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30.08.2016 |  Peter Füssl

Michael Kiwanuka: Love & Hate

Mit seinem 2012-er Debut „Home Again“ schien der in London aufgewachsene Sohn ugandischer Eltern bereits auf dem besten Weg zum Superstar, fiel dann aber ob des schnellen Ruhms in eine grundlegende Schaffenskrise, die der 29-Jährige nun vier Jahre später mit seinem zweiten Album „Love & Hate“ eindrucksvoll überwunden hat. Als Gitarrist ist Michael Kiwanuka bekennender Hendrix-Fan. Marvin Gaye, Bill Withers, Otis Redding, Isaac Hayes – das sind die großen Namen, die als Referenzgrößen herangezogen werden, um auf die expressive Kraft seiner tiefschwarzen, höchst emotionalen Stimme, aber auch auf seine musikalische Retro-Gesinnung hinzuweisen.

Auch die zehn neuen Titel aus Kiwanukas Feder sind wieder eindeutig im Soul/Gospel/Blues/Pop der frühen 1970-er Jahre verwurzelt, der Folk-Anteil ist im Vergleich zum Debut zurückgedrängt. Sie verfügen aber nicht zuletzt wegen der extrem einfallsreichen vielschichtigen Arrangements der Produzenten Inflo und vor allem Danger Mouse über das Potential für zeitlose Klassiker. Ersterer zeichnet etwa für den als Single-Auskoppelung gewählten Song „Black Man In A White World“ verantwortlich, der mit Handclaps und Blues-Shouts beginnt – ein bewegender Song über die zwiespältigen Gefühle eines jungen Schwarzen, der im weißen London aufwächst und schon früh mitkriegt, welche Türen ihm verschlossen bleiben werden. Danger Mouse, mit bürgerlichem Namen Brian Burton, ist ein vielfach erprobter und extrem erfolgreicher Spezialist in Sachen Verquickung nostalgischer Elemente mit zeitgenössischen Ingredienzien. Das demonstriert er  gleich eindrucksvoll in der fünfminütigen Einleitung zum Opener „Cold Little Heart“– flennende Violinen und verhallte Engelschöre, Pink Floyd-Gitarre, satte Melodienseligkeit im Cinemascopeformat. Ein ausufernder und gewagter Versuch, auf die ersten unter die Haut gehenden Töne von Kiwanukas Klagegesang über eine zerbrochene Liebe vorzubereiten – und von Erfolg gekrönt, weil es der Großmeister wie in allen anderen Songs schafft, haarscharf an allen Klippen des Bombasts und des Kitsches vorbei auf ganz großes, oft auch tanzbares Entertainment hinzusteuern. Die musikalische Lässigkeit der Produzenten nimmt ebenso gefangen wie Michael Kiwanukas Sinn für großartige Melodien und große Gefühle, Kraft und Verletzlichkeit, seine ehrlich wirkenden Selbstreflexionen in Liebesangelegenheiten, die ihm (noch) wichtiger zu sein scheinen, als der Aufruf zu gesellschaftspolitischen Barrikadenkämpfen. Der Titelsong „Love & Hate“ ist zugleich die kürzestmögliche Themenübersicht zum gesamten Album und ein weiterer Beweis, wie sich die Talente von Danger Mouse und Michael Kiwanuka zu exzellenter Größe verbinden lassen. (Polydor/Universal)

Konzert-Tipps: Um Michael Kiwanuka live zu erleben, muss man nach München (10.11., Technikum) oder Zürich (11.11., Kaufleuten) fahren.

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