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16.03.2015 |  Peter Niedermair

Gerda Reck und Mario Meusburger „In der Fabrik“ in Lüchingen – Vernissagerede von Peter Niedermair am 14. März 2015 im Rahmen der Ausstellung „Orte“

Orte, die die Gestalt aller Orte erzählen. Wie die Bilder und die Gefäße, die die Geschichte aller Gefäße und Bilder erzählen. Von den Anfängen bis jetzt sind sie Träger von Erinnerungen. Bilder wie Gefäße repräsentieren die Erzählstränge, Stufen und Krümmungen der Geschichte. Sie stehen für diese Geschichte. Wie wir in dieser Ausstellung, sehen, entflieht uns diese Vergangenheit nicht, vielmehr bleibt sie, eingeschlossen in Zeitkapseln. Und doch spinnt das Leben zwischen allen Ereignissen neue Fäden, so dass zwischen dem einfachsten Punkt unserer Vergangenheit und allen anderen ein reiches Netz von Erinnerungen uns die Wahl der Verbindungswege lässt. Wir sehen sie heute in dieser Ausstellung, beziehungsweise bekommen eine Ahnung davon. Wenn die Quelle über den Bach und den Fluss nachzudenken beginnt, ist sie schon halb Teil des Gewässers.

Von Kriessern nach Timbuktu


Die Kunst, wenn man so will, ist eine Möglichkeit, das Leben zu ignorieren und sich mit ihr durch Städte und Orte zu navigieren. Orte, so der Titel der Ausstellung. Die Malerin pendelt dabei zwischen der Sahara, sieht ganz nach Timbuktu aus, und Kriessern. Auch nicht gerade der kürzeste Weg. Doch Gerda Reck friert den Ort im Zweidimensionalen ein und transformiert ihn vis-a-vis der Gefäße Mario Meusburgers ins Körperhafte. Und begibt sich damit, mal-philosophisch gesehen, in jene skulpturalen Dimensionen, die die Außenflächen der hochragenden Konstruktionen als dreidimensionale Torsi erscheinen lassen. Diese werden wie in einem Gedächtnisspeicher festgezurrt, so als führte das Gedächtnis ein Doppelleben und würde mit Kayros, dem griechischen Gott für den rechten Augenblick, die Illusion des Augenblicks fest- und die  Zeit anhalten. Für uns heute Abend. Wir sehen das Universum der Orte und Gefäße, so wie sie sind, und wenn es uns nicht gäbe, wir sie also nicht beobachten könnten.

Architektonische Bauwerke als Stellvertreter


Auf etlichen Leinwänden stellt Gerda Reck vorwiegend hohe, zum Teil nüchterne, reduzierte Gebäude dar, die an die Wolkenkratzer von New York City erinnern und doch, irgendwie, an verlassenen Orten angesiedelt sind. Hier tauchen kaum oder keinerlei menschliche Figuren auf, die Gebäude spielen eine Rolle wie die Häuser in der Großstadt. Sie reflektieren eine menschliche Grundbedingung. Sie berühren einander nicht und können als gemalte architektonische Bauwerke als Stellvertreter für Menschen gelten und deren Gefühle widerspiegeln. Weil diese Gebäude zum Teil Fenster enthalten, wird eine gewisse Durchlässigkeit signalisiert, quasi eine Kommunikation zwischen der inneren und der äußeren Welt der Gebäude. Und weil diese Ortslandschaften menschenleer sind, stellt sich, bei mir zumindest, auch ein gewisses Gefühl von Klaustrophobie ein, womit man die eigenen Grenzen zumindest erkennen kann. Die unbewohnte Stadt.

Über die zum Teil doch beträchtlichen Unterschiede in Formengestik, Komposition, Farbgebung und Größe hinaus ist die Art und Weise der Hängung und die korrespondierende Wechselbeziehung zu den keramischen Objekten von Mario Meusburger bemerkenswert. Jedes Werk wurde in Beziehung zu den gesamt anderen und zum Ausstellungsraum platziert. An der Nordwand dieser Halle „Die Barke“, die hier eintaucht wie in den Hades, die Münze unter der Zunge, auf dem Fluss des Vergessens, Lethe, hinüber gleitend, auf dem Tiefblau der Nacht schaukelt, Serenade und Sarabande, in die Untergründe, in die unterirdischen Labyrinthe der Stadt, wie wir sie aus Odessa kennen.

Eine universelle symbolische Sprache


Mit all diesen Verknüpfungen werden thematische Dialoge spürbar und erst danach sichtbar, Zwiegespräche und Round Tables, zwischen Innen und Außen, zwischen Gefäß und Inhalt, innerhalb der Raumlinien mit ihren ganz eigenen Regeln der Präsentation. Sie stehen damit in einem Spannungsverhältnis zwischen der Kubatur dieser Halle, in der früher das zu Webende zum Textum verwoben wurde, und dem Licht. Zunächst diese Innenlichter, die im Rhythmus der Abenddämmerung, die draußen vor den Fenstern vorbeizieht, die Blicke und Einblicke in diese Orte hier in den Innenräumen zu einer kompositorischen Spannung fügen. Die Tageszeit geht mit dem Licht, das Licht kommt mit der Zeit. Und obwohl viele Komponenten in den Bildern die persönlichen Erfahrungen und Gefühle ganz der Autobiographie der Künstlerin zu eigen sind, weisen sie dennoch über das Eigene hinaus. Das ist bei beiden Künstlern des heutigen Abends so. Beiden gelingt es, Objekte und Situationen, die sie im Titel zu Orten zusammenführen, in eine universelle symbolische Sprache zu übertragen.

Der Keramikkünstler Mario Meusburger sucht permanent nach einem universalen System von Proportionen für den Ton, den Brand und die Glasuren, für die Wirkungsweisen von Kräften und Energien. Die Mittel, die er dafür einsetzt, sind archetypisch. Sie haben etwas Anuferndes, etwas wie die tönernen Kelche auf einem Bild von Gerda Reck, wie ein schütterer Morgen im März. Etwas wie Samt, bläulich leicht und mäandernd in den Träumen der Nacht, die gerade gegenüber hängen. Hallräume der Poesie. Mit diesen ihren Orten werfen sie die Traummaschinen an, kreieren verführerische Netze der Sehnsucht, in denen man sich lustvoll verfangen könnte, wie drüben unter den Sternenbildern, unter die wir uns legen, wie Ophelia, auf einem Gemälde des Präraphaeliten John Everett Millais nach Shakespeares Tragödie Hamlet, und ließen uns diese bunten Sterne ins Haar fallen, wo sie wie Süße ohne Anblick weiter schliefen.

Ein Großvater


Die beiden Künstler dieser Ausstellung begegnen sich, wo das Übermalen zum Weitermalen wird, wo die Glasuren das Gefäß als Malgrund aufnehmen. Und an dieser selben Schnittstelle gehen Gerda Recks Farbkompositionen ins Skulpturale. Sie schöpft ihre Kreativität aus vollen Gefäßen. Einmal erzählte sie mir, sie sei aufgewachsen zwischen Ölschinken, Landschaftsbildern vom Rheintal, ein baumblütenweißes Meer im Mai, Häfen mit schaukelnden Schiffen im Land von Diotima und Hyperion, geschaffen von ihrem Großvater, Josef Debrunner, der Bali ebenso kannte wie Fellinis Schiff, das um sechs fährt. Der ein Lehrer war, universalistisch, einer, der alles kann und alles weiß. Ein Alexander Humboldt der Malerei, der in der Klostermühle in Altstätten über das Opium Dreieck philosophierte und ein russisches Bild übermalte.

Somit sind diese hier in die Ausstellungsobjekte eingeschriebenen Orte reale wie fiktive Plätze, die sich zu einer Weltkarte fügen, deren Verbindungslinien und Verknüpfungspunkte die Mutter als Schneiderin in ihren Schnitten rädelte und mit Nähten auf einer Singer aneinanderfügte. Zu einem Ganzen. Zu einem großen Bild. Das Heitere und Schöne. Und sie erinnert sich, die Regale waren mit Bildern gefüllt anstatt mit Büchern. „Herbstwald mit Sonne“. „Italienische Stadt mit Hafen“. Der Großvater erzählte von seinen Reisen um die ganze Welt. Überall malte er. Die Kinder der Familie waren somit eingebunden in das weltweite Ortsregister der Malerei. Aus diesem Fundus, in dem alles Kreative angelegt ist, schöpft die bildende Künstlerin. Hier sehen wir einen Ausschnitt aus ihrem Werk. Gerda Reck geht proviantiert mit der Fülle einer Familiengeschichte einen überzeugenden künstlerischen Weg, auf dem sie auf ihren Leinwänden Schicht für Schicht verspachtelt und abkratzt, weg-schiebt, hinein in den Himmel, wo kühlende Bäume ihre graziösen lila Baumkronen und Wipfel erheben, abends, wenn noch bis spät in die Nacht Licht in der eleganten Konditorei schimmert. Wie bei Robert Walser.

Ton und Schrift


Mit seinen keramischen Objekten führt uns Mario Meusburger quasi an einen Uranfang zivilisatorischer Geschichte, in jenes Mesopotamien, wo um das Jahr 4100 vor der Zeitrechnung sumerische Gottkönigs-Gestalten die Herrscher der ersten Stadt waren. Urk Uruk. Die massive Größe der Stadt und die agrikulturelle Fruchtbarkeit von Uruk begünstigten den Handel, die Ausbildung von Handwerken und die Entwicklung der Schrift, von der wir wissen, dass Gott Tetis äußerst besorgt war und die Menschen warnte, sobald sie nämlich die Schrift hätten, würden sie sich an nichts mehr erinnern wollen. Die Schrift wurde gebraucht, um jene Gefäße und Töpfe aus mesopotamisch-babylonischem Ton dem Inhalt nach zu kennzeichnen, Getreide und Olivenöl. Die Geschichte erzählt in geographisch weitläufig aufgefundenen mündlichen Traditionen von einem legendären Helden namens Gilgamesch, der angeblich der König der ersten sumerischen Stadt Uruk war. Mit Mario Meusburgers Gefäßen wissen wir heute, dass die Erschaffung der Welt nicht nur am Anfang stattgefunden hat, sie findet alle Tage statt. Ich sehe von meinem Zimmer aus, wenn am Abend Licht in seinem Atelier brennt. Mario Meusburger bringt uns einen Kunstrohstoff näher, der, wenn wir uns die Vertreter der jüngsten Generation vorarlbergerischer Keramikkünstler ansehen, u.a. mit Thomas Bohle, Maria Jansa, Margit Denz Strolz und der Keramiker dieser Ausstellung, die Keramik in die erste Liga der Künste gehoben hat.

Die beiden Künstler dieser Ausstellung korrespondieren auf das Allerschönste. Ich könnte mir für dieses Frühjahr neben den Krokussen und Schneeglöckchen in unserem Garten nichts Schöneres vorstellen als diese wunderbar präsentierten Kunstwerke von Gerda Reck und Mario Meusburger.

 

„Orte“
Gerda Reck, Bilder in Acryl, Mischtechnik Acryl mit Kreide, Öl
Mario Meusburger, keramische Objekte
Ausstellung In der Fabrik| Rorschacherstr. 41, 9450 Lüchingen/bei Altstätten
Öffnungszeiten:
Mi, 18. März bis Sa, 21. März 2015, jeweils von 17.00 bis 20.30 Uhr

Mario Meusburger: Schale, 2015

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Gerda Reck: Expandierende Stadt, 2014

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Gerda Reck, Sahara Kriessern, 2013

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Mario Meusburger, Spirale, 2015

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