Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

10.11.2017 |  Peter Niedermair

Gernot Bösch „sagen wir, ich sei eine biene“ - Der Künstler zeigt „Florale Diamanten“ in der Feldkircher Wexelstube

Der in Hohenems lebende Künstler Gernot Bösch zeigt derzeit noch bis zum 19. November 2017 in der Feldkircher Wexelstube, „Florale Diamanten“. Grundidee für seine Bilder und Skulpturen sind platonische Körper, im Wesentlichen Tetraeder und Hexaeder, aus denen er am Aufbau von Blüten orientierte Skulpturen entwickelt. Diese mikroskopischen Perspektiven, die vergrößert an monumentale Bauten erinnern, sind, wie Bösch das nennt, „schlicht Schatullen für besonderes Licht“. Und weiter: „Inspiriert von diesem besonderen Licht, das hinter seinen Widerstand (Bestandteile der Blüten) Schatten zeichnet, entstehen bunte, dynamisch-drollige Malereien, die meine kristallorganische Betrachtung der Welt vertiefen.“ Die letzten drei Zeilen dieses Textes stehen am Ende des Gesprächs, das Gernot Bösch mit Peter Niedermair für die KULTUR am Tag nach der Eröffnung führte.

Peter Niedermair: Wie ist das mit Deinen Bildern und Titeln …
Gernot Bösch: Ich hätte nachträglich schon noch einmal eintauchen können in die Bilder, von denen ich unzählig viele habe; und weil es so viele sind, mach ich mir nicht die Mühe, einem Bild einen Titel zu geben. Manchmal kommen Titel mit, das ist klar, und manchmal kommt mit einem Bild während des Zeichnens auch eine Fülle an Informationen mit dazu, die aufzuschreiben vielleicht interessant wären. Aber ich mache das nicht. Später bereue ich es oft, weil es eigentlich sehr schön ist, wenn ein Bild mit einem eigenen Text daherkommt …
Niedermair: Schreibst Du parallel zu Deinen Bildern, Reflexionen, wie in einem experimentellen Laborraum?
Bösch: Ich Wenn ich am Computer sitze, schreibe ich etwas dazu oder wenn ich gerade am Zeichnen bin, bilde ich mitunter einen Satz, oder zwei, schreibe sie auf das Bild, wenn ich merke, dass sie Bestandteil des Bildes sind, eine essentielle Information. Manchmal auch erst nachher, zuerst sieht man alles auf einer Handzeichnung.
Niedermair: Wie fängst Du an? Du beginnst mit einer Skizze …

Wie es beginnt

Bösch:
Ich … Ja, mit einer Skizze, eigentlich meistens; früher habe ich viel mit Kuli gezeichnet, vom Bleistift bin ich bald einmal abgekommen. In letzter Zeit habe ich viel mit Fineliner gezeichnet und am Computer weiter gearbeitet. Dann kann es schon sein, dass ich, während ich weiter arbeite, tief ins Bild hineinkomme und noch einmal Informationen auftauchen. Dann schreibe ich auch ein paar Sätze dazu, und es ist abgelegt.
Niedermair: Wo beginnt bei Dir dieses Schöpfen aus dem Kosmos so vieler Ideen, aus dieser Fülle? Ich habe über längere Zeit hinweg Arbeiten von Dir in Eurem Haus in Hohenems gesehen, Gabi hat wiederholt mit ihrer Hand hingezeigt, auf Deine Kunst hingewiesen, und ich habe wiederholt bei mir selbst gedacht, Menschenskind, das wäre doch was, wenn Gernot damit etwas macht, eine Ausstellung, oder so etwas, die Frage war, warum sieht man nichts von Gernots Kunst …
Bösch: … ja, das ist eine gute Frage …
Niedermair: … Was hat Dich davon abgehalten, so lange zu warten? Oder, noch einmal anders gefragt, was war es denn jetzt, dass Du Deine Kunst hier in der Wexelstube ausstellst?
Bösch: Ich denke, dass sich da etwas verlagert hat, erstens die Intensität des Zeichnens und dass die Phasen länger werden, intensiver. Und wenn sie nicht länger sind, sind sie umso intensiver. Immer wieder sind diese intensiven Phasen aufgetaucht, zwei Monate, drei Monate. Dann wiederum kann es sein, dass ich ein Jahr gar nicht viel skizziere und mehr am Computer bin. Ich mache die Dinge nie gleichzeitig nebeneinander, entweder ich skizziere viel am Blatt oder ich sitze wochenlang am Computer.
Niedermair: Ist es etwas Klassisches, wie es für die Sprache der Architektur auch bekannt ist, dass man auf ein Blatt einen Entwurf zeichnet, mit Farben hineinschraffiert … wie entstehen die Ideen für Deine Zeichnungen?

„ich träumte, architekt zu sein. / und baute blumen“

Bösch:
Solange ich in der Architektur war, war ich immer auch in diesem architektonischen Denken, in diesem konstruierenden Modus, in diesem erschaffenden Denken mit gelernten Zugängen. Doch diese halten mich eigentlich ab. Ich kann dann zwar solche Dinge erschaffen wie diese Skulpturen hier, aber sie halten mich davon ab, dass absolut frische Dinge, unbenannte und unbekannte Dinge hervorkommen.
Niedermair: Heißt das, dass die Sprache der Architektur, deren Arbeitsstilistik oder –methodik, wie immer man das nennen möchte, schon ein gewisses Denken oder eine Form der Kreativität in eine bestimmte Richtung grundlegt, die wiederum Grenzen bedeuten?
Bösch: Ja, das ist genau so, wie Du sagst. Ich hatte ja den Vorteil, dass ich nicht in eine HTL gegangen bin, sondern in eine HAK. Während des Studiums der Architektur hat man bei all den Entwürfen gut gesehen, welche Studenten aus der HTL kommen und welche aus einer AHS. Bereits dort sieht man die Prägungen aus der Mittelschule, und die (Schülerinnen und Schüler) kommen aus dieser Schiene dann gar nicht mehr heraus. Es bräuchte wahrscheinlich einen großen Befreiungsschlag, aus diesen Denkmustern, aus dieser angelernten Art auszubrechen. Die Lehrer zeigen dir, so und so ist zu konstruieren, so musst du den Weg wählen, das sind die begrenzenden Einwirkungen, bereits wenn man an die Uni kommt, dann ist es schon kaum mehr möglich davon wegzukommen.
Niedermair: Du hast Architektur studiert und den Beruf auch ausgeübt.
Bösch: Ja, aber nicht sehr lange, ich bin dann hier eingetaucht und habe gemerkt, das war eigentlich eine gute Schule …
Niedermair: Als ich die Einladungskarte zu Deiner Ausstellung in den Händen hielt, dachte ich mir, wie kommt denn eigentlich die Poesie in Gernots Kunst? Ich finde, es sind sehr poetische Bilder, auch das Figürliche, die Motive, wenn man sie als solche bezeichnen möchte. Das sieht auf den langen ersten Blick alles sehr leicht aus, es sind Fliegengebilde, wie diese Pusteblumen im Frühjahr auf der Wiese, wenn die Fallschirme durch ein Lüftchen bewegt über dem Boden dahinschweben, oder wenn Kinder diese Flugschirme wegblasen und ob dieses Schauspiels in Verzückung geraten. Diese Poesie ist auch eine partnerschaftliche in der Nähe von Gabis (Gabi Bösch) Zeichnungen, diese fliegenden Samen, die hier in der Wexelstube vor etwa einem Jahr ausgestellt waren, ein fliegender Kosmos …
Bösch: … Ich weiß von der Poesie, aber wie sie zustande kommt, weiß ich eigentlich nicht. Ich empfinde diese Leichtigkeit auch manchmal, ich genieße sie … die Zeichnungen sind auch sehr vielschichtig, diese Zeichenphasen, das geht weit zurück, die erste hatte ich, glaube ich, 2002, da bin ich sehr in diese florale Formenwelt eingetaucht, da sind Bilder entstanden, und

… die Welten begannen sich zu verschmelzen …

Niedermair: … welche Welten meinst Du jetzt spezifisch?  
Bösch: Ich spreche immer von den vier Reichen, die es auf diesem Planeten gibt- Wenn man den Planeten zusammenfasst, gibt es vier Reiche. Das Menschenreich, das Tierreich, das Pflanzenreich und das Mineralreich. Mehr finden wir nicht. Doch das ist so vielfältig grenzenlos, das ist eh schon ausreichend genug. Nimmt man eines weg, so sterben die anderen. Das ist ganz klar. Die erste Zeichenphase begann in der floralen und in der Tierwelt, es geht dabei vor allem um Verschmelzungen von Bewegungen, die von einem Reich ins andere wechseln. Oder überhaupt sich verformen, sich transformieren; ein Leben gleichzeitig in zwei Reichen, wie der Minotaurus, das Tier und der Mensch, das hat mich seither total beschäftigt. Was jetzt intensiver geworden ist, sind die anderen Reiche, die dazugekommen sind. Das Mineralreich, das hier in der Ausstellung auftaucht, diese Kristalle, die immer die Basis allen Lebens sind, aber jetzt in dieser größeren Form in die Skulptur und hier mehr Ausdruck gefunden haben; das sind sehr harte kristalline Formen. Auf den Bildern hier sieht alles nach sehr weichen Formen aus, eigentlich sehr weiblichen Formen, wie gestern bei der Ausstellungseröffnung eine junge Frau sagte. Das Pendant zu den weichen Formen in den Bildern ist die männliche Schiene, das Kantige, die Skulptur, das Schwert, der Spitz, die Schärfe und die Expressivität dieser Dynamik. Und dennoch erfahre ich beides als gleich. Das ist für mich sehr interessant.
Niedermair: Nämlich wie?
Bösch: Ob weich, ob hart in der Form, ob scharf in der Form, ob das eine harte skulpturale Erscheinung oder noch ein Klumpen, ein Lehmbatzen ist, ist eigentlich immer dasselbe. Es ist nur jeweils eine andere Erscheinung. Deshalb habe ich hier zwei grundsätzlich verschiedene Dinge gemacht, die jedoch genau dasselbe sind. Es war mir wichtig, Bild und Skulptur miteinander in Beziehung zu setzen. Von der Arbeit her gesehen, war es fast zu umfassend. Ich hatte eine sehr intensive Zeit, vom ersten April bis jetzt kurz vor der Ausstellung war ich jeden Tag dran.

Alles existiert miteinander in einem Kosmos

Niedermair:
Du betonst diese „Beides in Einem“, die sich polar anziehen und miteinander verschmelzen. Sprachlich gesehen, kann man nur nacheinander das Eine und das Andere miteinander verknüpfen oder darstellen, auch wenn es gleichzeitig geschieht. Wenn das alles in einem Kosmos, einem großen Universum existiert, miteinander, nicht nebeneinander, gibt es Impulse, Ausgangspunkte, Energien, die mit Chairos den Anstoß geben loszulegen? Was passiert, wenn du eine Skizze machst, die große Frage, eine der vielen, was passiert in dem Moment, wenn Du vor dem weißen Blatt bist?
Bösch: Wenn es Arbeit ist, würde ich sagen, die Arbeit - wenn es mir gelingt - ist mich freizumachen für das weiße Blatt. Oft wenn ich von der Blüte spreche, bezeichne ich diesen Raum als Innenraum, als stillen Raum, und das ist vielleicht das Bezeichnendste: Wir können uns überhaupt nicht vorstellen, wie still es sein kann. Zwischen Stille und Stille gibt es grundlegende Unterschiede. Wenn es also sehr, sehr still wird, dann kommt der Strich, und dann schaue ich eigentlich zu.
Niedermair: Du schaust zu, wie es entsteht.
Bösch: Dann spüre ich den Strich, nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Hand. Dann kenne ich die Zukunft des Strichs, dann weiß ich, wo der Strich hingeht. Aber ich mache es nicht mit dem Kopf. Die Übung besteht darin, still zu sein und nicht etwas zu sehen, was ich dann abbilde. Ich mache keine Fotographie von irgendeiner Vorstellung.

Die Stille

Niedermair: Es entsteht … es kommt in eine visuelle Sprache.
Bösch: Ja, es entsteht, und das war lange Zeit eigentlich das Training. Dabei bin ich dann immer überrascht, weil die Ergebnisse äußerst unterschiedlich sind. Ich habe hier in der Ausstellung ja nur ein florales Thema …
Niedermair: Und für Deine künstlerische Produktion im Ganzen gesehen eine Miniausstellung …
Bösch: … ja, das hier ist ganz wenig, ein kleiner Ausschnitt des floralen Themas. Ich kenne sehr viel aus dieser Welt, das ich zur Verfügung habe. Das mit den Farben …das ist alles schon ewig lang angestanden.
Niedermair: Mit den Farben … Den Strich lässt du entstehen … und dann kommen die Farben …
Bösch: Da kommt eine Menge an Zusatzinformationen, oft die Größe, die Farbe, was es in etwa ist oder was es genau ist, manchmal nur ein Schimmer davon, was es sein könnte. Während dieses Entstehens ist dann oft schon ganz klar, dass etwas groß sein muss. Das hab ich dann aber nie groß gemacht. Zunächst ist da dieser Strich des Aufnehmens; und dann gibt es die Übersetzung dazu, der Prozess der Transformation in eine andere Größe.
Niedermair: Machst Du das am Computer, wie kann man sich dieses Transponieren vorstellen?
Bösch: Ja, ich gehe dann wieder dort hinein, bleibe aber oft recht streng an der Zeichnung. Als Architekt würde ich das extrem geometrisieren. Das mach ich hier nicht. Sondern die Hand, die Verflachungen an den Rundungen, als Geometriker würde ich sagen, dass der Bogen natürlich weiter unten verlaufen müsste. Aber es gibt eine Quetschung, und es ist mir wichtig, dass diese Quetschung im Bild bleibt, nicht dass ich nur wieder schöne Bögen mache, sondern dass diese Verformungen, die da immer wieder auftauchen, sichtbar bleiben.
Niedermair: Wobei es auch noch andere Brüche gibt.

Auf der Suche nach der eigenen Form

Bösch:
Wenn ich diese Formen in Architektur übersetzen würde, dann mache ich hier einen Kreis. Mir ist wichtig, dass die Hand drinnen ist, diese Bewegung, weil all diese Klumpen sich ständig verformen und verändern. Die sind immer auf der Suche nach der eigenen Form.
Niedermair: Das heißt, Du gibst dem Floralen noch eine Bewegung, Du greifst ein in diese Gestalt, intervenierst in dieser scheinbar auf den ersten Blick harmonischen Konstruktion, gehst in dieses Gebilde hinein.
Bösch: Ich sehe das geometrisierte Bild immer sofort. Doch die Ungleichgewichte, diese Anzeichen an Bewegungen, die drinnen stecken, entferne ich garantiert nicht. Es geht um die Veränderung der Form. Man sieht - nicht immer sofort - die Form ist ständig in Veränderung. Man sieht hier das große Aufbrechen, wodurch diese vielen Schichten noch einmal mehr Tiefe bekommen. Damit hat es auch einen sehr räumlichen Aspekt. Hier gibt es Anzeichen von Aufbrechen und Ausdehnen, aber nicht von den Bereichen, die sich ständig auch bewegen, dehnen oder strecken, sondern die ideale Form suchen.
Niedermair: Warum heißt die Ausstellung „Florale Diamanten“? Wie kommst Du zu diesem Titel?
Bösch: Das kommt über die Objekte, wobei ich gesagt habe, dass das Bild und das Objekt das Gleiche ist. Der Baustein aller Materie sind die platonischen Körper, die eigene Gesetzmäßigkeiten haben. Das sind die Winkel, die Seiten und die Anzahl der Seiten. Da gibt es nur fünf.
Niedermair: An der Skulptur kann man das sehr schön sehen.

Alles wächst gegen das Licht

Bösch: Der Baustein hier ist eigentlich der Hexaeder. Der Würfel. In der Vollendung hat er hier die Kante. Wir haben überall die gleichen Seiten, die immer gleich groß sind, was beim Rechteck nicht der Fall ist. Und die Winkel, wo sich die Seiten berühren, sind immer dieselben 90 Grad Winkel. Beim Tetraeder ist es anders. Da haben wir das Dreieck, eigentlich vier Dreiecke. Ein Bodendreieck, der Spitz, da kommen die gleiche Anzahl von Seiten mit den gleichen Winkeln zusammen. Das sind die Gesetzmäßigkeiten: Es gibt den Tetraeder, Hexaeder, das Pentagon, Oktaeder, Dodekaeder, Ikosaeder (ein Zwanzigflächner), auch aus lauter Dreiecken aufgebaut. Das ist der komplexeste. Bei der Skulptur beginnt das Aufbrechen, weil es um diesen Prozess von Leben, Sonne, Strom, Energie geht, um die Frage, was diese Verbindung Erde und Sonne ausmacht. Warum wachsen die Dinge, warum brechen sie auf, warum vermehren sie sich ständig? Was ist das für ein Zyklus? Ist das ein ewiger Zyklus? Das ist hier an dieser Skulptur wunderbar dargestellt, weil es eine Endlosschleife ist. Die Stadien des Aufbrechens, von dem ich für die Ausstellung drei ausgewählt habe, transportieren das plakativ. Die eine der beiden anderen ist die geschlossene Kapsel, die Knospe, die am höchsten Punkt aufbricht, ganz der Sonne zugewandt. Das Schwarze, unten, ist der Blütenboden, gleichzeitig der Sockel, der damit eine wunderbare Ergänzung bildet und immer die Vertikale anzeigt. Das meine ich mit Erde, Himmel oder Sonne. Die Ausrichtung ist immer dieselbe. Alles wächst gegen das Licht, ohne Sonnenlicht funktioniert gar nichts. Das ist der erste Moment, wo die Knospe sich öffnet, und die Blätter sich entfalten. Der größte Moment für mich ist, bevor das Welken beginnt. In diesem Moment bricht der Energiefluss zusammen.
Niedermair: So wie ein Baum jetzt im Herbst die Säfte wieder zurück ins Wurzelwerk unter der Erde versiegen lässt.
Bösch: Ja, die Erde nimmt an diesem Punkt die Information der Sonne durch die Blume vollständig auf.
Niedermair: Wie funktionieren die Bilder und die Skulpturen miteinander? Wie korrelieren sie, ist es wie ein Experimentierfeld Deines Denkens, Deiner Empathie, dieses Einfühlen in die Welt, in diese Reiche, wie Du sie bezeichnest?
Bösch: Ja, da ist viel Experimentieren dabei. Die Blüte ist ein wunderbares Symbol und weil das permanent auftaucht, im Kleinen und im Großen, in diesem grün-schwarzen Bild hier in der Ausstellung ist es schon eine sehr kleine Ebene, fast schon auf der viralen, 10 hoch minus 6.
Niedermair: Das ist schon mikroskopisch klein, eigentlich winzig.
Bösch: Die Ebenen sind sehr unterschiedlich, aber auf allen Ebenen wird dasselbe gesehen. Im Großen und im Kleinen jedoch ist es immer dasselbe. Diese große gelbe Blütenkapsel entspricht vielleicht eher dem menschlichen Maßstab.
Niedermair: Interessant ist, wie dieses Bild hier funktioniert …

Wenn die Bedingungen passen und Chairos loslegt

Bösch: Das Wichtigste ist dieser kleine ausgerundete Teil, der Wachstumsknoten am unteren Ende des mittleren Gebildes. Das Bild zeigt verschiedene Stadien an. Und es gibt diese Veränderung. Auch vor dieser schwarzen Leere hinüber in diesen erleuchteten Raum, der sich als blau zeigt. Das wird durch den permanenten Lebensfluss initiiert, durch den grünen Fluss, der dauernd fließt, die Samen aber ständig in Bereitschaft sind. Und erst wenn der Moment passt, die Bedingungen passen, nichts keimt im Winter.
Niedermair: Wenn die Bedingungen passen, Chairos, dann geht’s los.
Bösch: Dann aber expressiv.
Niedermair: Ganz links, der rote Teil in dieser kontrastigen Situation, sieht fast ein bisschen wie ein Schirm aus.
Bösch: Das ist keine Fortführung dieser Samengeschichte, sondern ein weiteres Stadium. Das Blatt, das ähnlich wie die Kapsel aussieht, ist schon über den Baum, über dieses volle Wachstum hinaus.
Niedermair: Dazu fällt mir der Ginkobaum in unserem Garten ein. Als ich damals von NY zurückkam, haben wir einen Ginko gepflanzt, weil auf der 23. Straße so viele dieser Bäume standen. Und heute früh, als ich mit den Enkelkindern im Garten war, haben wir diese Blätter aus dem Gras aufgehoben und zum Trocknen in die Presse gelegt.
Bösch: Das stimmt, dieser Schirm hier, das Blatt, die Kapsel, das kommt dem ganz nahe. Doch für all das, musst Du wissen, habe ich kein Konzept. Ich schaue die Dinge an, und sie verändern sich. Diese Klumpen verändern sich. Und das hat viel mit Einwirkung, mit Berührung zu tun. Hier in der Ausstellung sind Berührungsbilder. Diese Virusgeschichte zum Beispiel. Immer dieses Andocken. Der Informationsaustausch über die Staubgefäße. Sonne und Staubgefäße. Das sieht man hier überall. Die Oberfläche des Virus, das sich verändert. Es versucht ständig, die Umgebung anzudocken. Oder sich zu verändern. Und ist somit in einem permanenten Fluss. Es ist so, wie wir beide hier miteinander reden. Die Dinge beeinflussen sich permanent. Deshalb geht das alles hier so leicht.

… in einem permanenten Fluss

Niedermair: Ja, es ist alles da, man geht es nur anschauen. Und über das Reden richtet man sich das System ein. Die Sprache, die Haut, wie bei vielen Papierarbeiten von Tone Fink, in diesen Sensibilitäten spielt sich das begriffliche Inventar der systemischen Theorie auf der sozialen Ebene ab. Du hast diese Systeme auf der Ebene der künstlerischen Auseinandersetzung beschrieben. In Deiner Kunstsprache entdecke ich analog diese Prinzipien, die Dir als Grundverständnis, als Ausgangsbasis fungieren, Deine Ideen und Gedanken in einem Transformationsprozess zu visualisieren. Das Andocken, das Abstoßen auf der viralen Ebene, die Autopoiesis.
Bösch: Das ist fantastisch, es sind die Prinzipien von plus / minus. Dadurch ist immer auch alles in Veränderung.
Niedermair: Bist Du schon an einem anderen Zyklus dran?
Bösch: Jetzt atme ich mal durch, es gibt eine enorme Fülle, die nur auf die Umsetzung wartet. Und es hängt ganz von der persönlichen Verfassung ab, ob ich mehr in die Skulptur gehe oder in die Zeichnung. Oder ob ich mich nur in den Garten setze. Das ist oft wie Malen. Nur beobachten. Wie ich es für hier, für die Ausstellung geschrieben habe. Aufgezeichnet und beobachtet.


Auf der Einladungskarte zur Ausstellung hat Gernot Bösch auch noch geschrieben:
„Der Aufbau des Lebens ist Geometrie.
Der Ausdruck des Lebens ist Komik.
Die Ausrichtung des Lebens ist angewandte Erotik.“

                                                                                                                 


Gernot Bösch. „sagen wir, ich sei eine biene“ – Florale Diamanten
Wexelstube
, Mühletorplatz 10, Feldkirch, vis à vis Saumarkt, www.wexelstube.at
Öffnungszeiten: Fr 10.11. 14-22h / Sa 11.11. 14-22h / So 12.11. 10-18h / Sa 18.11. 10-18h / So 19.11. 14-18h

 

 

 

Grundidee für die Bilder und Skulpturen von Gernot Bösch sind platonische Körper, im Wesentlichen Tetraeder und Hexaeder, aus denen er am Aufbau von Blüten orientierte Skulpturen entwickelt. © Gernot Bösch

Grundidee für die Bilder und Skulpturen von Gernot Bösch sind platonische Körper, im Wesentlichen Tetraeder und Hexaeder, aus denen er am Aufbau von Blüten orientierte Skulpturen entwickelt. © Gernot Bösch

"... weil es so viele sind, mach ich mir nicht die Mühe, einem Bild einen Titel zu geben", so Gernot Bösch.

"... weil es so viele sind, mach ich mir nicht die Mühe, einem Bild einen Titel zu geben", so Gernot Bösch.

o.T., 2017

o.T., 2017

o.T., 2017

o.T., 2017

o.T., 2017

o.T., 2017

o.T., 2017

o.T., 2017

o.T., 2017

o.T., 2017

o.T., 2017

o.T., 2017

o.T., 2017

o.T., 2017

Artikelaktionen
Newsletter
Erhalten Sie die neuesten Kritiken per E-Mail
(Required)
Bilder
  • Grundidee für die Bilder und Skulpturen von Gernot Bösch sind platonische Körper, im Wesentlichen Tetraeder und Hexaeder, aus denen er am Aufbau von Blüten orientierte Skulpturen entwickelt. © Gernot Bösch Grundidee für die Bilder und Skulpturen von Gernot Bösch sind platonische Körper, im Wesentlichen Tetraeder und Hexaeder, aus denen er am Aufbau von Blüten orientierte Skulpturen entwickelt. © Gernot Bösch
  • "... weil es so viele sind, mach ich mir nicht die Mühe, einem Bild einen Titel zu geben", so Gernot Bösch. "... weil es so viele sind, mach ich mir nicht die Mühe, einem Bild einen Titel zu geben", so Gernot Bösch.
  • o.T., 2017 o.T., 2017
  • o.T., 2017 o.T., 2017
  • o.T., 2017 o.T., 2017
  • o.T., 2017 o.T., 2017
  • o.T., 2017 o.T., 2017
  • o.T., 2017 o.T., 2017
  • o.T., 2017 o.T., 2017