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06.07.2018 |  Gunnar Landsgesell

Die Frau, die vorausgeht

Die Malerin Catherine Weldon reist Ende des 19. Jahrhunderts nach South Dakota, um den Chief der Lakota-Sioux "Sitting Bull" zu porträtieren. Die britische Regisseurin Susanne White widmet den beiden Figuren die melancholische Betrachtung eines letzten Kampfes um Gerechtigkeit.

Fast ein Western: Als die weiße Künstlerin Catherine Weldon (Jessica Chastain in der Rolle dieser historischen Figur) Ende des 19. Jahrhunderts aus New York in den offenkundig noch recht wilden Westen reist, um dort die First-Nation-Legende Sitting Bull zu malen, wird ihr ein denkbar unfreundlicher Empfang bereitet. Die Armee-Obersten des Dakota-Territoriums fürchten, dass die Ehrung eines Mannes, den man nach dessen militärischem Sieg am „Little Big Horn“ als Mörder betrachtet, einen neuen „Indianerkrieg“ lostreten könnte. Angespuckt und unter Druck gesetzt arbeitet sich die starrsinnige Malerin dennoch bis zu Sitting Bull (Michael Greyeyes) vor, den sie wenig glamourös auf einem Acker findet, wo er Kartoffeln anbaut. Der Resignation ist aber in diesem Film kein Platz eingeräumt. Unter der Leitung  der britischen Regisseurin Susanne White bauscht sich die Begegnung zu einer romantisch aufgeladenen Beziehung auf, in der noch einmal Hoffnung aufkeimen darf und auf freundliche Weise die kulturellen Unterschiede der zwei Protagonisten verarbeitet werden. So durchstreifen die weiße Frau und der angeschlagene Führer einer Rest-Nation die staubigen Böden des Indianerterritoriums, aus dem die Seelen der begrabenen Vorfahren gewirbelt werden. Geschmunzelt darf trotz aller Agonie freilich noch werden. Eine Frau soll nicht vorausgehen, das gebührt nur dem Chief, erklärt Sitting Bull einmal seiner tapferen Begleiterin. Aber sie sollte auch nicht hinter ihm gehen, denn das wirke, als wäre sie seine Gefangene. Dieses schwierige Unterfangen zwischen europäischen Einwanderern und der Urbevölkerung eine Begegnung auf Augenhöhe zu gestalten, macht den Eindruck eines letzten Rückzugsgefechts, bevor der Kampf endgültig verloren ist. Die Malerin und der Chief begehren noch einmal gegen Landnahme-Pläne der Regierung auf und halten einen Sieg im demokratischen Amerika auf ebenso trotzige wie blauäugige Weise sogar für möglich. Regisseurin Susanna White inszeniert damit zwei Sinnbilder einer untergehenden Welt, mit der auch der (ohnehin alternativlos wirkende) Glaube an Gerechtigkeit begraben wird.

Zwischen Stolz und Vorurteil

Mit Jessica Chastain, die in "Zero Dark Thirty" (Regie: Kathryn Bigelow) auch schon als toughe CIA-Agentin al-Qaida Oberanführer Osama bin Laden gejagt hat, konnte eine der wohl interessantesten Schauspielerinnen des zeitgenössischen Kinos für diese Rolle gewonnen werden. Catherine Weldon stammte aus einer Schweizer Familie, die in die USA ausgewandert war, wo Weldon sich aus einer unglücklichen Ehe stahl und selbstständig machte. Die doppelte Zumutung, die diese historische Figur als Frau und Sympathisantin der National Indian Defense Association für die hartgesottenen, vorurteilsbeladenen Frontier-Soldaten bedeutete, macht die ausgesprochen wandlungsfähige Chastain in den vielen kleinen Prüfungen deutlich. Mit Michael Greyeyes (der in seiner Karriere schon mehrfach einschlägig besetzt wurde) als Sitting Bull hat sie freilich eine etwas klischeehafte Figur des stolzen (Karl May würde sagen: edlen) Wilden als Partner. "Woman Walks Ahead" packt die dürftigen Fakten dieser historischen Tragödie ins Kleid eines allerletzten Sommers und lässt den alten Häuptling noch einmal tanzen. 

Auf dem Rücken der Pferde: auch so kommt man sich näher

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Sitting Bull als Sinnbild für den Untergang ganzer Völker.

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