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09.12.2017 |  Peter Niedermair

Hanna Schaich – "a walk down memory lane": Finissage und Performance Hanna Schaich mit Karl Salzmann am Sonntag, 10. Dezember 2017, 18 Uhr, in der Galerie Hollenstein in Lustenau

Hanna Schaichs Arbeit beschäftigt sich mit den Schnittstellen zwischen individueller und kollektiver Erinnerung. Das von ihr bevorzugte Medium Video hat sich im letzten Jahr während ihres Aufenthalts in den USA um die Kunstform der Performance erweitert. Zur Finissage der Ausstellung wird sie gemeinsam mit Karl Salzmann eine Performance mit Sound präsentieren, in der der Ast einer Linde vom Pfänder, ihrem Hausberg, eine besondere Rolle spielt ... Karl Salzmann stammt aus Vorarlberg, er lebt und arbeitet als Sound & Visual Artist und Sound-Wissenschaftler in Wien. Von ihm hat das Land Vorarlberg für die Sammlung im Jahr 2016 eine bedeutende Soundinstallation angekauft, die im Sommer des Vorjahres in der Johanniterkirche in Feldkirch und später in der Galerie allerArt in Bludenz zu sehen war. Mit prozessorientierten und experimentellen Setups entwickelt er Arbeiten, die sich mit der Materialität von Sound und seiner sozialen, kulturellen und metaphorischen Bedeutungsebene auseinandersetzt. Er unterrichtet und forscht in der Abteilung für Kunst & Wissenschaft der Universität für angewandte Kunst in Wien.

Die Performance umfasst einen Teil von Hanna Schaichs Ausstellung. Im Wesentlichen geht es um die Linde, die in zwei Teile geschnitten am Boden liegt. Sie bildet das Epizentrum der künstlerischen Begegnung. Inhaltlich geht es um die Themen Erinnerung und Heimat, denen sich Hanna Schaich mit Videos und Texten nähert. An diesen Fragen dockt Karl Salzmann an; sein Part im Klanginstallativen liegt u.a. darin, den Schauraum der Galerie miteinzubeziehen und den Sound, das klangliche Material, das im Dialog mit dem Baum entsteht, akustisch und nur an manchen Stellen verstärkt mit der Präsenz Hanna Schaichs und ihren Ideen und Impulsen in eine Begegnung zu bringen. Die poetisch erzählerische Ebene in den Videos der Hanna Schaich trifft kongenial auf vorhandene künstlerische Rezeptoren und signale Formen bei Karl Salzmann, die aufeinander bezogen sind und außergewöhnlich leicht und spielerisch miteinander dialogisieren. Die erzählerische Struktur in den Texten der Künstlerin nimmt der Klangkünstler Salzmann auf und spiegelt sie in die Performance hinein.

Das dialogische Ich und die Brücken zur Außenwelt

„Der künstlerischen Arbeit von Hanna Schaich“, schreibt die Kuratorin der Galerie Hollenstein, Claudia Voit, „liegt eine kompromisslose, berührende Offenheit zugrunde. Im Zentrum ihrer Videos, Fotografien und Performances steht die Auseinandersetzung mit ihrem innersten Ich und der Versuch, von hier aus Brücken zur Außenwelt zu schlagen, in einen Dialog mit anderen zu treten. Für ihre Ausstellung in der Galerie Hollenstein – die erste Einzelausstellung der Künstlerin in ihrer Heimat Vorarlberg – konzipierte die Künstlerin eine sehr persönliche Zusammenstellung von Videoarbeiten und Zeichnungen aus den letzten Jahren, die sie kombiniert mit Objekten aus ihrer persönlichen und familiären Geschichte.“

Suche nach Heimat, nach Identität, Sehnsucht und Melancholie durchziehen die Videoarbeiten Hanna Schaichs, die eine aufmerksame Beobachterin ist: Ihr Blick richtet sich auf jene Orte und Städte, an denen sie als international ausstellende und arbeitende Künstlerin Station macht. Auf Menschen und Tiere, denen sie begegnet und die sie ein Stück begleiten, auf Erinnerungen, die sich zu einer Biografie formen. Auf den eigenen Körper als Schnittstelle zwischen dem Ich und der Welt. Der analytische, reduzierte Tonfall, mit dem sie auf sprachlicher Ebene ihre poetischen Bildmotive kontrastiert, schafft Distanz und verstärkt das Gefühl von Einsamkeit und Isolation, das ihr Werk durchdringt.

„Ausgehend vom Autobiografischen suche ich Perspektiven, Bilder und Handlungsanleitungen, die eine künstlerisch übergreifende Faszination ausüben. Diese ermöglichen, eigene Ebenen und eigene Geschichten darin zu sehen und zu finden und so mit den Arbeiten eine Beziehung aufzubauen. Die Arbeiten kreisen um Bedürfnisse und Träume, Hoffnungen und um Strategien, Auswege zu finden aus oftmals monotonen und tristen Lebenswirklichkeiten. Was hält uns? Was hält uns auf? Wofür lohnt es sich zu kämpfen? Welche Sehnsüchte bleiben unerfüllt und wie wahrt man dabei seine Würde?“ - Hanna Schaich

Die Performance

Den Pfänder, Hanna Schaichs Hausberg, den sie so „vor der Nase hat“, muss sie, wie sie gegenüber KULTUR sagt, immer wieder besteigen, in Rondo-artigen Wiederholungen sich die Aura dieses Berges einsaugen. In der Performance zur Finissage taucht auch jener Baum auf, der seit Beginn der Ausstellung im ersten Raum links, in dem auch das Video von „Evelyn“ läuft, am Boden liegt. Dieser Baum wird von den beiden Künstlern mit unterschiedlichen Materialien haptisch und klanglich bearbeitet; dazu spricht Hanna Schaich eigene Texte, in denen sie auf die großen Fragen des Lebens anspielt, es geht um Haltungen, um Bilder und Sehnsüchte, um eine Lebensphilosophie, die zwischen Heimat und Traumwelt oszilliert. Salzmann kreiert Soundlandschaften, Klangwelten aus Geräuschen und Tönen, musikalische Kryptogramme; mit graphischen Scores visualisiert er Elemente der Musik, mit Verfahrensweisen des Soundpainting werden die assoziativ zu einem Teppich gewobenen und aufgetrennten persönlichen und kulturellen Hintergründe interpretiert und hörbar gemacht.

Der Baum als universelles Symbol

Beim Präsentieren der Texte werden die sprachlichen Rhythmen das Klanggewebe verdichten, verwerfen, steuern, während eine differenzierte Poetik das Hörbare für alle Sinne öffnet, nicht um einen kuschelig einlullenden Hörgenuss voranzutreiben, sondern die Spannung, die aus den Tönen und Geräuschen, aus der Phonologie der gesprochenen Sprache Anklänge an lautmalerische Klänge, produziert. Eine Art Soundmalerei. Rund um die Linde. Für die Künstlerin ist wichtig, etwas Organisches im Raum zu haben und dass der Baum vom Pfänderhang kommt. Diese Linde repräsentiert universelle Themen wie Gerechtigkeit, soziale Zusammenkunft, die Linde ist für Schaich der Baum der Gerechtigkeit, auf dem die Vögel des Himmels Platz nehmen, wie in der Komposition „El Cant dels Ocells“ von Pau Casals, „Der Gesang der Vögel“. Casals, der große katalanische Cellist und Komponist, der sein Catalunya vor den Verfolgungen des Generale Franco im Spanischen Bürgerkrieg verlassen musste, hat alle seine Konzerte und Musikfestspiele im Exil ab 1939 mit diesem Lied beendet. Die in Moll gesetzte Melodie ist zum Lied der heimwehkranken katalanischen wie spanischen Flüchtlinge geworden. Der in der Ausstellung auftauchende Baum ist ein seit vielen Jahren am Boden liegender, abgebrochener Ast, dessen Mutterbaum weiterhin am Pfänder steht. Damit nimmt die Künstlerin indirekt auch die Frage nach dem Zyklus des Lebens auf, sie thematisiert die Rolle der Biographie und befragt die Bedeutung der Erinnerungen, die uns geschichtsfähig und bindungsfähig machen. Neben der Gerechtigkeit ist die Linde auch ein Zeichen für Liebe, siehe Schuberts „am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum, ich schnitt in seine Rinde …“

„Walk down Memory Lane“

Karl Salzmann und Hanna Schaich ergänzen und erweitern sich in ihren künstlerischen Herangehensweisen, sie inspirieren sich gegenseitig, schaukeln sich in ihren Ideen und künstlerischen Figuren synästhetisch, wie auf einem Karussell, einem Rösslispiel, zentrifugal weiter und weiter, um sich gleich darauf wieder ganz zu reduzieren. Eine zentrale Charakteristik der Performance ist unter anderem, dass die Künstlerin und der Künstler über die Improvisation stets auch aktuell und neu ausloten, wie sich dieses Zusammenspiel kohärent oder kontrastiv übersetzen lässt. Johnny Cash mit „Hurt“ und Joy Division tauchen um die Ecke auf mit „Love will tear us apart“. Lyrics: „When the routine bites hard / And ambitions are low / And the resentment rides high / But emotions wont grow / And were changing our ways, / Taking different roads / Then love, love will tear us apart again.

Man darf gespannt sein, was da alles auftaucht, beim „Walk down Memory Lane“, wo sich die Künstlerin, wie wir alle, aus den persönlichen Narrativen jene Teile auswählt und neu komponiert zusammenstellt, die zur Erzählung gehören sollen. Die ständig neue Suche nach den Erinnerungen in unserer Biographie zeigt und lehrt uns auch, wie wir erinnern und denken, wie wir wahrnehmen und fühlen und wie wir ein Verständnis von der Welt und uns selbst entwickeln. Es ist wie das Eintauchen in einen Bewusstseinsstrom; die Methoden der künstlerischen Auseinandersetzung wiederum machen deutlich sichtbar, wie kreative Prozesse bestehende Muster des Denkens und Lebens in Frage stellen können und für Veränderung und neue Erfahrungen öffnen. Es dürfte sehr spannend werden, den beiden Künstlern dabei zuzusehen, wie sie mit dem Phänomen der „Nachträglichkeit“ umgehen, das Freud die „Retranskription“ nannte, jene Aktivität des Gehirns, die beim Aufrufen einer Erinnerung auf der Folie der aktuellen Umstände und zeitnahen Verhältnisse stattfindet.

 

Galerie Hollenstein - Kunstraum und Sammlung                                                                           Pontenstraße 20, 6890 Lustenau
Öffnungszeiten Samstag, Sonntag, 15.00 - 19.00 Uhr

Hanna Schaich, Still aus dem Video "Evelyne"

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Karl Salzmann stammt aus Vorarlberg und lebt und arbeitet als Sound & Visual Artist und Sound-Wissenschaftler in Wien

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Einblicke in die Ausstellung in der Galerie Hollenstein in Lustenau, die an diesem Wochenende schließt

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Vorhang von Veronika Dirnhofer in der Ausstellung Hanna Schaichs

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