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29.01.2018 |  Karlheinz Pichler

Den Tod auf die Schippe nehmen – Christoph Abbrederis partizipiert an morbid-witziger Ausstellung im „Friedhof Forum“ der Stadt Zürich

Über den Tod zu witzeln oder zu lachen ist für viele ein Sakrileg. Nicht allerdings für Comic-Zeichner. Denen ist nichts heilig, wie eine morbid-witzige Ausstellung im Friedhof Forum der Stadt Zürich belegt. Mit einer Art gezeichnetem Sensenmann-Road-Movie ist auch der Bregenzer Zeichner und Illustrator Christoph Abbrederis mit dabei.

Wenn jemand glaubt, von Haus aus ein Gewinnertyp zu sein, so ist das mehr oder weniger eine Selbsttäuschung. Denn am Ende stirbt man immer. Mit dem Tag der Geburt setzt auch der Prozess des Sterbens ein. Woody Allen sagte dereinst: „Ich habe keine Angst vor dem Sterben, ich möchte nur nicht dabei sein, wenn es passiert“.

Mit dem Lebensende gehen Menschen unterschiedlich um. Die meisten verdrängen es, andere planen den Todestermin bis auf die Minute genau. Geredet wird über das Thema meist nur ernst und leise. Die Angst vor dem Knochenmann ist für viele ein latenter Wegbegleiter. Deshalb wird auch wenig über den Tod gespottet oder gelacht. Höchstens einschlägige Illustratoren und Cartoonisten sind es, die den Gevatter Tod mit schrägen, ironischen Zeichnungen, Bildern und Objekten immer mal auf die Schippe nehmen. Und wenn die zum Stift oder zur Farbe greifen, dann können die ordentlich einschenken, wie die Ausstellung „Sterben Sie wohl!“ im Friedhof Forum des Zürcher Sihl-Friedhofs vor Augen führt.

Beim „Friedhof Forum“ handelt es sich um eine ehemalige Leichen- respektive Aufbahrungshalle, die das Zürcher Bevölkerungsamt nun für Ausstellungen, Lesungen, Konzerte oder nächtliche Theater nutzt. Für die keck als „Sterben Sie wohl!“ bezeichnete Präsentation hat das Forum über 30 arrivierte und aber auch weniger bekannte Künstler und Illustratoren eingeladen, sich frei von Dogmen, falschem Respekt und Schwulst mit dem Lebensende auseinanderzusetzen. Die Kunstschaffenden muntern anhand von gut 80 Zeichnungen und Bildern dazu auf, über den Tod zu lachen oder sich auf provozierende Art und Weise mit dem Lebensende auseinanderzusetzen. Ganz im Sinne des Forums, denn der Tod gehöre zum Leben, ihn zu verdrängen, sei falsch. Sowohl die Ausstellungsmacher als auch die Kunstschaffenden seien sich bei ihrer Arbeit bewusst gewesen, dass der Grat zwischen Humor und Pietätlosigkeit ein schmaler sei, heißt es. „Unsere größte Herausforderung war es, trauernde Menschen nicht vor den Kopf zu stoßen“, erklärt etwa Andreas Lori vom Künstlerkollektiv Seico, das für „Sterben Sie wohl!“ ein Computerspiel entwickelt hat, in welchem man dem Fegefeuer zu entkommen versucht, letztlich dem Tod aber nicht von der Schaufel springen kann.

Sensenmann-Road-Movie

Die Ausstellung ist eine Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern. Kuratiert wird sie von Pierre Thomé, der an dieser Uni als Leiter der Studienrichtung Illustration fungiert. Von ihm selbst ist in der Schau unter anderem eine sehr melancholisch-illustrativ umgesetzte Form eines kuriosen Langzeit-Suizids zu sehen: Ein traurig dreinblickender Mann mit einem Strick um den Hals gießt ein kleines Bäumchen. Er muss es wohl noch Jahrzehnte weiter wässern, um ans Ziel zu gelangen. Wie dem Web-Blog des Künstlers zu entnehmen ist, gibt es davon auch eine Bilderserie, in der der Mann lebensfroher wird, als das Bäumchen blüht.

Der aus Bregenz stammende Illustrator, Comic-Zeichner und Kinderbuch-Macher Christoph Abbrederis ist aufgrund eines "Totentanz"-Strips, den er für die renommierte  Comic-Zeitschrift "Strapazin" entwickelte, zur Beteiligung an der Ausstellung eingeladen worden. Bei dem über drei Seiten gehenden Comic mit dem Titel "Calypso" handelt es sich um eine Art "Road-Movie" mit ungewöhnlicher Besetzung. Allerlei Gerippe, Höllenhunde, apokalyptische Reiter und sonstige Totentanz-Klischees hat Abbrederis in eine triviale "Alltagsgeschichte" verpackt. Ein Leichenwagen ist unterwegs, um etwaige Leichen einzusammeln, kracht aber letztlich selber in einen Baum. Außer ein paar Schrauben, Knochen und Totenköpfe bleibt nicht mehr viel übrig. Am Schluss landet man im Fegefeuer, wo in der Calypso-Bar immerhin ein paar Höllendrinks auf einen warten. Abbrederis reizte an der Sache, für einmal einen Comic ohne Outlines zu machen und mit dunklen Stimmungsbildern ohne jeglichen Text auszukommen.


Besagte Zeitschrift "Strapazin" ist übrigens 1984 von Pierre Thomé, dem Kurator von "Sterben Sie wohl!" in München mitbegründet worden. In diesem von Anfang an als Podium einer Comicszene gedachten Format, das mittlerweile in Zürich herausgegeben wird, sind im Laufe der Jahre Arbeiten von Hunderten hervorragenden Zeichnern und Illustratoren aus Europa, Amerika und Asien veröffentlicht worden. Es finden sich darunter Namen wie etwa Mike van Audenhove, M.S. Bastian, Jiro Taniguchi, Ulf K. oder Julie Ducet.

Den unverkennbaren Strich von Christoph Abbrederis weiß man in New York genauso zu schätzen wie in Madrid, Zürich, München oder Wien. Am wenigstens kennt man ihn vielleicht da, wo er eigentlich her stammt, nämlich in Vorarlberg. Abbrederis arbeitet für renommierte Zeitungen und Magazine wie etwa den New Yorker, Cicero oder The Cosmopolitan. Er hat aber auch schon etliche Kinderbücher herausgebracht. Mit Kurt Bracharz zusammen hat er etwa dereinst das Bilderbuch „König Zahnlos“ produziert. Und 2014 ist sein schräges Kinderbuch „Oscar. Ein seltsamer Vogel“ erschienen, das die Geschichte eines sehr speziellen Kuckuckskindes erzählt und das Abbrederis auch selber getextet hat. Seit 2004 arbeitet er auch an einem Comic-Tagebuch: In "Das tägliche Scheitern" findet fast täglich eine Begebenheit seine Entsprechung in einer verknappten Comic-Darstellung. Einen breiten Einblick in dieses Tagebuch gab vor zwei Jahren die gleichnamige Ausstellung ("Das tägliche Scheitern") im Feldkircher Montforthaus. Der 1961 Geborene ist letztlich auch Vermittler, er unterrichtet an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien Illustration.

Sterben Sie wohl. Illustrationen und Objekte zum Tod

Mit Christoph Abbrederis, Christophe Badoux, Kaye Blegvad, Peter Blegvad,
Patrick Chapatte, Chrigel Farner, Andy Fischli, Andreas Gefe, hoi Keramik,
it's raining elephants, Tina Good, Anna Haas, Laura Jurt, Nicolas Mahler, Max,
Céline Meyrat, Daniel Müller, Lina Müller, Jared Muralt, Noyau, Thomas Ott,
Pause ohne Ende, Anja Peter, Stefanie Sager, Luca Schenardi, Stephan Schmitz,
Pierre Thomé, Ruedi Widmer, Helge Reumann, Seico Kollektiv, Nadine Spengler,
Caroline Sury, Milva Stutz, Martina Walther

Bis 21. Juni 2018
Di/Mi/Do 12.30-16.30

Friedhof Forum, Sihl-Friedhof, Aemtlerstrasse 149

Christoph Abbrederis: Apocalypso, Seite 1 (2004)

Christoph Abbrederis: Apocalypso, Seite 1 (2004)

Christoph Abbrederis: Apocalypso, Seite 2 (2004)

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Christoph Abbrederis: Apocalypso, Seite 3 (2004)

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Pierre Thome: Ennui, 2017

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Patrick Chapatte: Ohne Titel

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