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17.05.2018 |  Walter Gasperi

Aktuell in den Filmclubs (18.5. - 24.5. 2018)

Das Filmforum Bregenz zeigt diese Woche mit „The Florida Project“ Sean Bakers großartigen Spielfilm über eine Kindheit am Rand der US-Gesellschaft. Eindringlich an die Verdrängung der NS-Gräuel im Österreich der 1960er Jahre erinnert dagegen Christian Frosch in seinem Gerichtsfilm „Murer – Anatomie eines Prozesses“, den der FKC Dornbirn zeigt.

The Florida Project: In unmittelbarer Nachbarschaft zu Disney World spielt Sean Bakers sechster Spielfilm, doch das Leben der drei sechsjährigen Kinder Moonee (Brooklynn Prince), Scooty und Jancey ist diametral entgegengesetzt zu dieser Märchenwelt. Mit ihren Müttern wohnen sie in einer heruntergekommenen Motelanlage an einer Ausfallstraße von Orlando. Väter gibt es keine, prekär sind die Lebensbedingungen. Während Scootys Mutter als Bedienung in einem Diner den Lebensunterhalt verdient, finanziert Moonees Mutter, die selbst noch ein halbes Kind ist und unfähig ist, Verantwortung zu übernehmen, die Miete mit krummen Touren.
Baker moralisiert aber weder noch wird sein Film, der in der innigen Mutter-Kind-Beziehung ebenso wie in den prekären Verhältnissen an Adrian Goigingers „Die beste aller Welten“ erinnert, zum tristen Sozialdrama. Vielmehr zeigt der 47-jährige Amerikaner, wie die Kinder die Umwelt mit ihrer Fantasie und Lebensfreude zu einem Abenteuerspielplatz machen und sich von der materiellen Misere nicht niederschmettern lassen.
Mitreißende Kraft entwickelt „The Florida Project“ durch seine frische, unverbrauchte Erzählweise, bei der Baker auf eine Hollywood-Dramaturgie verzichtet und sich weitgehend auf die bestechende quasidokumentarische Schilderung des Alltags verlässt. Getragen aber wird dieser ganz aus Kinderperspektive erzählte Film, der auch durch die kräftigen Bonbonfarben Lebensfreude ausstrahlt, von den drei herausragenden kleinen Hauptdarstellern, die völlig ungezwungen und echt spielen, sowie einem großartigen Willem Dafoe, der als Manager der Anlage neben seiner Arbeit immer auch ein Auge für die Kinder hat, Verständnis für sie zeigt und sie vor Gefahren schützt.
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Fr 18.5., 22 Uhr

Murer – Anatomie eines Prozesses: 1963 wurde der steirische Großbauer und ÖVP-Politiker Franz Murer wegen der Massenmorde, die er als „Schlächter von Vilnius“ zwischen 1941 und 1943 in Litauen begangen hatte, in Graz vor Gericht gestellt, schließlich aber trotz zahlreicher belastender Zeugenaussagen freigesprochen.
Ganz auf die zehntägige Gerichtsverhandlung konzentriert sich Christian Frosch. Einen klassischen Gerichtsfilm legt er damit vor. Im Zentrum stehen die Aussagen der Zeugen, bei denen Freunde Murers, die ihn entlasten, erschütternden Schilderungen von überlebenden Juden, die detailreich von seinen Verbrechen und seinem Spaß am Töten berichten, gegenüberstehen.
In vorwiegend statischen Einstellungen (Kamera: Frank Amann) filmt Frosch diese Szenen, verzichtet auf Rückblenden, erinnert allein durch die vielfach in Jiddisch gehaltenen Erzählungen an die Massenmorde in Vilnius. 80.000 Juden lebten vor der NS-Herrschaft in diesem "Jerusalem des Nordens", doch diese Zahl sank in der Zeit, in der Murer als Stellvertreter des Gebietskommissars Hans Hingst „für jüdische Angelegenheiten“ zuständig war, auf wenige Hundert.
Diese Aufarbeitung der NS-Gräuel dient Frosch in seinem beklemmenden und erschütternden Film dabei auch als Hintergrund, um das Unerhörte von Murers Freispruch und die Stimmung beim österreichischen Volk und der Politik, die in stark fragmentierten Szenen von Diskussionen außerhalb des Gerichtssaals vermittelt wird, bewusst zu machen.
FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 23.5., 18 Uhr + Do 24.5., 19.30 Uhr

The Florida Project

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Murer – Anatomie eines Prozesses

Murer – Anatomie eines Prozesses

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