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08.05.2018 |  Peter Füssl

Terence Blanchard feat. The E-Colletive Live: Live

Als ich 1982 im Rahmen eines grandiosen Auftritts von Art Blakey’s Jazz Messengers im Jazzclub Lustenau den damals blutjungen Terence Blanchard zum ersten Mal hörte, war bereits klar, dass dieser die Karriereleiter ziemlich senkrecht emporsteigen wird. Er war mit seinen 20 Jahren nicht nur ein exzellenter Techniker, sondern schien neben einer ordentlichen Prise seiner Heimatstadt New Orleans auch bereits die Musik der wesentlichen Trompeter von Gillespie über Hubbard bis Davis intus zu haben. Damals freilich noch nicht absehbar war Blanchards Entwicklung vom Neo-Traditionalisten zum experimentierfreudigen Neuerer, und noch weniger sein explizites politisches Engagement für die Black Community, das sicher auch durch seine Zusammenarbeit mit dem gesellschaftskritischen Filmregisseur Spike Lee befeuert wurde.

„Meine Leitbilder sind Jazzmusiker und Blues-Men, die ihre Stimmen finden müssen und nicht nur Echos sein dürfen, die eine Vision haben müssen und nicht nur eine Haltung. Letztendlich müssen sie sich selbst treu bleiben. Jede Nachahmung ist Selbstmord.“ Dieses Blanchard wohl aus dem Herzen gesprochene Statement des Princeton-Professors Cornel West – einer der führenden schwarzen Intellektuellen und Vordenker der Gegenwart – stellt der fünffache Grammy-Gewinner den sieben Live-Mitschnitten voran. Zwischen 5 und 17 Minuten lange, zwischen mitreißenden Grooves, schwelendem R’n’B, brodelndem Funk und lyrischen Stimmungsbildern pendelnde, mit längeren Improvisationen und jeder Menge an musikalischen Überraschungen gespickte Kompositionen. Mit zwei Ausnahmen – Marcus Millers „Hannibal“ und Charles Alturas  „Unchanged“ – stammen sie aus der Feder des Bandleaders. Das E-Collective mit Altura an der E-Gitarre, David Ginyard Jr. am E-Bass, Fabian Almazan an Keyboards und Piano und Oscar Seateon an den Drums erweist sich –  wie schon beim 2015-er Album „Breathless“ – als ideales Vehikel, um Blanchards elaborierte Ideen umzusetzen. Es ist natürlich kein Zufall, dass die Mitschnitte von Konzerten aus Minneapolis, Cleveland und Dallas stammen, also von Orten, die wegen brutaler Polizeiaktionen gegenüber Schwarzen international in die Schlagzeilen gerieten. Blanchard will mit seiner Musik der Wut und den Frustrationen der Black Community Ausdruck verleihen, aber auch Trost spenden und Mut zum Widerstand machen. Das E-Collective habe er nicht als Protest-Band zusammengestellt, denn eigentlich würde er lieber ausgelassene Partymusik spielen, erklärt Terence Blanchard, aber die Realität sei eben eine andere. Er reüssiert, weil das alles weder verkopft noch verkrampft kämpferisch, sondern mit einer gewinnenden Lässigkeit herüberkommt – mitunter sogar partytauglich.

(Blue Note/Universal)

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