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26.11.2015 |  Karlheinz Pichler

Das Klima, die Natur, Tirana, gar nichts – Was den Leuten an Albanien gefällt (oder auch nicht) - Kirsten Helfrich und Jutta Benzenberg in der Villa Claudia

Die Konzeptkünstlerin Kirsten Helfrich verbrachte im Frühling dieses Jahres zehn Tage bei der in Albanien lebenden Fotografin Jutta Benzenberg. Ergebnisse dieses Austauschprojektes sind nun unter dem Titel „Lost & Found“ in der Feldkircher Villa Claudia zu besehen. Gezeigt werden Fotografien, Videos und Rauminstallationen, die ganz persönliche Eindrücke der beiden Künstlerinnen von diesem Land, das nach dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte abgeschottet war, und ihrer Bewohner wiedergeben.

Sowohl Jutta Benzenberg als auch Kirsten Helfrich stammen aus Deutschland. Helfrich lebt und arbeitet seit Jahren in Bregenz, Benzenberg seit bald 25 Jahren in Albanien. Die gewählten Aufenthaltsländer der beiden könnten unterschiedlicher nicht sein.

Obwohl es in Albanien derzeit keinen Krieg und auch keinen Hunger gibt, und es im Süden so aussieht wie an der Côte d’Azur, und jetzt auch eine Fußballeuphorie ausgebrochen ist, nachdem sich das Land erstmals für die Fußballeuropameisterschaft qualifiziert hat, wollen viele Albaner dem Land trotzdem den Rücken kehren. Ja, es scheint das Raus aus Albanien derzeit geradezu ein Trend zu sein. Es gebe keine „Zukunft“, führen viele an, was immer man auch darunter verstehen mag. Als Verheißungsziel wird Deutschland angeführt. Man spricht denn auch nicht von Flucht, sondern vom „Weggehen“. Die Perspektivlosigkeit geht auch aus einem Video hervor, das die Künstlerinnen in der Villa Claudia ausstrahlen. Sie befragten Einheimische in der Hauptstadt Tirana, was ihnen an Albanien gefalle. Die meisten Antworten verweisen lakonisch auf die Natur, das Klima, den Süden des Landes oder im extremsten Fall auf „gar nichts“. In den meisten Statements bricht eine Art Illusionslosigkeit durch.

Lost & Found


Benzenberg lebt und arbeitet seit 1991 bis auf wenige Unterbrechungen ständig in Albanien. Dort hat sie vieles gefunden und auch wieder verloren. Wie etwa ihren bereits verstorbenen Mann, den Journalisten und Intellektuellen Ardian Klosi, über den sie sich dem Kleinstaat bis ins Existenzielle annäherte. Über die Vermittlung von Klosi konnte sie mit der Kamera bis in die Kernzonen, bis in die Seele des Landes vordringen. Früher hatte Benzenberg in den westlichen Ländern fotografiert, aber den Bildern habe immer etwas gefehlt, vergleichbar dem Salz in der Suppe, sagt sie. Gefunden habe sie dieses Salz in Albanien und zwar in Form der Emotionen, „die man als Kind hat und die man dann über die Jahre, ohne dass es einem bewusst wird, wieder verliert“. In Albanien habe sie die wilden, ungebremsten und auch naiven Gefühle, auch die stille Angst und Schüchternheit wieder gefunden und in den Fotos aufleben lassen. Sie sei dankbar, dass ihr das Land Albanien begegnet sei.

Das Motto „Lost & Found“ zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Präsentation in der Villa Claudia, auch in der Rauminstallation „Mos ki merak“ von Kerstin Helfrich im Ausstellungsraum drei klingt es an. Der Saal ist ein einziger Kabelsalat. Es ist eine transformatorische Verortung des chaotischen Drahtnetzwerks, das das Stadtbild von Tirana äußerlich prägt. Die Kabelnetzwerke, die die moderne Informationsgesellschaft und digitale Welt widerspiegeln, sind in der albanischen Hauptstadt überall sichtbar - zwischen den Häusern, an Mauern, über und entlang der Straßenzüge - während die Netze etwa in Österreich unsichtbar, weil wireless oder in Böden und Mauern versenkt sind.

Die grimmige Witwe Hodscha


Von der Chronologie her müsste man die Ausstellung eigentlich vom letzten Raum aus begehen. Hier liegt noch etwas vom bedrohlichen Geist der alten Diktatur im Äther. Benzenberg hat hier eine Installation mit einem Porträt von Enver Hodschas Witwe eingerichtet, die noch immer, wenn auch sehr zurückgezogen, in Tirana lebt. Wie die Künstlerin durchblicken lässt, sei sie schockiert gewesen, als sie die Diktatorenwitwe zu Hause besucht habe. Im Regal seien Bücher und Statuen von Lenin und Enver Hodscha aufgereiht gewesen, als ob es nie einen Umbruch gegeben hätte. Auch auf den Fotos, die Benzenberg machte, sei die Witwe als beherrschte, gutaussehende, gepflegte, harmlose alte Dame rübergekommen. Was sie in Anbetracht der Vergangenheit der Diktatorenwitwe auf keinen Fall so wollte. Sie habe daher am Schluss um ein letztes Bild ohne gekünstelten Schnickschnack gebeten. Als die Hodscha-Witwe sie daraufhin grimmig angeschaut habe, habe sie genau in diesem Augenblick abgedrückt. Das entscheidende Bild sei damit im Kasten gewesen. Das finstere Schwarzweiß-Porträt erinnert, über einem schweren Polstersessel hängend, an die dunklen Zeiten Albaniens.

Verstärkt wird die düstere Vergangenheit durch eine Farbfotografie auf Leinwand an der Seitenwand des Raumes. Es stellt eine verlorene Dame an der Bar des Hotels Dajti dar, das während der kommunistischen Ära nur für Politbüromitglieder, dem Geheimdienst sowie wenigen Ausländern zugänglich war. Von der Fotografie strömt eine Einsamkeit aus, wie sie sonst nur in Bildern von Edward Hopper spürbar ist. Nach dem Umbruch wurde das Hotel übrigens für Hochzeiten und sonstige Feierlichkeiten zur Verfügung gestellt. 2008 dann wurde es für immer geschlossen.

Im nächsten Raum dann sieben mittelformatige Fotografien von Benzenberg mit sehr speziellen Motiven, wie etwa einem Ölfeld bei Fier, einer Chrommine in Bulqiza oder einer Frau im Meer. Von den Bildern geht eine fast depressive Melancholie aus. Hierauf folgt die Kabelinstallation Helfrichs, danach der Raum mit zwei Videos, in denen die beiden deutschen Frauen, Menschen in Tirana sowie in Bregenz Fragen zu Albanien stellen. Zum Abschluss im letzten Raum nochmals eine Installation aus Fotografie und Videoprojektion von Kirsten Helfrich mit dem Titel „Helden im Ruhestand“. Hintergrund dieser Arbeit sind die typischen Bauten aus der Zeit der Diktatur, die gegenüber dem neuen Bauen immer mehr in den Hintergrund treten und allmählich verfallen oder abgerissen werden. Auch die vielen Denkmäler und Statuen, die die früheren Machthaber errichten ließen, sind aus dem Stadtbild verschwunden. Überrascht aber war Helfrich, als sie im Hinterhof der Nationalgalerie auf etliche Exemplare dieser Monumente stieß. Ihr Versuch, diese anachronistischen Dinger zu fotografieren, sei abruppt gestoppt worden, sagt die Künstlerin. In der Raumprojektion legen sich die Schatten der Ausstellungsbesucher über die „Helden“ der verbotenen Fotografie, und somit kommt auch hier wieder dieses „Lost & Found“ wieder sprichwörtlich zum Tragen.

Benzenberg und Helfrich haben sich davor gehütet, die Räume mit zu viel Material zu überfrachten. Die Zurückhaltung nimmt sich gerade in Bezug auf dieses Thema gut aus. Die Künstlerinnen geben damit auch dem Nachdenken den entsprechenden Raum.

 

Jutta Benzenberg und Kirsten Helfrich:
„Lost & Found – Wer reist denn schon nach Albanien?“

Villa Claudia, Feldkirch
Bis 20.12.2015
Fr 16-18, Sa 15 -18, So 10-12 u. 15-18
www.kunstvorarlberg.at

Jutta Benzenberg: Mitten im Feld zwischen Fier und Berat (Fotografie)

Jutta Benzenberg: Mitten im Feld zwischen Fier und Berat (Fotografie)

Jutta Benzenberg: Das Ölfeld bei Fier (Fotografie)

Jutta Benzenberg: Das Ölfeld bei Fier (Fotografie)

Jutta Benzenberg: "Hajde Ulu!" - Nexhmije Hoxha, Witwe von Enver Hodscha, fotografiert 2011

Jutta Benzenberg: "Hajde Ulu!" - Nexhmije Hoxha, Witwe von Enver Hodscha, fotografiert 2011

Kirsten Helfrich: Mos ki merak, 2015, Kabelinstallation

Kirsten Helfrich: Mos ki merak, 2015, Kabelinstallation

v.l.n.r.: Fotografin Jutta Benzenberg, Kunst.Vorarlberg-Präsidentin Kathrin Dünser und Künstlerin Kirsten Helfrich (Fotos: Karlheinz Pichler)

v.l.n.r.: Fotografin Jutta Benzenberg, Kunst.Vorarlberg-Präsidentin Kathrin Dünser und Künstlerin Kirsten Helfrich (Fotos: Karlheinz Pichler)

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