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26.01.2016 |  Christina Porod

Paul Grüninger-Portrait von Rebecca Marent in der „Galerie der Aufrechten“

In Weingarten bei Ravensburg wird kommenden Freitag (29.1.16) die „Galerie der Aufrechten“ eröffnet, die von der NS Dokumentation Oberschwaben betrieben wird. Die Galerie zeigt Portraits von Menschen, die während des NS-Regimes Widerstand geleistet haben. Die Grüne Bildungswerkstatt Vorarlberg hat für die Ausstellung ein Portrait von Paul Grüninger in Auftrag gegeben, das von der in Bremen lebenden Vorarlberger Künstlerin Rebecca Marent ausgeführt wurde. „Die Geschichte von ihm hat mich tief bewegt und mich mit Staunen hinterlassen, dass es oft so lange dauern kann, bis einem Menschen die Anerkennung zuteil kommt, die er verdient“, so Marent. Grüninger hat rund 3600 Menschen das Leben gerettet. Diese Menschen hat die Künstlerin auf der Leinwand mittels blauer Punkte symbolisch dargestellt.

Kuratorin Kirsten Helfrich (Kunsthaus Bregenz) hat im Auftrag der Grünen Bildungswerkstatt die Arbeit der Künstlerin begleitet und beschreibt deren Intentionen im folgenden Text:

Kirsten Helfrich: Zum Portrait Paul Grüninger von Rebecca Marent

Der einstige St. Galler Polizeikommandant Paul Grüninger (1891–1972) rettete in den Jahren 1938/39 mehrere tausend jüdische Flüchtlinge vor der national-sozialistischen Verfolgung und Vernichtung. Trotz schweizerischer Grenzsperre nahm er sie im Kanton St. Gallen auf, missachtete die Weisungen des Bundes und übertrat Gesetze, um die Flüchtlinge zu schützen. Die Deutschen setzten die Schweizer Behörden von Grüningers Taten in Kenntnis, und im März 1939 wurde er aus dem Polizeidienst entlassen. Leistungsansprüche wurden ihm entzogen, und er wurde wegen illegaler Genehmigung der Einreise von 3600 Juden in die Schweiz und Fälschung ihrer Meldepapiere vor Gericht gestellt. Grüninger wurde im März 1941 für schuldig gesprochen, seine Amtspflicht verletzt zu haben. Er verlor seine Altersversorgung, wurde mit einer Geldstrafe belegt und musste die Kosten des Gerichtsverfahrens übernehmen.
Verfemt und vergessen, verbrachte Grüninger den Rest seines Lebens unter schwierigen Umständen. Dennoch bereute er nie seinen Einsatz: „Es ging darum, Menschen zu retten, die vom Tod bedroht waren. Wie hätte ich mich unter diesen Umständen um bürokratische Erwägungen und Berechnungen kümmern können?“
Erst nach seinem Tod wurden Schritte zu seiner Rehabilitierung unternommen und 1995 hob die Schweizer Regierung das Urteil gegen Grüninger endgültig auf.

Die Malerin Rebecca Marent beschäftigte bei der Konzeption ihres Portraits besonders, das Grüninger zu Lebzeiten wenig bis keine Anerkennung für seine mutigen Handlungen erfuhr und wie diese Ignoranz seines Umfeldes ihn als Mensch und seinen Weg prägte. Das ganze Leben lang musste Grüninger für seine großartigen Taten unter psychischen und finanziellen Entbehrungen leiden. Umso erstaunlicher, dass er deshalb nicht verbittert wurde, sondern immer wieder behauptete jederzeit wieder das gleiche zu tun. Rebecca Marent nimmt diesen Aspekt in ihrem Portrait, welches den älteren Paul Grüninger zeigt, auf. Sie stellt ihn mit einem Blick, der einerseits mit Traurigkeit und Melancholie am Betrachter vorbeischaut, andererseits aber gepaart ist mit einer starken inneren Zufriedenheit das Richtige getan zu haben, dar. Der Bildhintergrund ist abstrakt gehalten, ein immer wiederkehrendes Element in den Malereien von Marent. Dadurch wird der Fokus auf den Portraitierten gelegt und dieser aus einem konkreten räumlichen Umfeld genommen. Die expressive Handschrift und die starken Rottöne visualisieren ein bewegtes Leben ohne gegenständliche Details zu verraten. Als finale Ebene legt Rebecca Marent 3600 Punkte über die Leinwand – einen für jedes Menschenleben das durch Paul Grüninger gerettet wurde.
Angesichts unserer aktuellen politischen Lage – der nicht endenden Flüchtlingsströme und der daraus resultierenden rechtspopulistischen Stimmung – ist die Erinnerung an Menschen welche trotz aller Gefahren und ungeachtet persönlicher Entbehrungen während des Nationalsozialismus Wiederstand gegen das System geleistet haben umso wichtiger. Dem Beamten Paul Grüninger ging es nicht mehr um das Befolgen von Gesetzen und Regeln -  sondern um jedes einzelne Menschenleben das er retten konnte.

Rebecca Marent wurde 1984 in Schruns/Österreich geboren, seit 2004 lebt und arbeitet sie in Bremen/Deutschland. Ihre künstlerische Ausbildung absolvierte sie in der Klasse Robert van de Laar im Rahmen des Studium der Kunsttherapie in Ottersberg/Deutschland

 

Galerie der Aufrechten

Eröffnung: 19.1., 14.30 Uhr
29.1. -15.2.16

Exponate von: Horst Bodemann, Marlis Glaser, Clemens Hövelborn, Mechthild Mansel, Rebecca Marent, Nikolaus Mohr, Sigrun Schleheck, Dominik Zehle

Portraits von: Naphtali Berlinger, Eugen Bolz, Dietrich Bonhoeffer, Alfred Delp, Hans David Elkan, Georg Elser, Fridolin Endraß, Willi Graf, Paul Grüninger, Kurt Hahn, Kurt Huber, Franz Klauser, Hans Conrad Leipelt, Hermann Levinger, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Hans Scholl, Sophie Scholl, Edith Stein.

Tagungshaus der Kath. Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
88250 Weingarten, Kirchplatz 2

http://www.allmende.at/Galerie_der_Auftrechten.html
www.paul-grueninger.ch

Rebecca Marent, Paul Grüninger

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