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08.08.2017 |  Peter Füssl

Roscoe Mitchell: Bells For The South Side

Rund zwei Stunden Free Jazz, eine Flut unkonventioneller Ideen und gewagter Soundexperimente in einem unglaublich kreativen Rausch ohne Netz und doppelten Boden gespielt! Das fällt natürlich völlig aus der Zeit, ist die erste Reaktion beim Hören. Oder wäre genau das die genau richtige Antwort auf unsere Zeit? Befand sich die Schwarze Community 1965, als die Association for the Advancement of Creative Music, die unter dem Kürzel AACM in die Jazz-Geschichte eingegangen ist und 2015 mit der großen Ausstellung „The Freedom Principle“ im Museum of Contemporary Art Chicago gefeiert wurde, in der US-Gesellschaft von damals vielleicht in einer ähnlichen Situation wie wir heute auf unserem schwindelerregend kurzlebigen und oberflächlichen Fake News-Terror-Bigbusiness-Planeten?

Sollte musikalische Freiheit in ihrer perfekten Kombination aus Improvisation und kompositionellen Ideen der Ausweg sein, würde sich jedenfalls der heute 76-jährige Roscoe Mitchell bestens als Zeremonienmeister eignen. Der Saxophonist/Flötist hat AACM mitbegründet und war mit dem Art Ensemble of Chicago Teil jener avantgardistischen Speerspitze, die das musikalische Geschehen ab den späten 1960-er Jahren einer massiven Frischzellenkur unterzogen hat. Dass seine Schaffenskraft ungebrochen ist, hat Mitchell auch bei Konzerten anlässlich dieser Jubiläumsausstellung mit vier seiner Trio-Formationen bewiesen, die er in einigen Stücken auch erstmals aufeinandertreffen ließ. Die perfekte Mischung aus alten Meistern dieses Genres, wie Trompeter Hugh Ragin, Bassist Jaribu Shadid oder die Perkussionisten Tani Tabbal und William Winant, und höchst inspirierten jüngeren Ausnahmemusikern wie Pianist Craig Taborn, Saxophonist James Fei, Multiinstrumentalist Tyshawn Sorey oder Perkussionist Kikanju Baku ist musikalisch voll aufgegangen. Brillante Soli, teilweise auf dem original Art Ensemble-Instrumentarium fabrizierte perkussionistische Wirbelstürme und in allen Farben schillernde, zwischen stiller Schönheit und lautstarken, halsbrecherischen Reibungsmomenten oszillierende Klangexpeditionen gipfeln schließlich im 25-minütigen „Red Moon in the Sky/Odwalla“ – letzteres die lässig groovende Art Ensemble-Kennmelodie, die Roscoe Mitchell für die launige Vorstellung aller Protagonisten nutzt.

(ECM/www.lotusrecords.at)

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