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17.05.2018 |  Karlheinz Pichler

Vom Himmel aus durch die Hölle und weiter in Richtung Eden - Stoph Sauter solo im Engländerbau und mit Freunden im Küefer-Martis-Huus

Ursprünglich wollte der aus Dornbirn stammende Künstler Stoph Sauter den Vaduzer Engländerbau eigentlich für eine Gruppenausstellung nutzen. Davon kam er jedoch ab und nimmt den groß dimensionierten Saal nun für sich allein in Beschlag, um unter dem Titel „FAST SCHNELL“ ein Projekt zu realisieren, das er schon lange als Vision mit sich herumgetragen hat. Als „Entschädigung“ für seine bereits eingeladenen Künstlerkollegen gibt es parallel dazu die Gruppenschau „1&0“ im Küefer-Martis-Huus in Ruggell.

Vor der Eingangstür zum riesigen Ausstellungsraum des Engländerbaus hat Stoph Sauter den vielsprechenden Schriftzug „HimMEL“ angebracht. Betritt man den Saal, so wähnt man sich für den ersten Moment aber geradezu im Gegenteil, in der Hölle. Denn der komplette Raum erscheint zunächst als eine in ein tiefes Rot gesetzte Sphäre, durch die man sich bewegen muss. Ein Höllenraum, der von Lichtpunkten, die durch Laser erzeugt und rotierenden Spiegel beschleunigt werden, wie von Sternschnuppen durchschossen wird. Sauter, ein ehemaliger Schüler von Peter Weibel an der Angewandten in Wien, betitelt die Ausstellung mit „FAST SCHNELL“ und bringt damit von Beginn weg sein Spiel mit der Doppelbödigkeit von Begrifflichkeiten ins Spiel. Denn bei „FAST“ könnte es sich zum einen um die englische Übersetzung von „schnell“ handeln, oder man könnte darunter „beinahe“ verstehen, also „beinahe schnell“.

Die Modellierung von Bildsprache  

In der Folge empfiehlt es sich dann auch, eher langsam den Raum zu durchschreiten, ansonsten könnte man sehr leicht die sehr sensibel Rot-in-Rot eingepflegten anderen Wortexperimente übersehen. Etwa „ALLES VERGEBLICH“, „NOTHING CHANGES“, "WAHR NICHT WAHR“ oder „STAUB UND IMMER WIEDERKEHREN“. Solche „Sprachbilder“ tauchen aus dem Nichts auf und verschwinden wieder im Nichts. Dazu muss man festhalten, dass für den Künstler Sprache und Wörter in den letzten Jahren zum primären kontextuellen Arbeitsmedium geworden sind.
Die Modellierung von Bildsprache geht bei Stoph Sauter einher mit Untersuchungen über Begriffe zu Raum, Zeit, Endlichkeit, Energetik und vor allem zur menschlichen Existenz. Die Identität eines Wortes, eines Gegenstandes, eines Zeichens wird von ihm permanent in Frage gestellt. Die Bedeutungen kippen genau in dem Moment, in dem man sich ihrer sicher wähnt. Etwas kann gleichzeitig sein Gegenteil oder überhaupt etwas völlig anderes meinen. Solcherart gelingt es dem Dornbirner auch immer wieder, die Betrachter zu irritieren und vor den Kopf zu stoßen. Nicht zuletzt werden dadurch auch die allgemeinen Konventionen des Verhaltens und Betrachtens ad absurdum geführt. Die diskursive Auseinandersetzung mit Oberflächlicheit und Tiefgang, oder wie sich der Schein im Sein ausdrückt und umgekehrt, spielt dabei keine unwesentliche Rolle.
Im Begleittext zur Ausstellung liest man, dass es eine Idee der Ausstellung auch sei, „für die Besucher eine Maison de Reves zu schaffen, wo Traum und Wirklichkeit sich begegnen.“ Besonders wichtig für Sauter sei dabei das „kontemplative, meditationsartige Element“. Denn bei aller Ratlosigkeit gegenüber den aktuellen Entwicklungen in der Politik sehe er auch „die Notwendigkeit einer Gegenpolarität“.
Der Kunstraum Engländerbau ist aufgrund seiner Größe überaus schwer zu bespielen. Auch wenn Stoph Sauter sich nur auf einige wenige formale Elemente beschränkt, beherrscht er den Raum. Der Saal erscheint in diesem sphärischen Rotlicht wie ein geschlossener Kosmos, der durch die verschiedenen Sprachbildstationen szenische Sequenzen anbietet, an denen der Betrachter verharrt und eigene Betrachtungen anstellen kann.

1&0 macht zehn

Die aktuelle Ausstellung im Küefer-Martis-Huus ist also eine Reaktion auf den Engländerbau. Was dort nicht stattfand, nimmt nun in Ruggell seinen Lauf. Neben Stoph Sauter selbst partizipieren hier noch neun weitere Kunstschaffende, also insgesamt zehn („1&0“). Namentlich Benny Gleeson, Frank Mätzler, Gabriele Bösch, Gernot Bösch, Günter Vallaster, Heide C. Heimböck, Jeff Koons, Jeannette Müller und Rey Zorro. Den kommunikativen Prozess der Zusammenarbeit bezeichnete Sauter im Rahmen der Vernissage als „projektorientiertes Arbeiten im Zwischenraum des Seinszufalls“.
Lockte Sauter im Engländerbau zu Beginn mit dem „HimMEL“, so zieht sich bei der Eingangstür zum Küefer-Martis-Huus auf gelaserten Messinglettern der Schriftzug „FRI EDEN“ um den Balken. Der Garten Eden – ein weiteres Versprechen des Künstlers. Aber auch diesem Versprechen folgt die Relativierung auf dem Fuß. Denn die nächste Arbeit, die dem Betrachter ins Auge fällt, stammt von Frank Mätzler: Eine Skulptur aus Stahl und anderen Materialien mit dem Titel „Vorskulptur zum 6. August 1945“. Das ist das Datum des Abwurfs der ersten Atombombe in Hiroshima.
In der Schlafkammer im Erdgeschoss gibt es dann noch weitere Kostproben von Stoph Sauters Sinn für Zweideutigkeiten. Etwa die lackierte Sitzfläche eines Holzhockers mit dem Aufdruck „SIT ZEN“ oder zwei mit dem Wortzug „schlaFEIN“ bedruckten Leibchen.
Daneben in der Stube setzt Benny Gleeson einen Kontrapunkt zum Herrgottswinkel. Eingraviert in eine Steinplatte präsentiert er die zehn Gebote. Anders als bei Moses aber bestehen Gleesons Gebote nur aus einer sukzessive länger werdenden Abfolge von „Blablas“. Eine weitere Arbeit von ihm, „His Master's Voice“, zeigt eine bekleidete Schaufensterpuppe vor einem „Alexa“-Sprachassistenten kniend. Gleeson verweist auf die immer stärker werdende Abhängigkeit von digitalen Geräten.
Heide C. Heimböck wiederum erinnert sich in ihrer Installation „... als ich noch dein gutes Kind war“ im Dachgeschoss an Werte zwischen Staub und Bettlaub, während bei Günter Vallasters Arbeiten die Sprache mindestens drei Seiten hat und unter anderem Google und Youtube auf die Schippe nimmt.
Jeanette Müller thematisiert mit „Manna“ und anderen Beiträgen die Heraus- und Überforderungen der heutigen Medien- und Informationsgesellschaft sowie den Mangel und den Überfluss. Jeff Koons, bei dem es sich nicht um den berühmten Koons handelt, der auch einmal im Kunsthaus Bregenz ausgestellt hat, sondern um ein „Alias“, den Stoph Sauter aus dem Facebook herausgepickt hat, stellt mit zwei kleinen Gemälden die Frage nach dem Wir. Die New Yorker Multimedia Künstlerin Rey Zorro hingegen steuert ein Stück aus ihrem ironischen “Dis Installation Art-Project“ bei.
Als geschlossene Ausstellung in der Ausstellung wirken die Beiträge von Gabriele und Gernot Bösch im räumlich vom Haupthaus abgetrennten „Kulturtenn“. Neben einer stark abstrahierten Figur („Die Greisin") aus Nussbaum aus Marbach präsentiert Gabriele Bösch eine Serie von akribisch mit Eisengallustinte auf Kalligraphiepapier gesetzten Schriftzeichen, zu der sie nicht zuletzt durch den Umgang mit einer dementen, alten Frau motiviert wurde. Mit „Lied der Greisin...“ beginnen denn auch die meisten Titel dieser Arbeiten. Auf einem Begleittext zur Ausstellung ist zu lesen, Gabriele Bösch "schreibzeichnet das lautere Hören einer Greisin."
In einer Art Vis-a-Vis zu diesen Zeichnungen zeigt Gernot Bösch zehn Skulpturen aus Stahl sowie ein Plakat, die sich formal mit der „Evolution von Omega“, dem 24. und letzten Buchstaben des grieschischen Alphabetes beschäftigen.

Übrigens ist das Küefer-Martis-Huus laut dem Leiter Johannes Inama bereits 1730 erbaut worden. Durch verschiedene Renovierungsetappen stehen ganz alte Teile neben neuen. Das Haus soll nicht nur ein Heimatmuseum sein, das sich verlorengegangenen Traditionen und Lebenswelten widmet, sondern Geschichte und Gegenwart, Lokales und Internationales miteinander verbinden. Auch aktuellen Fragen, die in der heutigen gesellschaftlichen Debatte eine zentrale Rolle spielen, werde entsprechend Raum gewidmet, so Inama. Und was die bildende Kunst betreffe, so sei es das Besondere an diesem Haus, dass die Räume die Kunstwerke in einen direkten menschlichen Kontext stellen. „Sie begegnen einem als sprechendes Gegenüber auf Augenhöhe“, im Unterschied etwa zu den klassischen Galerien und Ausstellungshäusern.

Stoph Sauter: FAST SCHNELL
Kunstraum Engländerbau, Vaduz
bis 3.6.
Mo-So 13-17, Di 13-20
www.kunstraum.li


1&0
Küefer-Martis-Huus, Ruggell
Benny Gleeson, Gabriele Bösch, Gernot Bösch,
Heide C. Heimböck, Jeff Koons, Jeanette Müller,
Stoph Sauter, Rey Zorro

bis 10.6.
Fr, Sa, So 14-17

Stoph Sauter: FAST SCHNELL - Blick in die Ausstellung (Fotos: Karlheinz Pichler)

Stoph Sauter: FAST SCHNELL - Blick in die Ausstellung (Fotos: Karlheinz Pichler)

Stoph Sauter: Point of View (2013/2018, 65 x 17 cm)

Stoph Sauter: Point of View (2013/2018, 65 x 17 cm)

Stoph Sauter: NO, MORE (2016, 17 x 4 cm)

Stoph Sauter: NO, MORE (2016, 17 x 4 cm)

Gabriele Bösch: Lied der Greisin in der Trockenzeit (Eisengallustinte, Spitzfeder, Kalligraphiepapier Hahnemühle)

Gabriele Bösch: Lied der Greisin in der Trockenzeit (Eisengallustinte, Spitzfeder, Kalligraphiepapier Hahnemühle)

Gernot Bösch: Evolution von Omega (Stahlskulptur)

Gernot Bösch: Evolution von Omega (Stahlskulptur)

Stoph Sauter: FRI EDEN (Messingbuchstaben gelasert)

Stoph Sauter: FRI EDEN (Messingbuchstaben gelasert)

Günter Vallaster: AB_YZ (Pigmentdruck auf Dibond)

Günter Vallaster: AB_YZ (Pigmentdruck auf Dibond)

Benny Gleeson: His Master's Voice (Schaufensterpuppe und Alexa)

Benny Gleeson: His Master's Voice (Schaufensterpuppe und Alexa)

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Bilder
  • Stoph Sauter: FAST SCHNELL - Blick in die Ausstellung (Fotos: Karlheinz Pichler) Stoph Sauter: FAST SCHNELL - Blick in die Ausstellung (Fotos: Karlheinz Pichler)
  • Stoph Sauter: Point of View (2013/2018, 65 x 17 cm) Stoph Sauter: Point of View (2013/2018, 65 x 17 cm)
  • Stoph Sauter: NO, MORE (2016, 17 x 4 cm) Stoph Sauter: NO, MORE (2016, 17 x 4 cm)
  • Gabriele Bösch: Lied der Greisin in der Trockenzeit (Eisengallustinte, Spitzfeder, Kalligraphiepapier Hahnemühle) Gabriele Bösch: Lied der Greisin in der Trockenzeit (Eisengallustinte, Spitzfeder, Kalligraphiepapier Hahnemühle)
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