aus Fleisch und Blut. Irritiert fragt man sich, ob man etwa einen Filmschnitt verpasst hat, aber natürlich handelt es sich hier um eine Wahrnehmungsprüfung oder –überschreitung, mit der man in dieser Geschichte noch öfter zu tun haben wird. Doch zunächst geht es Regisseur Ari Aster recht gelassen an.
Über 70 Minuten schichtet er recht unspektakulär und äußerst spannungsreich die Problematiken einer Familie auf, während einen das Gefühl beschleicht, dass das Label Horrorfilm hier einigermaßen deplatziert ist. Denn „Hereditary“ weiß lange Zeit als Familiendrama zu interessieren, das von einem klugen, charakterorientierten Drehbuch und einem famosen Cast getragen wird.
Dass in dieser Familie etwas nicht stimmt, ist freilich von Anfang an klar. Doch das unterscheidet sie noch nicht von den allermeisten anderen Familien. Der Film, und damit das Unglück, nimmt mit einem Begräbnis seinen Lauf. Der Tod der Mutter bzw. Großmutter wird betrauert, doch auch kritische Töne werden laut. Manipulativ sei sie gewesen, und ihre Meinung stand über allen anderen.
Mit dem Tod ihrer Mutter scheint auch Annie Graham (charismatisch und zunehmend derangiert: Toni Collette) aus dem Gleichgewicht geraten. Annie ist Künstlerin und baut in Miniaturmodellen Szenen aus ihrem Leben nach, so wie jene zu Beginn des Films. Ihr Mann (Gabriel Byrne) erweist sich als ausgleichende Instanz in der Familie, vor allem zwischen Annie und ihren Kindern, dem High-School-Schüler Peter (Alex Wolff) und der 12-jährigen Charlie (unheimlich: Milly Shapiro).

Psychologie statt cheap thrills

Es sind fabelhafte Spotlights auf eine Familie, die Aster entwirft: nicht, weil sie so spektakulär, sondern so alltäglich sind. Die Spannungen, die aus unausgesprochenen Gefühlen entstehen, die für Aggressionen und Lähmung sorgen, und die banalen Empfindlichkeiten, die für eine permanent gereizte Stimmung sorgen – ohne ersichtlichen Grund, müsste man anfügen, wäre da nicht eine spürbare okkulte Kraft, die Aster zunehmend als alternative Erklärung für das Auseinanderdriften dieser Familie anbietet.
Und dann taucht in der Selbsthilfegruppe von Annie noch eine Frau auf, deren Gesprächsangebot sich bald als tückisch erweist. Als Medium für die Verstorbenen reißt sie Annie und schließlich die ganze Familie in einen Strudel unerklärlicher Gewalt.
„Hereditary“ ist ein sorgsam produzierter Film, der sich von vielen effekthaschenden Produktionen schon allein dadurch deutlich unterscheidet. Aster versteht sich aber auch darauf, Impulse von Klassikern wie „The Shining“ (Toni Collette und Shelley Duvall haben in ihrer Zerrüttung einiges gemeinsam), „The Changeling“ oder „The Haunting“ für seinen Film zu nutzen.
Eine ausgeklügelte Kamera (Pawel Pogorzelski) weiß, auf welche Weise sie im gediegenen großen Holzhaus der Familie mobil werden darf, um für Irritation zu sorgen, ohne zugleich banal zu werden. Dabei ist auffällig, dass die Filmemacher völlig auf cheap thrills verzichten, die im Horror-Genre Standard sind. Auch der durchaus anders orientierte Horrorfilm „A Quiet Place“ mit Emily Blunt nutzte zuletzt einen der Uralt-Klassiker, den Sprung einer Katze, begleitet von mächtigem Sounddesign, um das Publikum zu erschrecken.
Filme wie „A Quiet Place“, „Der Babadook“, „Get Out“ oder „Hereditary“ werden aber zurecht als Teil einer neuen Horrorfilmwelle beschrieben, die sich stärker auf eine psychologische Wirkung konzentrieren als sich im Wettstreit immer noch blutigerer Slasher-Elemente zu messen. Dass der Horror aber nicht auf manipulative Mütter beschränkt sein darf, gilt auch für „Hereditary“. Der Fluch, der sich hier über die Generationen fortpflanzt, führt zu allerlei kuriosen, nicht immer ganz stimmigen Schreckensbildern im finalen Teil dieser Erzählung. Es ist das alte Problem des Übersinnlichen: werden die Regeln der Logik ausgesetzt, kann das Böse machen, was es will.

Ein eigener, verstörender Planet: Milly Shapiro als die zwölfjährige Charlie.

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Von Müttern geht oft ein Body Horror aus, hier macht "Hereditary" keine Ausnahme. Toni Collette verleiht ihrer Figur eine fabelhafte, in Auflösung begriffene Präsenz.

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Pubertierende Jungs weinen eher selten im Film, schon gar nicht in Horrorfilmen. Alex Wolff darf als Peter im um sich greifenden Familienkollaps eine Ausnahme machen.

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