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06.07.2018 |  Peter Niedermair

Veronika Dirnhofer – Der Mensch ist das Maß. Böhmen liegt am Meer

Am 5. Juli 2018 wurde in der Bregenzer Galerie Arthouse eine Ausstellung mit neuen Malereien und Keramiken von Veronika Dirnhofer eröffnet. Zur Eröffnung waren sehr viele interessierte Besucherinnen und Besucher gekommen. Peter Niedermair sprach zur Ausstellung.

Die Maße der Bilder, der meisten ihrer Bilder, entsprechen in etwa der Größe der Künstlerin.  Bilder sind ein Dialog zwischen ihr und der Leinwand. Veronika Dirnhofer ist 1967 in Horn, NÖ geboren, in Vorarlberg aufgewachsen, sie lebt und arbeitet in NÖ, Wien und Vorarlberg. Am Institut für bildende Kunst an der Angewandten in Wien hat sie eine Professur. Wir kennen uns von mehreren Atelierbesuchen im VBKÖ in Wien, in der Maysedergasse und von ihrer letzten Ausstellung in der Galerie Hollenstein in der Pontenstraße in Lustenau. In „her stories 2“ – eine temporäre Installation im Foyer der Galerie – gab es im Dezember 2016 ein Künstlerinnengespräch von Claudia Voit mit Veronika Dirnhofer.

Gleichsam als Kommentar und Ergänzung zum in der Galerie verwahrten bildnerischen Nachlass Stephanie Hollensteins installierte Veronika Dirnhofer in direkter räumlicher Nähe dazu im Vorraum der Galerie einen 16 Meter langen Vorhang, auf dem sie zeichnerisch, zitierend und assoziativ die Vereinsgeschichte der „Vereinigung bildender Künstlerinnen Öster-reichs“ (VBKÖ) rekonstruiert, deren Vorstand Veronika Dirnhofer bis 2016 angehörte und in deren Räumlichkeiten sie bis heute ein Arbeitsatelier benützt. „her stories 2“ erzählt die Geschichte dieser traditionsreichen und bis heute existierenden weiblichen Künstlerinnenvereinigung von seiner Gründungsgeschichte 1910 bis ins Jahr 2016 aus sehr persönlicher Perspektive der Künstlerin und thematisiert auch den Zeitraum zwischen 1939 und 1944 – derjenigen Zeitspanne, in welcher Stephanie Hollenstein als Präsidentin ebendieser Vereinigung kulturpolitisch aktiv war. vgl. galerie-hollenstein.lustenau.at/ de/programm

Ihr Alltag ist eine große Unruhe

Veronika Dirnhofers Alltag ist eine große Unruhe. Sie liest viel, sie zeichnet viel, sie schreibt.  Sie schreibt, wie auf vielen ihrer Bilder auf der Leinwand, Textpassagen aus Büchern, die auch Teil ihres Ateliermobilars sind. Der Untergrund besteht oft aus Linien oder Texten oder Zeichnungen, fragmentarisch, um hernach weiter zu gehen zum nächsten Bild. Auf Papier. Ihre Arbeiten entstehen als und in Schichten und durch Überlagerungen. Über eine längere Zeit. Mitunter aus Ölfarbe, die wie hier sehen, auch ganz pastos aufgebracht ist. Im Dreiteiligen ihrer Arbeitsstilistik, neben Malerei und Text, kommt  oft Keramik dazu. Die Verbindung von Bild, Schrift und Objekthaftem ist etwas, was auf vielen ihrer Arbeiten angelegt ist. Das Bild, das wir 2016 für die Sammlung des Landes angekauft hatten, „Beteiligung“, ist aufgebaut wie eine Art abstrahierter Landschaft. Über-lagerungen, Schollen, Wolken. Landschaft als Bild und das Bild als Land-schaft ist ein zentraler Topos in ihrer Malerei. Sie lebt schon ziemlich lange um Wien und immer wieder in Wien, sie ist ein Mensch, den die Großstadt und das, was dort entsteht, sehr interessiert, weil sich dort die gesellschaftlichen und politischen Fragen ebenso die der Kunst unmittelbar entwickeln, wie Daniel Libeskind in einem “Futuro-Polis-Project” an der Uni in St. Gallen in einer Kooperation mit dem Institut für Städtebau der ETH Zurich 2006 ausführte. Gleichzeitig ist die Künstlerin jemand, die gern in der offenen Landschaft ist, sich dort bewegt. Das Gehen in der Landschaft ist etwas sehr Zentrales für sie, etwas das man sich als frei zugängliche Land-schaft erhalten muss, der öffentliche Raum, der uns gehört. Natur nicht im romantischen Sinne. Landschaft an sich ist ein zentrales Thema. Nicht nur in der Darstellung, sondern vor allem als Denkraum. Der Raum, wo sie Ruhe findet und politisch nachdenken kann. Fast ist es ein Paradoxon, die Ruhe ist etwas, das sie wieder auffüllt, die Energie zu finden, um gewisse Diskurse und politische Ideen zu entwickeln, sich in die Diskurse einzubringen.

Ein „Ein.bilder“

Mit Herrn Alber, dem Galeristen hier, arbeitet sie schon lange, sie kennt ihn, als sie noch studierte. Die hier ausgestellten Arbeiten datieren aus 2017 und 2018. Letztes Jahr hat sie mit dem Blau begonnen – „nicht zum ersten mal“, eine Mischtechnik, Collage auf Leinwand, 2018. Die Farbe ist in den Vordergrund gerückt. Sie hat eine Zeitlang nicht mehr mit Öl gemalt, sondern mit Wasserfarbe, mit einem sehr offenen Umgang, wie in allen collagierten Bildern. Papier auf Papier auf Papier. Das Bild im Bild im Bild. Andreas Spiegel, der im kommenden Herbst ein Buch über Veronika Dirnhofer herausbringt, hat es ein „Einbilder“ genannt, weil es zwischen Singular und Plural changiert. Dabei interessiert die Künstlerin eben nicht dieses eine Bild, sondern das Weiterarbeiten an einem Bild. Manche Titel sind sachlich-expositorisch, andere poetisch, wie manche Texte bei den Bachmann Lesungen in Klagenfurt. Auf ihren Bildern hier in der Ausstellung ist wenig Text, auffallend wenig Text, außer bei der Keramik, die sie auf einen Spiegel, der mit einem Bachmann Text beschrieben ist, stellt. „Wir hoffen auf dieses Meer“ … aus: „Böhmen liegt am Meer“ … „und dieses Land der Himmel bedeckt, das Unerhörte ist alltäglich geworden“ … do you want to be singular … man sollte uns halten und vergeben“ …

Böhmen am Meer und Ingeborg Bachmann

Die Bachmann mit ihrer Literatur ist mehr als ein Scharnier zwischen der Kunst der Malerei und der Literatur. Sie hat Bachmann schon früh gelesen, in der Schule, hat eine besondere Beziehung zu ihren Texten, hat immer Bachmann Bücher bei sich, Sie kennen das, wenn man Bücher um sich hat, sie an den Wänden auf dem Boden aufstapelt, so wie man gewisse Kleidungsstücke oder Schuhe immer bei sich haben will, von denen man sich nicht trennen mag, weil sie wie angewachsen sind. Die Sprache kann für sie dabei weit mehr, sie hilft ihr im Bildlichen, im Atelier beim Tun ist die Sprache essentiell, da ist Poesie, „Böhmen am Meer“ nimmt dabei einen zen-tralen Platz ein. Der Text berührt Grenzen und die Fragen, die derzeit in Europa diskutiert werden, das sprachliche Inventar – Sie kennen die Politphrasen „Festung Europa“ und „Grenzen dicht“ und „die Südgrenzen schließen“,  Themen, für die sich Veronika Dirnhofer engagiert, mit einem Verein, Solidarity matters, den sie vor einem Jahr ca gegründet hat.

Je mehr das politische Engagement zunimmt, desto abstrakter die Bilder

Ihre eigene Malerei ist in der letzten Zeit immer abstrakter geworden, Ein reziprokes Verhältnis. Manchmal, sagt sie, würde sie am liebsten einen Kübel Farbe über eine Leinwand leeren, je mehr sie merkt, wie sehr das Leben geregelt und reglementiert ist, je mehr man Politiker herumwabbeln hört, man müsse die Gärten zubauen, da spürt sie, sie will wüster werden. Das Figurative, das Schöne – das interessiert sie gar nicht. Im Prozess des Malens werden die Bilder immer abstrakter, immer wilder. Dabei ist die Keramik sehr wichtig, sie hat entdeckt, dass es so etwas gibt wie ein Körperwissen, ein ganz elementares, woraus sich etwas formt, dann gibt es eine Form, die genauso wie Sprache etwas hervorbringt. Siri Hustvedt in ihrem neuen Buch „Die Illusion der Gewissheit“ spricht davon, dass das Denken auf einer individuellen, komplexen Geschichte  beruhe, auf Gefühlen und Kognition, auf Körper und Beziehungen.

Keramik, die für sie mindestens so wichtig ist wie die Malerei, die selbst auch oft auf Büchern steht, Bücher, sagt Veronika Dirnhofer, sind die Schultern, auf denen die Arbeit steht. Bücher und Schriften sind – noch mehr als Bildliche – wichtig. Das geht einher mit der Überlegung, wie sie in Zeiten wie diesen im Atelier stehen kann und Bilder produziert, … den Kunstbetrieb findet sie oft abgehoben und elitär. Sie umgibt sich mit Büchern und Texten von Menschen, die sich intellektuell mit wichtigen Fragen auseinandersetzen, mit politischen, mit soziologischen Fragen, wie etwa Saskia Sassen, die in ihrer kritisch-politologischen Literatur Ungerechtigkeiten anspricht. Über Aspekte von arm und reich hinaus geht es um Ausgrenzungen, Ausschließungen.

Keramik in hierarchieloser Form

Die Kunst steht nicht in einem abgehobenen Kunstraum, sondern auf etwas Gesellschaftlichem. Diese offenen Denkräume spiegeln sich auch in ihrer Kunst, Keramiken werden oft wieder zerbrochen, neu zusammengesetzt, ähnlich wie sie als künstlerische Strategie ihre Bilder immer wieder weiter entwickelt. Die Keramik an sich ist bei Veronika Dirnhofer kein feines, feingeformtes Objekt, eher eine hierarchielose Form, wie sie ihre Keramiken einmal  bezeichnet hat. Die Keramik geht auch auf den Ort zurück, das VBKÖ – die Künstlerinnen-Vereinigung, hinter der Oper in Wien, wo sie ihr Atelier hat. Dort hat sie im Archiv viele Fotos mit Keramik entdeckt, Keramik … in der Zuschreibung Frauenkunst. Bei der Überlegung, wie es möglich wäre, einen Vorstand für diesen Künstlervereinigungsverein zu finden, war die Vorstellung die eines hierarchielosen Körpers. Aus dem Kneten heraus entstand die Einsicht, dass es so etwas wie ein Körperwissen gibt, aus dem Einsichten generiert werden können. Es ist so, als würde der Kör-per das wissen. Die Keramiken durchlaufen, wie die Bilder, viele Prozesse und Schritte, manche werden bis zu viermal zerschlagen, neu glasiert, und gebrannt. Ihre keramischen Skulpturen sind nicht für einmal so gemacht. Die Keramiken heißen Geben, Echokammer, Gegenwart und … Dort beeinflussen sich Malerei, Glasur, Farbe, Gegenstand. Sie werden zum Schauplatz einer Zusammenschau, die sich bis hin zur Frage bewegt, „Hat unser Sprechen Inhalt?“ so der vierte Keramiktitel … Wer könnte das heute hier sagen …

Der Bachmann folgend müsste man eher verzweifeln über die relative Untauglichkeit und das Nicht-Gelingen sprachlicher Interaktion. Die Keramik, die eher dem Weiblichen zugeschriebenes Handwerk ist, die trotz aller Archaik etwas Wüstes, Komisches, Dunkles hat, etwas, das sich in diesem vorliegenden Werk den traditionellen Formgebungen entzieht. Es interessiert sie mehr die Form, die über das Tun mit den Händen entsteht.

Das Ultramarinblau, überseeisch, über das Meer …

In der Ausstellung wird handschriftlicher Text in den Bildern hier in der Fläche weniger, nicht jedoch in der Beschäftigung. Das Blau, das Ultramarinblau, überseeisch, über das Meer, hat eine gewisse Symbolkraft, kunst-geschichtlich. Die früher zur Pigmentherstellung verwendeten Mineralien wurden „über das Meer“ nach Europa importiert, Die besten Lapislazuli Sorten kamen im Mittelalter aus Afghanistan über Venedig nach Europa. So entstand der Name azurro ultramarine, was so viel bedeutet wie „Das Blau von jenseits des Meeres“. Kulturgeschichtlich war es zunächst, bis ins Mittelalter, die Farbe der Frauen, dann die der Männer, ab der Renaissance, dann war es das Yves-Klein-Blau.  Die Zuordnung wechselt symbolisch mit der Bedeutung und dem Stellenwert der Vernunft. Luce Irigaray,  eine französische feministische Psychoanalytikerin und Kulturtheoretikerin, schreibt in „Speculum, Spiegel des anderen Geschlechts“ und „Das Geschlecht, das nicht eins ist“ über diesen Wechsel in der Bedeutung des Blau. Der Wechsel von Weiblich zu Männlich. Hier bei Veronika Dirnhofer taucht es auf in der Diskussion mit Mittelmeer, Grenzen, aufgeladen mit allen möglichen Symboliken.

„Pluralität garantiert Freiheit“ ist ein offen gelegtes Selbstverständnis der Künstlerin, dass Verschiedenheiten Dynamiken erzeugen und Projekte mehr Aussicht auf Gelingen haben, wenn Frauen und Männer sich mit einem Thema beschäftigen. Das killende Element schlechthin ist die Macht, die alles zerstört. Aus Eifersüchten und –süchteleien, aus Konkurrenz und Weiß-der-Gucker-was. Das Hierarchielose, wie es in ihren Keramikskulpturen dargestellt ist, „garantiert Freiheit“. Es geht hier um Machtstrukturen, um die Frage, wie Macht entsteht, wer die Definitionsmacht besitzt, sie an sich nimmt. Sehr viele sind ausgeschlossen von diesen Definitionen. Asylwerber, Migranten, Menschen auf der Flucht.

Es ist eine menschliche Krise, keine Flüchtlingskrise

In der Einleitung zu seiner Ausstellung mit dem Titel „Das Gesetz  der Reise“ 2017 im Prager Nationalmuseum schreibt Ai Weiwei: „Es gibt keine Flüchtlingskrise, sondern nur eine menschliche Krise. Im Umgang mit Flüchtlingen haben wir unsere Grundwerte verloren.“ Allein in Syrien gibt es nach Berichten der Vereinten Nationen mehr als sechs Millionen Vertriebene innerhalb Syriens und 4,8 Millionen Flüchtlinge außerhalb Syriens. Fast 500.000 Syrer wurden bei dem Konflikt in diesem Land getötet. Wird diese Ausstellung irgendetwas an dem Leid ändern? Nein. Im besten Falle schärft sie das Bewusstsein der Besucher.- Zur Berlinale 2016 verkleidete Ai Weiwei die Säulen des Konzerthauses am Berliner Gendarmenmarkt mit Schwimmwesten, die als Mahnmal für die tausenden im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge hingen.2016 war der Künstler auf der griechischen Insel Idomeni und sammelte gestrandete Schwimmwesten, Rucksäcke und Kleidungsstücke ertrunkener Flüchtlinge, die versucht hatten nach Europa zu kommen. Kunst kann die politischen Fragen nicht lösen, aber sie kann, neben zahlreichen anderen Funktionen auf die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Fragen und Widersprüche hinweisen, offen und direkt oder verschlüsselt und indirekt.

 

Galerie Arthouse Bregenz

Mo - Fr 14 - 18, Sa 10 - 12
Römerstr. 11
6900 Bregenz
+43 (0) 5574 54 1 92
http://www.arthouse.at
arthouse.alber@aon.at

 

Veronika Dirnhofer in der Galerie Arthouse in Bregenz (alle Fotos © Veronika Dirnhofer)

Veronika Dirnhofer in der Galerie Arthouse in Bregenz (alle Fotos © Veronika Dirnhofer)

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  • Veronika Dirnhofer in der Galerie Arthouse in Bregenz (alle Fotos © Veronika Dirnhofer) Veronika Dirnhofer in der Galerie Arthouse in Bregenz (alle Fotos © Veronika Dirnhofer)
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