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27.07.2017 |  Walter Gasperi

Aktuell in den Filmclubs (28.7. - 3.8. 2017)

Das Filmforum Bregenz zeigt diese Woche mit „Ein deutsches Leben“ einen Dokumentarfilm über eine der Sekretärinnen des NS-Propagandaminsters Joseph Goebbels. In Rankweil geht das heurige Open-Air-Festival „Filme unter Sternen“ mit Josef Haders Regiedebüt „Wilde Maus“ langsam zu Ende.

Ein deutsches Leben: Am Beginn steht die schon fast irreal scharfe schwarzweiße Großaufnahme des Gesichts einer alten Frau. Jede Falte ist hier zu sehen. Diese Schärfe der zwischen Detail-, Groß- und Halbnahaufnahme pendelnden Einstellungen der 103-jährigen Brunhilde Pomsel steht im Kontrast zu ihrer verschwommenen, die Realität entstellenden Sicht der Zeit des Nationalsozialismus.
Die vier Regisseure Christian Krönes, Florian Weigensamer, Olaf S. Müller, Roland Schrotthofer lassen Pomsel über ihre Kindheit und Jugend bis zu ihrer Tätigkeit als Sekretärin von Propagandaminister Joseph Goebbels und der Nachkriegszeit erzählen. Immer noch unbedarft ist der Blick der alten Frau, ist sich keiner Schuld bewusst, sieht sich als Mitläuferin. Verräterisch sind freilich immer wieder kleine Bemerkungen, wie die über die typische Judennase ihrer Freundin Eva Löwenthal, die Klage über ihre fünfjährige Haft bei den Russen nach dem Krieg und die völlige Verharmlosung ihres Nichthandelns.
Kontrast zu ihren Schilderungen schafft Archivmaterial vom polnischen Protest gegen das Nazi-Regime bis zu immer noch erschütternden Bildern von der „Entsorgung“ völlig abgemagerter Leichen. Und dazwischen sind immer wieder Inserts mit Statements von Goebbels eingestreut, aus denen man den Geist des Nationalsozialismus und seine Folgen herauslesen hätte können.
Auf jeden Kommentar verzichten die Regisseure. Pomsels Erzählungen und das Archivmaterial sollen für sich sprechen. Fraglich scheint freilich, ob man so einer Mitläuferin solch eine große Bühne bieten soll.
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Fr 28.7., 22 Uhr


Wilde Maus:
Seit 20 Jahren ist Georg (Josef Hader) Musikkritiker bei einer Wiener Zeitung, gesichert scheint sein Job, doch nach kaum drei Filmminuten wird er entlassen. Seiner jüngeren Frau Johanna (Pia Hierzegger), die vor allem mit ihrem Kinderwunsch beschäftigt ist, verschweigt Georg aber seine Kündigung, verbringt den Tag im Prater, besucht abends weiterhin Konzerte. Seinen Frust und seine Aggression baut er aber nicht nur bei „Hau den Lukas“ ab, sondern auch indem er zunehmend massiver nachts das Auto seines Ex-Chefs (Jörg Hartmann) – selbstverständlich ein Deutscher – beschädigt. Unterstützung bekommt er dabei bald von einem früheren Schulkollegen (Georg Friedrich), dem er im Prater begegnet und mit dem er die legendäre Achterbahn „Wilde Maus“ pachtet.
Man kann Josef Haders Regiedebüt als Kommentar zur Angst der Mittelschicht vor dem Absturz lesen, aber zunächst ist das wieder einmal eine hervorragend geschriebene, punktgenau inszenierte und bis in die Nebenrollen hinein großartig besetzte Tragikomödie. Keine Leerstellen gibt es hier, perfekt greifen die Rädchen ineinander, in einigen Punkten übertreibt es Hader allerdings einzig des (zweifellos gelungenen) Gags zuliebe mit den Verknüpfungen und Zusammenhängen.
Die Dialoge kommen aber so trocken, die Figuren sind so prägnant gezeichnet, die Geschichte atmosphärisch stimmig im Wiener Milieu verankert, und die Balance zwischen Komik und Tragik wird so wunderbar gehalten, dass man sich zwei Stunden bestens unterhält, wobei einem aber die Lacher angesichts des Ernsts der Situation mehrfach im Hals stecken bleiben.
Filme unter Sternen – Open-Air-Kino auf dem Marktplatz Rankweil: Mi 2.8., 21.30 Uhr

Ein deutsches Leben

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Wilde Maus

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