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16.11.2017 |  Pau Bösch Torra

Einmal Fiktion hin und zurück - Ein Besuch der Internationalen Filmfestspiele von San Sebastián vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse in Katalonien

Die spontane Protestkundgebung vor dem Finanzministerium: An jenem Mittwoch strömten schon in den frühen Morgenstunden Tausende von Menschen aus allen Teilen des Landes ins Zentrum Barcelonas. Viele von ihnen hatten sich einfach ohne lange zu überlegen ins Auto gesetzt, andere schauten auf dem Weg zur Arbeit dort vorbei. Die Menschenmenge wurde von Stunde zu Stunde größer, und im Laufe des Tages entwickelte sich aus einem improvisierten Aufruf eine durchorganisierte Protestkundgebung. Aus dem Nichts tauchten Essen und Trinken auf, mit Megaphonen wurden Reden gehalten, lokale Musikgrößen gaben überraschend Konzerte. Am selben Abend war zu einem Straßenfest geworden, was am Morgen als spontaner Protest gegen den Überraschungscoup der Guardia Civil begonnen hatte. Einheiten dieser spanischen Militärpolizei waren auf richterlichen Befehl in das katalanische Finanzministerium eingedrungen, hatten dort Spitzenbeamte verhaftet und Kisten voller beschlagnahmter Dokumente davongeschleppt. Am Tag danach, am 21. September, triumphierte die Madrider Tageszeitung “El Mundo”, dass diese Aktion dem katalanischen Referendum den Todesstoß versetzt habe. 10 Tage später, am 1. Oktober, fand die Volksabstimmung aber trotzdem statt. Die Begleitumstände dürften auch in Österreich hinreichend bekannt sein.

Die Reise zu den Internationalen Filmfestspielen in San Sebastián

An diesem Mittwoch war auch ich vor dem Finanzministerium, und unter ein Foto, das ich in dieser langen Nacht auf Instagram stellte, schrieb ich, dass dieser 20. September unvergesslich sein werde. Wie auch immer, am nächsten Morgen bestieg ich den Fernbus nach San Sebastián. Die nächsten 10 Tage wollte ich dort in die Welt der Internationalen Filmfestspiele (Donostia Zinemaldia) eintauchen und sollte mich weit weg von den Konflikten meiner Heimat in einer bunt schillernden Seifenblase aus Filmsternchen, Pintxos und Strandausflügen wiederfinden.

San Sebastián, vielleicht wegen der Gelassenheit seiner Bewohner, seiner Nähe zum Meer, seiner mondänen Gebäude und geschniegelten Parks, verströmt Beschaulichkeit und Seelenruhe. Die Uhren schienen hier anders, langsamer zu gehen, oder vielleicht war sogar die Zeit stehengeblieben, jedenfalls war es angenehm sich von der leidenschaftslosen Atmosphäre dieser Stadt tragen zu lassen.

Der beste Film und die Trilogie der Enttäuschungen

Gleich am ersten Tag sah ich den besten und den schlechtesten Film des Festivals. “Call me by your name” (Österreich-Premiere am 2.3.2018), der mit Abstand beste, zeigt die Liebesgeschichte zwischen einem Heranwachsenden und einem wesentlich älteren Schüler seines Vaters. Er spielt in Norditalien im Sommer 1983, und es fällt schwer, die Aufrichtigkeit, die Sinnlichkeit und die Eindringlichkeit der Bilder in Wort zu fassen. Obwohl der Film mehr als zwei Stunden dauert, würde man gerne noch länger dem Leben der beiden Hauptdarsteller zusehen, das sich in einer Welt abspielt, die an San Sebastián erinnert.
“Submergence” von Wim Wenders (Österreich-Start am 12.1.2018), der zweifellos schlechteste Film des Festivals, zeigt exemplarisch, wie die Inszenierung einer Liebesgeschichte in die Hose gehen kann. Die zwei Hauptdarsteller treffen in einem Luxushotel aufeinander, verlieben sich und erleben eine kurze, aber intensive Romanze, die mit einer abrupten Trennung endet. Ab diesem Zeitpunkt beginnt eine Odyssee, die offen lässt, ob sie für die beiden Irrfahrer selbst oder aber für die Zuschauer schwerer zu ertragen ist. Das Drehbuch strotzt vor belangslosen Dialogen und Reflexionen (noch dazu über die Welt in, unter und über dem Wasser, in der sich der Film in erster Linie abspielt), weist zahlreiche Ungereimtheiten auf und verheddert sich rettungslos in den Fallstricken eines so delikaten Themas wie des Terrorismus. Wim Wenders neuer Film ist eine Zumutung und bildete den Auftakt zu einer Trilogie der Enttäuschungen.

Die zweite Ernüchterung war “Happy End” von Michael Haneke, der seine Zuschauer bis dato mit psychologisch hintergründigen Figuren und eindringlichen Bildern verwöhnt hat. Sein jüngster Film ging an mir vorbei, ich fand ihn langweilig. Wo seine eisige Distanz sonst den Zuschauer nicht kalt lässt, berührt sie einen hier kaum.
Der dritte Reinfall war Todd Haynes’ “Wonderstruck”, sein Abstecher in die Welt des Kinderfilms. Haynes, Regisseur des Meisterwerks “Carol”, erzählt darin parallel zwei Geschichten, die eine vergangen und in Schwarz-Weiß, die andere aktuell und in Farbe. Sie beginnt vielversprechend, verzettelt sich dann aber zusehends, um schließlich mehr als vorhersehbar zu enden. Man kann zwar den beiden Kinder-Hauptdarstellern und schon gar nicht der großartigen Julianne Moore nicht ihr Charisma absprechen, aber der Film ist auf jeden Fall zu lang und zu langatmig geraten.

Gute, aber – mit einer Ausnahme - ziemlich belanglose Filme

Noch immer eingehüllt in meine Kino-Seifenblase wurde mir aber trotzdem allmählich bewusst, dass nur wenige Filme den Sprung von der Leinwand in mein Leben geschafft hatten. Filme, die Ausrufe wie “Was für ein Film!” provozieren, sobald im Kinosaal die Lichter angehen, die einem nicht so schnell wieder aus dem Kopf gehen. Ich habe zu viele Filme gesehen, an die ich mich schon am nächsten Tag kaum mehr erinnerte, darunter auch gute Filme, aber in erster Linie eben gut gemachte. Als Beispiel dazu fällt mir “On Body and Soul” ein, der schon den “Goldenen Bären” von Berlin gewonnen hat: gutes Drehbuch, sorgfältiges Handwerk, eindringliche Bilder, aber am Ende ziemlich belanglos. Eine Ausnahme möchte ich aber nicht unerwähnt lassen, “mother!”, den neuen Film des amerikanischen Regisseurs Darren Aronofsky, der niemanden unberührt lässt. Wie kein anderer hat dieser die Kritiker geteilt, Applaus und Lobeshymnen einerseits und Buhrufe und Verrisse andererseits hervorgerufen. Damit hat dieser Film erreicht, was Kunst generell erreichen sollte, und zwar das Publikum berühren, betroffen machen, zum Nachdenken und Nachfühlen, zum Sprechen und Protestieren zu bringen, statt Preise gewinnen und Schwamm drüber.

Zurück in der Wirklichkeit

Wie alle Seifenblasen, ist dann auch meine schlussendlich geplatzt und das noch bevor ich es selber gemerkt habe. Es war der 31. September, spät am Abend, als ich wieder in Katalonien, in meiner Heimatstadt Manresa eintraf. Die kollektive Anspannung eines ganzen Landes hatte in den 10 Tagen meiner Abwesenheit einen neuen Höhepunkt erreicht. Hunderte von Bürgern pilgerten am Vorabend des Referendums in Schulen und andere öffentliche Gebäude, um dort die Nacht zu verbringen und am nächsten Morgen die Schließung der Wahllokale durch die Polizei zu verhindern. Auch ich wollte meinen Beitrag dazu leisten und ging noch in der selben Nacht in eine nahegelegne Schule, wo ich auf dem kalten Erdboden des Schulhofs zu schlafen versuchte. Um vier Uhr morgens weckten wir uns gegenseitig, um bereit zu sein. Bis am Abend des 1. Oktobers war ich dann einer unter vielen Freunden, Bekannten und Unbekannten, die die Wahllokale “schützen” wollten, wie das in unserem internen Sprachgebrauch hieß. Die Bilder von prügelnden Guardia-Civil-Polizisten, die bereits im Laufe des Vormittags über die sozialen Netzwerke verbreitet wurden, ließen das Schlimmste befürchten. Aber wie durch ein Wunder machten sie um unsere Stadt einen Bogen.

Politthriller Katalonien, oder die Realität übertrifft (einmal mehr) die Fiktion

Als ich am 1. Oktober schlafen ging, unversehrt an Leib, aber die Schreckensbilder der Prügelorgien vor Augen, ist mir mit einem Schlag bewusst geworden, dass ich an diesem Tag Unvergesslicheres erlebt hatte als in den 10 Tagen Kino-Dauerberieselung davor. Die dramatischen Ereignisse in meinem Land kommen mir manchmal vor wie eine Politthriller-Fernsehserie, mit allen einschlägigen Zutaten dieses Genres: strahlende Helden und finstere Bösewichte, aufgebrachte Menschenmassen auf den Straßen, politische Finten und Intrigen, polternde Staatsanwälte, und die letzte Folge endet sogar mit der Festnahme eines Großteils der Regierung, während der Rest im letzten Moment Hals über Kopf ins Exil zu entkommen versucht. Und das ist noch lange nicht alles, denn Fortsetzung folgt: Schon am 21. Dezember, dem Tag der katalanischen Parlamentswahlen, beginnt die neue Staffel, die sicher wieder verblüffende Überraschungen bereit hält. Ob sich aber auch in Zukunft der bekannteste aller filmografischen Gemeinplätze bewahrheiten wird, dass nämlich die Realität die Fiktion übertrifft, wird sich erst noch zeigen.

 

Zum Autor: Pau Bösch Torra, geb. 1996 und mit Lustenauer Wurzeln, wohnt in Manresa (Zentralkatalonien) und studiert Audiovisuelle Kommunikation an der Universität Pompeu Fabre in Barcelona. Mit einem Presseausweis der Zeitschrift KULTUR besuchte er heuer die Internationalen Filmfestspiele von San Sebastián.

 

 

Blick auf den Urumea Fluss und das Victoria Eugenia-Theater in San Sebastián / Baskenland © Haizea Alberdi

Blick auf den Urumea Fluss und das Victoria Eugenia-Theater in San Sebastián / Baskenland © Haizea Alberdi

Playa de la Concha, der berühmte Strand der Muschel in San Sebastián © Haizea Alberdi

Playa de la Concha, der berühmte Strand der Muschel in San Sebastián © Haizea Alberdi

Platz vor der Musikschule  in Manresa / Katalonien am Tag der Wahl am 1. Oktober 2017

Platz vor der Musikschule in Manresa / Katalonien am Tag der Wahl am 1. Oktober 2017

Plaça Catalunya in Barcelona in der Nacht des 20. Septembers 2017

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Kursaal Zinemaldia, Hauptgebäude des San Sebastián Filmfestivals

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  • Blick auf den Urumea Fluss und das Victoria Eugenia-Theater in San Sebastián / Baskenland © Haizea Alberdi Blick auf den Urumea Fluss und das Victoria Eugenia-Theater in San Sebastián / Baskenland © Haizea Alberdi
  • Playa de la Concha, der berühmte Strand der Muschel in San Sebastián © Haizea Alberdi Playa de la Concha, der berühmte Strand der Muschel in San Sebastián © Haizea Alberdi
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