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29.05.2015 |  Karlheinz Pichler

Der interstellare Raum als Versuchsfeld künstlerischer Strategien - Heiko Blankenstein im Vaduzer Engländerbau

Im Kern der aktuellen Ausstellung im Kunstraum Engländerbau steht der Künstler als Beobachter und Vermesser, der sich mit astronomischen und kosmologischen Themen im Sinne einer erweiterten Naturauffassung beschäftigt. Produkte des Kunstschaffenden Heiko Blankenstein als Ergebnis dieser Beschäftigung sind zeichnerische, skulpturale sowie installative Auseinandersetzungen mit Asteroiden, Planeten und Sternen, der Chaostheorie sowie der Kernfusion.

Mehr als zwei Wochen hat der 1970 im deutschen Rheydt geborene und seit vier Jahren in Zürich lebende und arbeitende Künstler Heiko Blankenstein benötigt, um seine ambitionierte Ausstellung „Kicked it into the sun“ im Kunstraum Engländerbau in Vaduz aufzubauen. Die Vorarbeiten dazu haben schon vor Monaten begonnen. Denn allein die Realisierung der raumgreifenden Bodeninstallation  „Pb7“ aus Styropor, die an ein monumentales, dreidimensionales Gittertnetzmodell einer Planetenoberfläche erinnert, war gigantisch. Der Künstler hat sämtliche einzelnen Module dieser manuell erstellten 3-D-Paramaterdarstellung, die sich auf einer Grundfläche von 120 Quadratmetern erstreckt, von Hand schwarz bemalt. Betritt der Besucher den riesigen „White Cube“ des Engländerbaues, wird er von dieser „strangen“, schwarzen Landschaft, die durch die weißen Gitterlinien strukturiert ist, förmlich „angesaugt“. Kein Wunder, dass die Besucher zumindest bei der Vernissage einige der am Boden ausgelegten „Sterne“ aus Leuchtstoffröhren übersahen, darüberstolperten und teils sogar zerstörten.

Über dieser Styroporlandschaft gleißt die Skulptur „Leightthing“, die formal an das Plasma erinnert, das entsteht, wenn bei einer Kernfusion Wasserstoff unter unvorstellbar hohem Druck zu Helium verschmilzt. Durch die Verschmelzung von Atomkernen strahlen Sterne, darunter die Sonne, enorme Energiemengen ab. Die kosmische Energiequelle soll schon bald in Reaktoren nachgeahmt werden und gilt als vielversprechende Alternative zu fossilen Rohstoffen und Energiegewinnung durch Kernspaltung. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, hat diese Arbeit auch durchaus eine explosive politische und wirtschaftliche Dimension.

Sich dem Unvorstellbaren annähern


Schon aus „Pb7“ und „Leightthing“ wird klar, wofür sich Blankenstein interessiert: Astronomie, Kosmologie, galaktische Phänomene und astro-physikalische Bedingungen. Folglich wird die zentrale und alles beherrschende Bodeninstallation (der Ort des momentanen Seins?) von etlichen weiteren Gestirnen umkreist. Teils an der Wand hängend, teils skulptural im Raum platziert. So schweben denn auf großformatigen Zeichnungen und Leuchtkästen merkwürdige Himmelskörper im dunklen Raum. Die Tuschezeichnung „Deimos“ (2014) etwa vermittelt den Eindruck eines inmitten der Explosion erstarrten Sterns und die unzähligen Zacken verwandeln den Körper in ein gefährliches Geschoss, während die mit einer Radiernadel eingeritzte Farbschicht auf einer Acrylglasscheibe in „V1489 Cygni Red Hypergiant“ (2013) das Innere eines von Magnetfeldschlaufen durchwobenen Gestirns zeigt. Die hinter der Scheibe liegenden Leuchtstoffröhren bringen die ausgekratzten Stellen zum Leuchten. In natura werden solche dargestellten Gebilde nur bei Eruptionen auf der Sonnenoberfläche sichtbar, wenn das herausgeschleuderte leuchtende Gas sich entlang der unsichtbaren Magnetfeldschlaufen bewegt.

Die Kunsthistorikerin Sarah Merten erläutert: „Heiko Blankenstein fertigt demnach keine getreuen Abbilder, doch detailliert ausgearbeitete Illustrationen, die von beachtlicher zeichnerischer Virtuosität zeugen. Er erfindet nicht, sondern orientiert sich an existierenden physikalischen Vorgängen und überhöht diese mit den Mitteln der Kunst zu einer modellhaften Hyperrealität, in der sich Fakt und Fiktion nicht trennen lassen. Damit erlischt auch die Zweiteilung von konkret und abstrakt.“

Blankensteiner versucht also, mit den simplen Mitteln von Kugelschreiber, Farbstift, Tusche und Radiernadel sowie skulpturalen Anordnungen dem Ursprung der Welt nachzuspüren. Seine Werke versprühen einen digitalen Hauch, sind aber sämtlich analog gefertigt. Seine Versuchsanordnungen kreisen letztlich um zentrale Fragestellungen wie etwa die Existenz in Raum und Zeit.

 

Kicked into the Sun
Heiko Blankenstein (CH/D)
Kunstraum Engländerbau, Vaduz
Bis 21.6.2015
Mo-So 13-17, Di 13-20
www.kunstraum.li

Heiko Blankenstein: Pb7, 2015, Styropor, MDF, schwarze Farbe

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Heiko Blankenstein: Deimos, 2014, Tusche auf Papier, Detail

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Heiko Blankenstein: Lightthing, 2013, Stahl, Polypropylen, Leuchtstoffröhren, Kabel

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Heiko Blankenstein: Wendelstein 7-X, 2012, Kugelschreiber u. Tusche auf Papier

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Künstler Heiko Blankenstein (alle Fotos: Karlheinz Pichler)

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