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13.04.2018 |  Gunnar Landsgesell

A Quiet Place

Eine Familie im Norden der USA schleicht wortlos und barfuß durch die Welt. Unbekannte Wesen reagieren auf jedes feinste Geräusch und aktivieren ihre Fressorgane. "A Quiet Place" von Emily Blunts Ehemann John Krasinski geht neue Wege, mit einer Art Horrorfilm, in dem jeder falsche Ton tunlichst vermieden wird.

US-amerikanische Filme lieben es, einen zu Beginn unvorbereitet in eine Szene zu stoßen, aus deren Charakteren sich erst langsam die Dramaturgie zusammensetzt. Für langatmige Einleitungen fehlt die Zeit, und wer will schon alles vorgekaut bekommen. Auch in „A Quiet Place“ findet man sich unvermittelt in einem devastierten Supermarkt wieder, in dem eine fünfköpfige Familie Brauchbares zusammensucht. Eigenartigerweise sind die Eltern und deren Kinder bloßfüßig unterwegs und verständigen sich in Zeichensprache. Warum, das wird man nach und nach herausfinden – aber auch nicht viel mehr. Fremdartige Wesen haben die Erde bevölkert, ob sie Aliens sind oder das Ergebnis fehlgeleiteter Laborexperimente spielt dabei keine Rolle. Und selbst, dass die Köpfe der insektoiden Kreaturen statt Gesichtern nur multiple Fressorgane beherbergen, ist nicht das große Kapital dieses Horrorfilms. Man erhascht ohnehin nur selten einen Blick auf sie. „A Quiet Place“ ist eine ungewöhnliche Genreübung in Sachen Stille. Weil die gefräßigen Organismen äußerst hellhörig sind, verläuft das Leben der Abbotts in höchst kontrollierten Bahnen. Oder kurz formuliert: wer spricht, ist tot. Wer ein Geräusch verursacht, auch. John Krasinski, Ehemann von Emily Blunt im Film wie im richtigen Leben, findet in einem umfassenden Schweigen einen verblüffenden Neustart eines Genres, das sich unter seiner Regie als Chimäre aus Familien- und Horrorfilm entpuppt. Die Apokalypse ist für die Menschheit gewissermaßen schon angebrochen, aber jeder kann sie für sich durch eine geradezu unmenschliche Selbstdisziplinierung noch Sekunden, Wochen oder Jahre hinauszögern. Die umfassende Kontrolle über das eigene Tun ist eine besonders perfide Lebensweise, die diese Familie – alternativlos – zusammenschweißt. Die Spannungen, die nicht ausgelebt werden dürfen, die Schwangerschaft von Mutter Evelyn, die geradezu einem Todesurteil gleichkommt, selbst das Gesellschaftsspiel, das unter größter Bedachtheit mit aus Wolle gestrickten Figuren gespielt wird, all das weiß Krasinski in ebenso achtsam entworfenen Bildern produktiv zu machen.

Emotion unterdrückt

Und auch wenn die kontrapunktisch gesetzten Knack- und Knallgeräusche der Tonspur, die von nahender Gefahr künden, durchaus konventionell gesetzt sind, vermag Krasinski gerade aus dieser dräuenden Stimmung, dieser hinausgezögerten Gefahr jene Aufmerksamkeit zu generieren, die dem Film in den USA viel Publikum beschert hat. Man fühlt sich in „A Quiet Place“ an Filme von Jacques Tourneur erinnert, der es in den Vierziger Jahren mit „Cat People“ oder „I Walked with a Zombie“ meisterlich verstand, die Gewalt selbst schemenhaft aus dem Bild zu verbannen und nur im Kopf des Zusehers stattfinden zu lassen – vielleicht auf schlimmere Art, als Tourneur es die damaligen Mittel ermöglicht hätten. „A Quiet Place“ ist eigentlich aber kein Horrorfilm wie etwa die mit einem irritierenden Mix aus Realismus und Surrealismus operierenden Filme „Get Out“, „The Witch“ oder „Let the Right One in“, die Krasinski in einem Interview als einflussgebend bezeichnet hat. Eine Vielzahl familiärer Mini-Verwerfungen, Verzichte oder Kontrollverluste, die beständig das gesamte Gefüge bedrohen, machen die eigentliche Substanz des Filmes aus. Regan, die Tochter der Abbotts ist taub (so wie deren Darstellerin, Millicent Simmonds, mit interessanter Präsenz) und einmal mehr möchte ihr Vater ihr ein selbstgebasteltes Hörgerät überreichen, das sie vor Gefahren schützen soll. Die Stille, die Regan umgibt in der Stille des Films sowie der Apparat, der diese durchbrechen soll, ist eine von mehreren trickreichen Verästelungen, die das Geschehen von „A Quiet Place“ immer wieder aufladen. Ein Film, der keineswegs stumm ist, sondern mit einiger Suggestionskraft zu einem spricht.

Prekäre Schwangerschaft, neue Tonlagen von Emily Blunt.

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Sich selbst vergessen, ist in diesem Film streng verboten.

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Gedanken- und Bewegungskontrolle: Mit Sand ausgelegte Wege, die zu verlassen nicht empfohlen wird.

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Permanenter Belagerungszustand, auch aus Position des Publikums. Ein interessantes filmisches Experiment.

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