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15.11.2016 |  Peter Füssl

Kate Tempest: Let Them Eat Chaos

Das auf die CD aufgedruckte Ziffernblatt zeigt 4:18 Uhr, das ist jener von Kate Tempest gewählte Zeitpunkt, an dem sie sich von den Weiten des Weltraums aus immer näher an die Erdkugel, an Europa, an England, an London, an eine spezielle Straße heranzoomt. Ein einziger gigantischer, auf 13 Tracks aufgeteilter, bildgewaltiger Wortschwall, in dem es um nichts weniger als den hoffnungslosen Zustand der Menschheit geht – festgemacht an den Gedanken, Schilderungen und Geschichten von sieben sehr unterschiedlichen Charakteren, die um dieselbe Uhrzeit wach im Bett liegen.

„Let Them Eat Chaos“ ist der passend gewählte Titel dieser CD, in der es um Angstgefühle, Psychosen, Beziehungsprobleme, Arbeitslosigkeit, Fremdenhass, Terrorismusbedrohung, Umweltzerstörung, soziale Ungerechtigkeit, Vereinsamung, Flucht in die Sucht geht – also um die allerorten, nicht nur in London grassierenden Existenzängste und Seelenqualen der Individuen, die sich im Gestrüpp aus wirren Wünschen und unerfüllbaren Anforderungen rettungslos verheddert haben. Der Blick von Kate Tempest ist scharf und gnadenlos, mitunter auch zynisch, ihre Milieuschilderungen sind gleichermaßen einfühlsam, wie wortgewaltig und frustrierend. Folglich dominieren Angst, Wut und Verzweiflung, das resignative Gefühl, dass da noch etwas ganz Entscheidendes fehlen muss, um die Leere auszufüllen. „People are dead in their lifetimes“ heißt es im vielleicht härtesten Stück „Europe is Lost“. Tempests rhythmisierte Wortkaskaden, deren Wirkung Produzent Dan Carey durch minimalistische Synthie-Klänge, Ambient-Wölkchen oder polternde Rhythmen zu potenzieren versteht, lassen keine Hoffnung aufkommen. Meist zu Anfang der Stücke bleibt ihre Stimme aber völlig unbegleitet, ganz für sich – und fährt dann noch direkter unter die Haut. Die vielfach mit renommierten Literatur-Preisen ausgezeichnete Südlondonerin schließt mit „Let Them Eat Chaos“ inhaltlich nahtlos an ihr vor zwei Jahren erschienenes, hochgelobtes Debut-Album „Everybody Down“ und an ihren erfolgreichen aktuellen Roman „Worauf Du Dich verlassen kannst“ (im Original: „The Bricks That Built The Houses“) an. Im Vergleich zum Erstling hat sich Tempest aber deutlich vom Hip-Hop weg in Richtung Spoken-Word-Performance entfernt - musikalisch unbedeutend, sprachlich grandios!

Caroline/Universal)

 

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