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23.09.2018 |  Karlheinz Pichler

Gewebte Farb- und Materialpoesien – Sieben Teppiche in Kasuri-Technik von Jun Tomita in der Feldkircher Johanniterkirche

Der 1951 in Toyama geborene Jun Tomita zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Textilkünstlern und Vertretern der traditionellen Web- und Färbetechnik „Kasuri“ Japans. Die Johanniterkirche Feldkirch widmet diesem Ausnahmekönner, dessen Werke weltweit in zahlreichen einschlägigen Sammlungen vertreten sind, ihre letzte Ausstellung im Jubiläumsjahr Feldkirch 800. Tomita zeigt sieben großformatige Teppiche, die er eigens für diesen Anlass geschaffen hat.

Tomita war bereits vor einem Jahr zu Gast in Feldkirch und holte sich die Inspirationen zu den in monatelanger Arbeit entstandenen neuen Teppichen direkt aus der altehrwürdigen Johanniterkirche, deren ursprünglicher Bau auf das 13. Jahrhundert zurückgeht und die ihn gleichsam ein wenig an die hiesige, für ihn als Asiaten fremde europäische und regionale Kultur und Weltanschauung heranführte. Tomita: „Kirchen oder Tempel regen mich auf sehr unterschiedliche Weise an. Ich bin immer interessiert an den Wänden von Gebäuden. Die Wände der Johanniterkirche beinhalten für mich sehr viele Dinge und sie sagen mir sehr viel. Ich spüre die Menschen der Vergangenheit und wie die Zeit buchstäblich durch die Wände ging. Das hat sehr viel Tiefe.“

Subtil variierte Farben

Tomitas Fähigkeit, die Farbgebungen durch Anwendung spezieller Färbetechniken extrem subtil zu variieren, lassen seine Werke in der zeitgenössischen japanischen Textilkunst als reine Offenbarung erscheinen. Überaus poetisch und auch minimalistisch anmutende Farbkonstellationen und eine perfekte Beherrschung des Materials sind das Markenzeichen des Webkünstlers. Für die Teppiche in der Johanniterkirche verwendete er ausschließlich Naturmaterialien, Leinen für die Kette und Ramie und Seide für die Schussfäden. Die vor allem in Okinawa im Süden Japans praktizierte traditionelle Kasuri-Webtechnik bezeichnet man auch als Ikat.

Konkret handelt es sich bei Kasuri respektive Ikat um eine Webtechnik, bei der das Garn vor der Verarbeitung abschnittsweise eingefärbt wird. Mehrere Farben sind möglich, auch können Abschnitte ungefärbt bleiben. Der Begriff leitet sich aus dem Malaischen ab und bedeutet so viel wie „abbinden“ oder „umwickeln“. Im einfachsten Fall entstehen auf dem Gewebe einfache Streifen. Indem unterschiedliche Abschnitte gefärbt werden, können geometrische Muster, aber auch komplexe Strukturen hergestellt werden. Es können die Kett- und/oder die Schussfäden gefärbt werden. Werden beide Fadengruppen eingefärbt, spricht man von Doppelikat.

Ideenskizze als Ausgangspunkt

Am Beginn einer Webarbeit von Tomita steht immer ein künstlerischer Entwurf. Die in Stuttgart ansässige Diplom-Textildesignerin Nanna Aspholm-Flik, die die Vernissagerede zur Tomita-Ausstellung gehalten hat, schreibt im Begleittext zur Tomita-Installation: „Eine Idee wird mit Farbstiften als Skizze festgehalten, wonach er in die Farbküchenecke seines Ateliers zum Färben der Fäden verschwindet. Seine anregende Arbeitsumgebung fungierte früher als Gewächshaus. Heute wird hier Textilkunst kreiert. Jun Tomita und seine Partnerin Mayo Horinouchi arbeiten Webstuhl neben Webstuhl. Im Sommer verirren sich Schmetterlinge in das Atelier. Im Winter spürt man die Kälte in den Knochen, nur einige Stunden effektives Arbeiten ist möglich. Diese Idylle, wie Tomita es nennt, befindet sich an einem Hang in einem kleinen Dorf in der für ihre Schönheit berühmten Region Saga, nordwestlich von Kyoto, dem wichtigsten Kulturzentrums Japans.“ So sagenhaft schön wie ihre Umgebung gelten auch die Werke des renommierten Textilkünstlers und seiner Partnerin. Wobei Partnerin Horinouchi auf Tücher spezialisiert ist.

Die Werke von Jun Tomita tragen eine unverwechselbare Handschrift. Und jedes einzelne Stück ist ein Unikat. Zu den vielen öffentlichen Sammlungen, in denen Tomita vertreten ist, zählen etwa das britische Victoria and Albert Museum, das Denver Museum in Colorado (USA), das Kunstindustrie Museum in Oslo, das South Australian Museum of Art oder die Whitworth Art Gallery in Manchester. Auch die Vermittlung ist ihm ein großes Anliegen. Beispielsweise dozierte er an der University College for Creative Arts in Farnham (Grossbritanien) oder am Kyoto College of Art in Japan.

KASURI - Eine Installation von Jun Tomita
bis 22.12.
Di-Fr 10-12 u. 15-18, Sa 10-14 Uhr
Johanniterkirche Feldkirch
www.johanniterkirche.at

Jun Tomita: Silk Tapestry, Kasuri No. 229-1 u. 229-2, 2018

Jun Tomita: Silk Tapestry, Kasuri No. 229-1 u. 229-2, 2018

Jun Tomita: Silk Tapestry, Kasuri No. 228-2

Jun Tomita: Silk Tapestry, Kasuri No. 228-2

Jun Tomita: Silk Tapestry, Kasuri No. 36-2-1

Jun Tomita: Silk Tapestry, Kasuri No. 36-2-1

Jun Tomita: Silk Tapestry. Kasuri No 228-2, 2018

Jun Tomita: Silk Tapestry. Kasuri No 228-2, 2018

Blick in die Ausstellung

Blick in die Ausstellung

Virtuose in Sachen Kasuri-Webtechnik: Jun Tomita (Fotos: Karlheinz Pichler)

Virtuose in Sachen Kasuri-Webtechnik: Jun Tomita (Fotos: Karlheinz Pichler)

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  • Jun Tomita: Silk Tapestry, Kasuri No. 229-1 u. 229-2, 2018 Jun Tomita: Silk Tapestry, Kasuri No. 229-1 u. 229-2, 2018
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