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30.12.2015 |  Karlheinz Pichler

„Meister der schönen Dinge“ - Thomas Bohle, Christoph und Markus Getzner sowie Karl-Heinz Ströhle im QuadrArt Dornbirn

Die aktuell laufende und von Ingrid Adamer kuratierte Ausstellung im QuadrArt Dornbirn trägt den etwas verwirrenden Titel „Connected“. Verwirrend deshalb, arbeiten doch Thomas Bohle, Christoph und Markus Getzner sowie Karl-Heinz Ströhle material- und werkstrategisch völlig unterschiedlich. Spannend sind die drei Positionen allemal, auch wenn Ströhle und die Getzners im Vorarlberger Ausstellungsgeschehen zuletzt eindeutig überrepräsentiert waren. Im Unterschied zu Bohle, der wiederum im Lande viel zu selten zu sehen ist.

Für die nunmehr 24. Ausstellung der nach einem Kuratorenkonzept organisierten „Ansichten“-Reihe hat Ingrid Adamer aus der Sammlung des Hausherren Erhard Witzel Keramiken von Thomas Bohle ausgewählt und diesen die Arbeiten von Karl-Heinz Ströhle und den Gebrüdern Getzner gegenübergestellt. Dabei lassen sich direkte Verbindungslinien noch am ehesten zwischen Bohle und Ströhle aufspüren. Denn beide Künstler können auf längere Japanaufenthalte verweisen und bei beiden spielen runde, schwingende Formen und Linien eine tragende Rolle.

Dynamische Abfolge von Schwung und Gegenschwung


Der 1958 in Dornbirn geborene Bohle zählt in der Gefäßkeramik international zu den Ausnahmeerscheinungen. Mit seinen doppelwandigen, in handwerklicher Perfektion an der Drehscheibe geschaffenen Objekten belegt er, dass die Gefäßkeramik als künstlerisches Statement nichts an seiner Aktualität eingebüßt hat und in ihrer formalen strengen Radikalität noch immer progressive Behauptungen setzen kann. Die Außen- und Innenformen der Gefäße von Bohle bilden einen betonten Kontrast, der von einer dynamischen Abfolge von Schwung und Gegenschwung, konkaven und konvexen Partien getragen wird. Der Künstler selber denkt in den von seinen Vorstellungen abgeleiteten und von seinen Händen geformten Gebilden eher an Behausungen oder architektonische Modelle anstatt an bloße Gefäßstrukturen. Die den Objekten innewohnende Sinnlichkeit und Haptik wird durch die reduziert (weil mit wenig Sauerstoff) gebrannten Ochsenblut- und Seladonglasuren und den damit zusammenhängenden unterschiedlichen Farbgebungen und Oberflächenstrukturen zusätzlich unterstrichen.

Neben zwei „Großen Schalen“ und einer „Weißen Gruppe“ von acht verschiedenen Arbeiten ist in der Ausstellung aber auch noch eine Dreierserie von Röntgenaufnahmen zu sehen, die die spannenden Innenräume der Plastiken offen legen. Bohle hat sich in jüngster Zeit verstärkt mit solchen Röntgenbildern auseinandergesetzt. Sie gewähren dem Betrachter bislang nicht bekannte Einblicke in das Innenleben der Skulpturen. Technisch unterstützt wird Bohle beim „Röntgen“ seiner Keramikgefäße vom Veterinärmediziner Markus Greissing.

Bohle hat weltweit bereits in einer Reihe wichtiger Institutionen ausgestellt, wie beispielsweise im Victoria and Albert Museum, London. Die Bedeutung der Keramik in Japan und China und die dortige Wertschätzung von Bohles Werken brachte dem Dornbirner Künstler in China sogar den ehrenvollen Titel „Meister der schönen Dinge“ ein.

Affirmativen Prozessen folgend


Der 1957 in Bregenz geborene und heute in Wien lebende und arbeitende Karl-Heinz Ströhle ist in „Connected“ mit einer Skulptur, einer Fotografie sowie Öl-auf-Baumwolle-Werkbeispielen seiner aktuellen Bilderserie „Blow“ präsent. Allen diesen Kunstwerken liegt das Prinzip des „Affirmativen“ zugrunde, nach dem Formen in Schwingungen versetzt werden und dann wieder zu ihrem ursprünglichen Zustand zurückkehren. In Bezug auf seine Bilder heisst dies etwa: „Ich baue einen Rahmen und klemme die Federstahlbänder ein, um ein Spannungsverhältnis zu erreichen. Anschliessend werden die Formen fixiert. Entscheidend ist dabei die Tatsache, dass ein an sich lebloses Material durch Verformung auf wunderbare Weise lebendig wirkt. Ausgehend von diesen 3D-Modellen entstehen die Bilder (gedruckt, gespritzt, gemalt, fotografiert ...) Was mich an den neuen Arbeiten interessiert, ist der Aspekt des Plastischen und Pneumatischen,“ erklärt der Künstler. Die aus der Kreisform abgeleiteten Geometrien und Liniensysteme erinnern teils an grosse Blasen, die sich durch Abstossung verformen und wieder in die Ursprungszustände zurückdrängen. Oder, so es sich um auf reine Linienstrukturen reduzierte „Quetschungen“ handelt, an vielfach übereinandergelegte Achterbahnen. Die neueren Öl-Bilder auf Baumwolle werden durch zusätzliche formale Elemente wie Abdrücke von Staubstaugerschläuchen oder Gummireifen angereichert, die der Künstler dem Bildträger durch Abklatschtechniken einschreibt.

Die Kürze des Daseins


Die Werke des verbrüderten Künstlerduos Christoph und Markus Getzner unterscheiden sich nicht nur formal von Bohle und Getzner, sondern auch dadurch, dass sie inhaltlich stark aufgeladen sind. Das geht schon aus den Bildtiteln der im QuadrArt gezeigten Bildern und Objekten hervor, die etwa „Die Kraft des Feuers nimmt mit dessen Ausbreitung zu“ oder „Behausung für die Kürze des Daseins“ lauten. Denn bei diesem Duo ist das künstlerische Schaffen unmittelbar mit dem Leben verwoben. Kunstwerke entstehen gleichsam als konditionierte Begleitumstände eines Daseins, das sich stark an geistigen Werten orientiert. So ist der Bildhauer Christoph Getzner Mitglied der Dombauhütte zu St. Stephan in Wien, während der Zeichner und Maler Markus Getzner, der bei Arnulf Rainer und Bruno Gironcoli studierte, als Mönch im tibetisch-buddhistischen Kloster Rabten Choeling am Genfer See lebt. Die meisten Arbeiten der ebenfalls aus Vorarlberg stammenden Künstler drehen sich um die Vergänglichkeit des Daseins. Zu ihrem formalen Repertoire gehören Installationen, Objektkästen und Skulpturen genauso wie Zeichnung und Malerei. Durch das Aufgreifen von Vanitas-Symbolen, wie Totenschädel oder an Schreine und Sarkophage erinnernde Elemente, sowie von Sinnbildern der abendländischen Kulturgeschichte lassen sie bizarre, barockisierende Bildwelten entstehen. Aktuelle Zitate wie etwa Flugzeuge oder Panzer unterstreichen die Flüchtigkeit und Morbidität der Existenz, architektonische Elemente stehen für innere und äußere Zuflucht. Immer wieder fließen auch biografischen Metaphern und Zitate zur abendländischen Ikonografie ins Werk ein.

 

Connected
Thomas Bohle, Karl-Heinz Ströhle, Christioph und Markus Getzner im Quadrart Dornbirn
Bis 28. Februar 2015
Do. / Fr. / Sa 17-19
und nach Vereinbarung
www.quadrart-dornbirn.com

Christoph u. Markus Getzner: "Der vorletzte Bergbauer". 2015, Holz, Papiermasché, Eitempera

Christoph u. Markus Getzner: "Der vorletzte Bergbauer". 2015, Holz, Papiermasché, Eitempera

Thomas Bohle: "Weisse Gruppe", 2015

Thomas Bohle: "Weisse Gruppe", 2015

Karlheinz Ströhle: o.T., Öl auf Baumwolle, 2015

Karlheinz Ströhle: o.T., Öl auf Baumwolle, 2015

Zwei Eitempera-auf-Holz-Arbeiten von Christoph u. Markus Getzner, 2013

Zwei Eitempera-auf-Holz-Arbeiten von Christoph u. Markus Getzner, 2013

Thomas Bohle: o.T., Fotos auf Diacec. 2015

Thomas Bohle: o.T., Fotos auf Diacec. 2015

Karl-Heinz Ströhle Karl: o.T., Baustahl, 2015 (Fotos: Karlheinz Pichler)

Karl-Heinz Ströhle Karl: o.T., Baustahl, 2015 (Fotos: Karlheinz Pichler)

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  • Christoph u. Markus Getzner: "Der vorletzte Bergbauer". 2015, Holz, Papiermasché, Eitempera Christoph u. Markus Getzner: "Der vorletzte Bergbauer". 2015, Holz, Papiermasché, Eitempera
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  • Karl-Heinz Ströhle Karl: o.T., Baustahl, 2015 (Fotos: Karlheinz Pichler) Karl-Heinz Ströhle Karl: o.T., Baustahl, 2015 (Fotos: Karlheinz Pichler)